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Wenn an der Börse kaum Gewinne zu machen sind, haben selbst ernannte Anlagegurus Hochkonjunktur. Zum Beispiel der dubiose Afredo Cuti mit seiner Firma Aktienpower. K-Geld besuchte einen Informationsabend.
Rund 20 Männer und eine Frau warten an diesem Mittwochabend im Seminarraum des Hotels Münchwilen in Münchwilen TG auf die «Wahnsinnssache mit der Börse». Auf dem Programm steht ein «kostenfreier Infoabend von Alfredo Cuti».
Der 30-jährige Deutsche, eine in Finanzkreisen gänzlich unbekannte Grösse, bezeichnet sich selbst als «der in Europa führende Experte auf dem Gebiet der konstanten und schnellen Geldvermehrung an der Börse».
Die Erwartungen unter den Teilnehmern sind entsprechend hoch. In der Einladung hiess es ja auch unmissverständlich: «Hier erfahren Sie, wie Sie Ihr Geld selbst verwalten und immer Gewinne realisieren, egal ob die Aktienkurse steigen oder fallen. Wie Sie den absoluten Schutz vor jedem Crash haben. Wie Sie jedes Jahr Ihr Kapital mindestens verdoppeln.»
Leider erscheint Cuti dann nicht persönlich. Stattdessen leitet Agenturdirektor Horst Blumenstein durch den Abend. Er ist doppelt so alt und halb so beredt wie Cuti, wie sich bald herausstellt.
Die Teilnehmer erfahren lediglich, dass die Firma Aktienpower in Baar ZG domiziliert sei und dass seit Oktober 2000 insgesamt 5000 Personen die Aktienpower-Seminarien besucht hätten. Diese würden in Deutschland, Österreich und ab 2005 auch in Italien stattfinden. In Münchwilen steht kein Seminar an, sondern nur ein Infoabend.
Dann kommt Cuti doch noch, wenn auch nur auf Leinwand. Der topseriös gekleidete Jungdynamiker legt gleich los. Ein Redeschwall ergiesst sich auf das Publikum. Inhaltlich ist der Vortrag dürftig. Cuti wiederholt sich endlos.
Aktienpower: Ähnlichkeiten mit einer Sekte
Einige Tage später am Hauptsitz von Aktienpower in Baar. Cuti empfängt den K-Geld-Reporter. Er sei medienscheu, sagt Cuti einleitend, und er wolle sich nicht seine Firma kaputtmachen lassen. Immer wieder versteckt er sich hinter seinem «Betriebsgeheimnis». Auch die Seminarteilnehmer müssen eine Geheimhaltungs-vereinbarung unterzeichnen. Sie sollen sich als Teil eines geschlossenen Zirkels der Eingeweihten fühlen.
Ähnlichkeiten mit einer Sekte sind offensichtlich. Die Seminare, für die an Infoabenden wie in Münchwilen geworben wird, sind ein 16 Stunden dauerndes Happening mit viel Musik und viel Begeisterung, Cuti tritt auf wie ein allwissender, übermotivierter Prediger, die Seminarteilnehmer hängen an seinen Lippen.
In ihrer Fanpost streichen sie denn auch die «edlen Beweggründe des Herrn Cuti» heraus, reden sich ein, «dieses Seminar hat mein Leben verändert», und danken «für die Kraft, die du mir gibst».
Zumindest privat hat Cuti tatsächlich eine Beziehung zu Sekten. Er engagiere sich dafür, Leute aus solchen totalitären Strukturen rauszuholen. Ob daraus gute Kunden für Aktienpower würden? «Eben nicht», sagt er.
Am Münchwiler Infoabend ist der erste Teilnehmer soeben eingeschlafen. Cuti ereifert sich zunehmend, beginnt wild zu gestikulieren, erklärt zum x-ten Mal das Auf und Ab an der Börse.
Und er entwirft eine wirre Verschwörungstheorie: die Masse gegen die Profis. Die Masse sind die Kleinanleger. Ihr einziger Daseinszweck: die Profis reicher zu machen. Die Profis tricksen die Masse aber laufend aus und verdienen dabei «Ultramilliarden». Cuti ist voller Mitleid für die ewigen Verlierer: «Die Masse weint, die Masse hat Schmerzen, die Masse hofft.»
Aber er hat die Lösung: eine geheimnisumwitterte Software. Diese soll dem Anleger erlauben, durch drei Strategien Geld zu verdienen. Garantiert und ohne Risiko. «Ultraeinfache Strategien», wie Cuti mehrfach betont. Die Goldstrategie, die Platin- und die «ultrageniale» Turboplatinstrategie.
Alle drei stützen sich auf eine Entdeckung von Cuti. «Ich hatte eines Tages zufällig eine Linie auf dem Bildschirm, die nannte ich dann Schorschi», verriet er der Zeitschrift «Noch erfolgreicher!». Dieses Schweizer Magazin wirbt heftig für Cutis Aktienpower und wartet mit vielen weiteren «Erfolgspaketen» auf - etwa mit einem Wecken-Sie-den-Sieger-in-sich-Hörbuch.
Beim Interview in Baar geht Cuti wiederholt in Abwehrstellung. Mehrmals droht er das Gespräch abzubrechen. Co-Geschäftsleiterin Monika Ahl, die ihm assistiert, versucht ebenfalls mehrfach, die Fragen ins Lächerliche zu ziehen.
Endlich zeigt Cuti sein Börsenprogramm. Die Software ähnelt stark herkömmlichen Anwendungen wie Money Maker, welche die Aktienkurse grosser Firmen darstellen und mit Hilfe der Chart-Analyse Prognosen über den künftigen Kursverlauf ermöglichen.
Auch er halte sich an die Chart-Analyse, sagt Cuti. Diese betrachtet die Aktie und deren Kursverlauf anhand von Erfahrungswerten, aber losgelöst vom Unternehmen. Sie bedient sich beispielsweise einer so genannten gleitenden Durchschnittskurve. Diese gibt den längerfristigen Trend eines Kurses an. Aus ihrem Verlauf lassen sich Trendprognosen ableiten.
Diese gleitende Durchschnittskurve verhält sich wie der Schorschi. Weil der Schorschi jedoch Teil des Betriebsgeheimnisses ist, verrät Cuti nichts darüber.
Die Besucher des Infoabends in Münchwilen bekommen den Schorschi und die Aktienpower-Software nicht eine Sekunde lang zu Gesicht. Sie erfahren bloss, dass der Schorschi ganz einfach funktioniere, ultraeinfach: Wenn er den Kursverlauf einer Aktie kreuze, sei das ein Kaufs- beziehungsweise Verkaufssignal.
Auch diese beiden Begriffe entstammen der ChartAnalyse. Im Gegensatz zu Cuti sagen Chart-Analytiker aber unmissverständlich: Kaufen Sie niemals eine Aktie nur aufgrund ihres Charts. Und: Jeder noch so sicher wirkende Chart birgt unkalkulierbare Risiken.
Software gleicht Programmen für unter 100 Franken
Am Infoabend tönt das anders: Der Benutzer muss nur jeden Morgen seinen Computer starten und kontrollieren, ob ein Kaufs- oder Verkaufssignal vorhanden ist. Falls ja, brauchts bloss noch einen betreffenden Auftrag bei der Bank. Und so soll dann das Vermögen wachsen - garantiert und auf Dauer.
Beim Gespräch in Baar relativiert Cuti allerdings. Da heissts dann plötzlich nur noch: 100 Prozent Gewinn pro Jahr sind machbar. Sind machbar? Am Infoabend gabs dafür noch eine Garantie. Der Reporter fragt nach, Cuti windet sich, sagt, «100 Prozent Gewinn kann man machen». Kann man machen? Co-Geschäftsleiterin Ahl greift ein, sagt unmissverständlich: «Man macht mindestens das Doppelte in einem Jahr.» Ende der Diskussion.
Im Hotel Münchwilen hält Agenturdirektor Blumenstein das Video an. Während des 16-stündigen, von Cuti geleiteten Seminars lerne man alles über den Schorschi und das Erreichen der finanziellen Freiheit. Das Seminar koste 1490 Euro. Hinzu kämen die Aktualisierungen der Software für 24 Euro pro Monat.
Wer sich jedoch gleich für das Seminar anmelde, müsse nur 990 Euro zahlen - plus 16 Prozent Mehrwertsteuer. Fast 1800 Franken für einen Vortrag und eine Börsensoftware mit vergleichbaren Funktionen wie ein im Handel für weniger als 100 Franken erhältliches Produkt.
Ein Teilnehmer fragt: «Wird am Seminar mit dieser Software gearbeitet?» Blumenstein: «Nein», worauf er sogleich wieder von der Software schwärmt. «Eine 24-jährige Kindergärtnerin zum Beispiel - die hatte also wirklich keine Ahnung - die machte 106 Prozent in einem Monat.»
In Baar sagt Cuti: «Wir haben Kunden, die haben alles verloren. Es gibt immer wieder Positionen, wo man mal 2 oder 3 Prozent verliert.»
Jetzt lässt Blumenstein den letzten Teil des Videos laufen. Cuti ist hier ganz entspannt, spricht erlösende Worte: «Ihre finanzielle Freiheit ist mir wichtig. Es gibt so viel Gutes, das man tun kann. Im Bereich der Kinder zum Beispiel.» Und er schliesst seine Predigt mit den Worten: «Es ist Ihr Geburtsrecht, im Überfluss zu leben.»
In Baar betont Alfredo Cuti mehrfach, wie wenig er mit den Seminarien verdiene. 55 Prozent der Einnahmen gingen an den Vertrieb, also etwa an Blumenstein. Darin inbegriffen sei der Support für die Software.
Rund die Hälfte der Teilnehmer am Infoabend in Münchwilen hat sich für das Seminar angemeldet. Insgesamt dürften mehr als 10 000 Euro eingenommen worden sein. Man rechne!
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15. Dezember 2004 | Philipp Lütscher
