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Artikel | Haus & Garten 4/2004

Bücher, um literarisch zu überwintern

Lange Winterabende und viel Zeit zum Lesen: SPEZIAL empfiehlt 10 Bücher von Autorinnen und Autoren verschiedener Epochen, die sich vom Winter inspirieren liessen.

- «Sie standen verwundert im tiefen Schnee. Über ihnen wölbte sich die dunkelblaue, mit goldnen und grünen, silbernen und rötlichen Brillantsplittern übersäte Riesenkuppel des Sternhimmels. Am Mond zog ein verlassenes weisses Wölkchen vorüber. Sie schwiegen minutenlang. Aus dem Hotel klang ferne Tanzmusik. Herr Kesselhuth räusperte sich und sagte: "Morgen wird's schön." Männer neigen ergreifenden Eindrücken gegenüber zur Verlegenheit. So kam es, dass Hagedorn erklärte: "So, meine Herrschaften! Jetzt machen wir einen grossen Schneemann!" Und Schulz rief: "Ein Hundsfott, wer sich weigert! Marsch, marsch!"»

«Drei Männer im Schnee»: Erich Kästner publizierte den Roman 1934 in Deutschland, obwohl er praktisch schon Schreibverbot hatte. Er verzichtete darauf, die winterliche Szenerie politisch aufzuheizen, verpackte seinen Katzenjammer, seine Kritik an den herrschenden Zuständen lieber spitzzüngig zwischen den Zeilen. Patina angesetzt hat das Werk verblüffend wenig in all den Jahren - Kälte konserviert!
- Als die Winter noch richtige Winter waren, froren sich die Turnachkinder der Ida Bindschedler am Zürichsee die Ohren klamm. Sie hatten von Snowboarden keine Ahnung - aber trotzdem sehr viel Spass!

- Die Schneekönigin in Hans Christian Andersens gleichnamigem Märchen dagegen bleibt für alle Zeiten der Inbegriff des Bösen: Der Splitter, den sie Kay ins Auge setzt, verzerrt alles, nur die bedingungslose Liebe seiner Freundin Gerda kann ihn retten.

- Herzen gefrieren leichter im Winter. Dem Komponisten Frédéric Chopin hatte sein Arzt geraten, auf Mallorca zu überwintern, sich zu kurieren. Eine fatale Empfehlung, der er zusammen mit seiner Geliebten George Sand jedoch Folge leistete.

Dieses französische Skandalpaar: Nicht miteinander verheiratet, sie eine Schriftstellerin, die am liebsten Männerkleider trug, buchstäblich die Hosen anhatte und ihre Liebhaber häufig wechselte; er ein empfindsamer, überspannter Künstler.

Von der Insel schrieb er 1838 im ersten Überschwang, er wandle in Palma unter Palmen, zwischen Zedern, Orangen-, Zitronen- und Granatapfelbäumen. Türkisfarben sei der Himmel, das Meer schimmere wie Lapislazuli, und die Luft sei genau wie der Himmel. Doch dann kam der Winter, und der war nicht traulich:

Das unkonventionelle Liebespaar wohnte im ehemaligen Kloster Valdemossa. Wie Särge kamen George Sand die Zellen vor. Und im Februar, als sie quasi flohen, schrieb sie entnervt: «Wären wir noch einen Monat in Spanien geblieben, wären wir gestorben, Chopin und ich, er aus Tränen und Abscheu, ich vor Wut und Empörung!»
- Ein fragiles Glück findet «Die Rote» von Alfred Andersch, die, im Winter natürlich, entnervt nach Venedig flieht vor dem Ehemann und seinem Freund, mit dem sie ein Verhältnis hat. Die winterliche Lagunenstadt - ein Bild für die alltägliche Eiswüste des Lebens, wie die Kritiker konstatierten.

- Brillant hat das auch Patricia Highsmith in «Venedig kann sehr kalt sein» inszeniert. Ray Garetts junge Frau hat sich umgebracht. Hasserfüllt verfolgt ihn sein Schwiegervater. Garett entgeht einem Mordanschlag, reist dem Rächer nach Venedig nach, um ihn von seiner Unschuld zu überzeugen. Vergeblich. Hochspannung vor gespenstisch verschwommenen Kulissen!

- Die brillante und naturverbundene US-Bestsellerautorin Louise Erdrich, 1954 als Tochter eines Deutschen und einer Indianerin geboren, unterscheidet zwei Arten von Schnee: der Schnee, der den Rändern der Welt barmherzig ihre Schärfe nimmt, der sich wie eine Decke heruntersenkt und ein Segen ist; und der andere, der im Gegenteil alle Konturen schärft, die Stadt öde, schäbig und verloren wirken lässt, «wie aus Versehen in die Landschaft gesetzt, ein nur notdürftig getilgter Fehler».

In ihrem neuen, grandiosen Wälzer mit dem bewusst romantisierenden Titel «Der Gesang des Fidelis Waldvogel» beschreibt Louise Erdrich, wie ein deutscher Metzgermeister, Kriegsveteran und Tenor - und mit ihm die Seinen - in einer Kleinstadt in Minneapolis über die Runden kommt: 500 spannende und bewegende Seiten, und keine einzige zu viel!

- Ach ja, und Fräulein Smilla und das Gespür für Schnee: Geschaffen hat die störrische, alles andere als pflegeleichte grönländische Hoffnungsträgerin der interna-tional hoch gelobte dänische Schriftsteller Peter Ho/eg.

Smilla hat sich in ihre Lederhosen Seidenfutter einnähen lassen, weil sie die seidige Vereinigung aus Kühle und Wärme auf der Haut spüren will. Sie löst einen scheusslichen Kriminalfall: den Mord am sechsjährigen Nachbarjungen mit dem biblischen Namen Jesaja, der kurz vor Weihnachten im Kopenhagener Hafenviertel von einem Dach stürzt. Alles andere als ein Wintermärchen.

- Wer dagegen die grämliche Pensionistin Miss Boyle auf dem Gewissen hat, kommt in Agatha Christies unverwüstlichem Dauerbrenner «Die Mausefalle» schliesslich ans Licht. Den Krimi hat Christie 1952 als Bühnenstück bearbeitet. Seither wurde es in England ununterbrochen gespielt - und feierte im Jahr 2000 seine 20 000ste Aufführung.

- Übrigens: William Shakespeares Theaterstück «The Winter's Tale» (Das Wintermärchen) spielt grösstenteils in Sizilien - und zwar ohne eine einzige Schneeflocke. Lässt sich als hinterhältige Frage beim Smalltalk an der Ski-Bar einstreuen...

Falls gnadenlos nachgehakt wird, dies: «Das Wintermärchen» ist ein wüstes Verwirrtheater mit Königen und Schäferinnen. Es geht um Liebesverrat, Eifersucht, Mord - und bietet doch ein Happy End. Der Winter kommt allerdings in Worten vor. Zitat: «Ich nehm' deine Hand, die Hand hier, so weich wie Taubenflaum und auch so weiss, oder wie Elfenbein im Süden, oder wie Schnee, wenn ihn der Nordsturm zweimal weht...» Auswendig aufsagen empfohlen!



Winterliche Lektüre aus vier Jahrhunderten

- Erich Kästner: «Drei Männer im Schnee», dtv-Taschenbuch (TB), 13.50, Hörbuch Fr. 56.90. Erstveröffentlichung: 1934.
- Ida Bindschedler: «Die Turnachkinder im Winter», Oratio, Fr. 27.50. Erstveröffentlichung: 1909.
- Hans Christian Andersen (1805-1875): «Die Schneekönigin», Illustrationen von Bernadette, Nord-Süd Verlag, Fr. 24.80.
- George Sand: «Ein Winter in Mallorca», dtv premium, Fr. 25.90; dtv-TB, 16.-; Insel-TB 13.90; Goldmann-TB, 15.80. Erstveröffentlichung: 1842.
- Patricia Highsmith: «Venedig kann sehr kalt sein», rororo-TB, Fr. 14.-. Erstveröffentlichung: 1967.
- Alfred Andersch: «Die Rote», Diogenes-TB, Fr. 14.90. Erstveröffentlichung: 1960.
- Louise Erdrich: «Der Gesang des Fidelis Waldvogel», Eichborn, Fr. 44.90. Erstveröffentlichung: 2003.
- Peter Ho/eg: «Fräulein Smillas Gespür für Schnee», Hanser, Fr. 42.60, rororo-TB ab Oktober. Erstveröffentlichung: 1992.
- Agatha Christie: «Die Mausefalle und andere Fälle», Fischer-TB, Fr. 9.30; Scherz, 14.60. Erstveröffentlichung: 1947.
- William Shakespeare: «Das Wintermärchen/The Winter's Tale», Stauffenburg Verlag, Fr. 29.80. Erstveröffentlichung: 1610.

20. Oktober 2004 | ESTHER SCHEIDEGGER


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