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Die Pharmaindustrie nimmt sich der Patientengruppen an: bezahlter gemeinsamer Internetauftritt, eine Patienten-Charta - und jetzt noch ein neuer Verein.
Der neu gegründete Verein nennt sich patienten.ch und hat ein vornehmes Ziel: «Stimme zu sein für die Patienten in der Öffentlichkeit». Und er lässt bereits Taten folgen: So stellte er kürzlich eine Patienten-Charta vor, die den Umgang zwischen Patienten und Ärzten regeln soll. Zudem will er eine Vorsorgevereinbarung ausarbeiten, die den Willen der Patienten nach dem Tod regelt.
Doch was der Verein weder auf seiner Website noch in seinen Statuten schreibt: Die vereinigte Pharmaindustrie - die Interpharma - mischt im Hintergrund mit. Denn der neue Verein ist aus der Patientenplattform hervorgegangen, einer losen Vereinigung der Interpharma, der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften und der Huntington-Vereinigung. Die Plattform bietet Patientengruppen gratis einen Internetauftritt an. Diese Plattform hat auch die Patienten-Charta vorbereitet.
Vertreter von unabhängigen Organisationen sind verärgert. Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation SPO: «Die Pharmaindustrie mischt sich immer mehr in die Anliegen der Patienten ein.» Für Kessler ist klar: «Auf diese Weise hofft sie, an Patienten für die Forschung zu kommen. Zudem kann sie Einfluss auf deren Behandlungen nehmen.»
«Das Ziel von Plattform und Verein ist Lobbyarbeit»
Auch Herbert Holliger von Anthrosana, einer Vereinigung zur Förderung der anthroposophischen Medizin, kritisiert: «Das Ziel der Plattform und des Vereins ist es, Lobbyarbeit zu machen - für medizinische Behandlungen und für ein forschungsfreundliches Klima.» Das nütze vor allem der Industrie: «Sie will teure Medikamente und Therapien verkaufen.»
Interpharma-Sprecher Heinz K. Müller weist die Vorwürfe zurück: «Wir machen keine Politik. Wir beeinflussen die Patienten nicht.» Die Interpharma würde lediglich die Organisation und teilweise die Finanzen zur Verfügung stellen.
Müller räumt allerdings ein, dass die klinische Forschung ein «wichtiges Thema» sei. Aber, so Müller: «Wir mischen uns nicht ein.» Die Interpharma sei auch nicht Mitglied im neuen Verein, sie würde ihn nur «projektbezogen» unterstützen. Im Übrigen würde die Patientenplattform auf Ende Jahr aufgelöst. Dies bestätigt Conrad Engler, Sekretär des Vereins patienten.ch. Nur noch der Verein bleibt bestehen.
Auch die Patienten-Charta hätten Patienten ohne «inhaltliche Mitwirkung der Interpharma» ausgearbeitet. Als Grundlage dazu diente zwar die europäische Charta. Doch die Patientenplattform hat diese abgeändert - ganz nach dem Geschmack der Pharmaindustrie: In der Charta wird unter anderem verlangt, dass Krankenkassen Behandlungen bezahlen sollen, die wissenschaftlich noch nicht abgesichert sind. Zudem enthält die Charta Abschnitte, welche die Teilnahme der Patienten an der klinischen Forschung regeln und die fordern, dass man in der Schweiz ein forschungsfreundliches Klima schaffen müsse. Eine Umsetzung solcher Forderungen würde das Gesundheitswesen massiv verteuern.
Margrit Kessler: «Solche Forderungen haben in einer Patienten-Charta nichts zu suchen.» Viele unabhängige Anlaufstellen für Patienten, so auch die SPO oder Anthrosana, haben sich denn auch von der Charta distanziert. Sie wollen sich dafür einsetzen, dass das Parlament endlich ein Patientengesetz ausarbeitet. Unabhängig von der Pharmaindustrie.
Adressen
Unabhängige Patientenorganisationen, Beratungstelefone Diese setzen sich für die Rechte der Patienten ein:
- Schweizerische Patientenorganisation: Tel. 0900 56 70 47 (Fr. 2.13/Min.)
- Schweizerische Patientenstelle: Tel. 0900 10 41 23 (Fr. 2.-/Min.)
Diese Organisation vermittelt Selbsthilfegruppen:
- Kosch, Koordination und Förderung von Selbsthilfegruppen: Tel. 0848 81 08 14
08. Dezember 2004 | Tobias Frey - tfrey@pulstipp.ch
