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Olivier Seiler flog Ende Dezember für die Rettungsflugwacht Rega nach Thailand. Die Schicksale der Tsunami-Opfer haben sich ihm tief eingeprägt.
Olivier Seiler, denken Sie oft an die Tage in Thailand?
Immer wieder. Ich habe das Erlebte inzwischen viele Male erzählt. Das hilft, das Gesehene und Gehörte zu verarbeiten.
Was haben Sie erlebt?
Wir kümmerten uns um Schweizer Patienten, klärten Komplikationen ab, verabreichten Antibiotika und Schmerzmittel, prüften, wer transportfähig war. Ausserdem hörte ich den Verletzten einfach zu, litt und hoffte mit ihnen. So früh nach dem Unglück durften wir ja noch hoffen. Eine Frau vermisste ihren Mann und ihre zwei kleinen Kinder. Sie zeigte mir Fotos. Später erfuhr ich, dass ihre Familie nicht mehr lebt. Es war grauenhaft. Hinter jedem Schicksal steht für mich ein Gesicht.
Was ging in solchen Momenten in Ihnen vor?
Die Schicksale gingen mir sehr nahe, aber als Arzt kann und muss ich Gefühle während der Arbeit unter Kontrolle halten. Sonst kann ich nicht professionell arbeiten. In solchen Extremsituationen funktioniere ich einfach.
Gab es Situationen, bei denen Sie Tränen in den Augen hatten?
Ja. Sehr emotionale Momente. Aber die möchte ich nur mit den Patienten teilen.
Fühlten Sie sich hilflos?
Am Anfang vielleicht, als mir die Dimension der Katastrophe bewusst wurde. Es sind so viele Menschen betroffen, und die geografische Ausdehnung ist gigantisch. Unser Team sass in Hatyai, und ich fragte mich: Was ist mit all den Verletzten in Sri Lanka, Indien, Indonesien? Aber niemand kann die ganze Welt retten.
Sie konzentrierten sich auf die Schweizer?
Ja. Die Rega hat einen klaren Auftrag. Es gab genügend Organisationen vor Ort, die sich um die anderen Verletzten kümmerten. Das musste ich mir immer wieder sagen. Vieles war chaotisch. Wir hatten nur eine Liste mit 35 Namen, als wir in Richtung Thailand losflogen. 35 Namen von Schweizern, die sich direkt oder über Verwandte bei der Rega gemeldet hatten. Bei einigen wussten wir nicht einmal genau, in welchem Spital sie lagen.
Konnten Sie alle Patienten zurückfliegen?
Nein. Wir hatten nur fünf Plätze. Wir mussten entscheiden, ohne zu wissen, in welchem Zustand weitere Verletzte eingeliefert würden. Das war hart. Es gab Patienten mit Schädelbrüchen, ein Mann hatte fast seine Hand verloren. Viele Verletzte hatten abscheuliche Wunden, die zu Infektionen führten. Die Frau, die ihre Familie vermisste, wollte bleiben. Wir notierten ihren Namen, Geburtstag und Zimmernummer. So konnte sie in dem Chaos nicht verloren gehen.
Haben Sie mit Ihren Teamkollegen über das Erlebte gesprochen?
Nein. Dazu fehlte vor Ort die Zeit. Ich sprach erstmals zu Hause mit meiner Frau darüber.
Wie erlebten Sie die Tage nach Ihrem Einsatz?
Ich war froh, arbeiten zu können. Der innere Motor lief immer noch auf Hochtouren.
Erhielten Sie professionelle Betreuung?
Ja. Es gab ein Gespräch innerhalb der Rega und später eine freiwillige Nachbesprechung mit externen Fachleuten, ein so genanntes emotionales Debriefing. Es tat gut, mit anderen zu reden, die Ähnliches erlebt hatten. Aber es war auch sehr anstrengend, alles nochmals in Worte zu fassen.
Woher nahmen Sie die Kraft für so einen Einsatz?
Oft reichte das Lachen eines Patienten oder ganz einfach seine Dankbarkeit. Ich konnte den Betroffenen Halt geben. Das ist befriedigend.
Welches Bild der Flutkatastrophe wird Ihnen bleiben?
Ich habe die Flutwelle selbst nicht gesehen. Aber was die Patienten erzählten, hat sich mir eingeprägt: Eine riesige Waschmaschine, die alles umherschleudert: Häuser, Autoteile, Baumstämme, Leichen.
19. Januar 2005 | Claudia Imfeld
