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Artikel | saldo 20/2004

Aggressiver Telefonverkauf

«Kalte Anrufe» nehmen zu: Selbst ein Eintrag im Telefonverzeichnis schützt nicht vor unliebsamen und aufdringlichen Telefonverkäufern.

Guten Abend Herr A., gratuliere, Sie haben bei unserem Wettbewerb gewonnen.» Solche Anrufe erhalten gegenwärtig Tausende von Haushalten - auch abends nach 20 Uhr. «Auf Sie wartet ein toller Preis: eine Weindegustation bei Ihnen daheim. Wann haben Sie Zeit?» Der Verkauf per Telefon hat in den letzten Monaten stark zugenommen. Nicht nur, dass die Umfragen immer häufiger werden - neuerdings kommen auch gewiefte Verkäufer und Spendensammler hinzu. Zahlreiche saldo-Leserinnen und -Leser beklagen sich, dass sie fast zu jeder Zeit ungebetene Werbeanrufe - sogenannte «kalte Anrufe» - erhalten. Ob am Tag, Abend oder Wochenende - die Callcenter-Computer sind so programmiert, dass die privaten Nummern immer wieder angewählt werden, bis jemand abnimmt.

In der Schweiz sind über 20 000 Personen in rund 650 Callcentern beschäftigt. Die meisten arbeiten dabei in Telefonzentralen, die von den Unternehmen selber betrieben werden; die grössten Callcenter haben Telekomfirmen, aber auch Versicherungen, Banken, Kreditkartenunternehmen und grosse Zeitungsverlage.

So schlimm wie in den USA ist der Missstand in der Schweiz allerdings noch nicht. Eine amerikanische Familie der Mittelschicht erhält im Durchschnitt über 80 Werbeanrufe pro Jahr. Zum Schutz vor den ärgerlichen Anrufen blüht in den Staaten das Geschäft mit «Tele-Zappern» - preiswerte Geräte, die computergesteuerte Anrufe von Telemarketing-Firmen erkennen und unterbrechen.


Deutschland hat Werbeanrufe verboten

Anders hat Deutschland das Problem gelöst: Dort sind die «kalten Anrufe» der Telefonverkäufer seit diesem Sommer durch die Revision des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb kurzerhand verboten worden.

In der Schweiz wird die Flut der unerwünschten Anrufe durch kein Gesetz eingedämmt. Immerhin versucht die Branche den Ärger der Angerufenen mit eigenen Richtlinien in Grenzen zu halten. Anrufe vor 8.30 Uhr (am Samstag vor 9.30 Uhr und nach 20 Uhr) werden angeblich vermieden. Eine Sprecherin der auf ausgehende Anrufe spezialisierten Freiburger Firma Phone Marketing versichert zudem, dass sich das Unternehmen auch an die Stern-Einträge im Telefonbuch halte. Der Stern soll bewirken, dass die Adresse samt Telefonnummer nicht weiterverkauft wird und vor Werbeanrufen gefeit ist.


Stern-Eintrag im Telefonbuch nützt nicht viel

Doch Beschwerden aus der saldo-Leserschaft zeigen: Sterne hin oder her - wortgewandte Verkäufer versuchen ihre Waren und Dienstleistungen per Telefon an jede Kundschaft zu bringen. Einer der Hauptgründe dafür: Verschiedene Telefonvermarkter beziehen ihre Nummern nicht aus dem Telefonbuch, sondern von Adresshändlern. Und wenn jemand bei einer Firma bereits einmal Waren bestellt oder eine Dienstleistung in Anspruch genommen hat, dann darf er trotz Stern-Eintrag angerufen werden - er gilt aufgrund der früheren Geschäftsbeziehung als Kunde.

Immer häufiger versuchen gerissene Anbieter die fehlende Geschäftsbeziehung mit einem Trick herzustellen: Sie behaupten einfach, der Angerufene hätte irgendwann an einem Wettbewerb teilgenommen.



So können Sie sich vor Werbeanrufen schützen

Verlangen Sie bei Swisscom Directories unter Tel. 0848 86 60 86 einen Stern-Eintrag im Telefonbuch.

Wenn Sie trotzdem ärgerliche Werbeanrufe erhalten: Lassen Sie sich nicht bestürmen; drehen Sie den Spiess um und fragen Sie den Anrufer selber aus. Erkundigen Sie sich nach seinem Vor- und Nachnamen und nach der Callcenter-Firma. Notieren Sie Tag und Uhrzeit sowie den Grund des Anrufs beziehungsweise das Produkt, das Ihnen angeboten worden ist.

Schicken Sie die Angaben an: Redaktion saldo, Postfach 723, 8001 Zürich oder per E-Mail an redaktion@ saldo.ch. Die Redaktion sammelt die Beschwerden und klärt die Hintergründe bei den Callcentern und deren Auftraggebern ab.

08. Dezember 2004 | Samuel Angler


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