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Eine saldo-Stichprobe zeigt: Coiffeurpreise sind an den Haaren herbeigezogen - und viele Betriebe ignorieren bei der Tarifbekanntgabe das Gesetz.
Wilde Locken, freche Strähnen oder eine Kurzhaarfrisur - beim Coiffeur ist fast alles möglich. Und was auf die Frisuren zutrifft, hat seine Gültigkeit auch bei den Preisen: Für ein und dieselbe Leistung gibt es je nach Geschäft horrende Preisunterschiede. Doch die Kundschaft wird häufig erst an der Kasse mit den teuren Tatsachen konfrontiert, denn viele Coiffeure kümmern sich nicht um die gesetzlichen Vorschriften und schreiben die Preise nicht an (siehe Tabelle und Kasten).
saldo prüfte bei einer Stichprobe in 37 Coiffeurgeschäften, ob die Tarife korrekt angeschrieben sind, und erkundigte sich nach den Preisen für «Waschen, Schneiden, Föhnen» bei einer Frau mit langen Haaren. Wie unterschiedlich die Kundinnen zur Kasse gebeten werden, zeigt das Beispiel St. Gallen: Bei Strubelpeter kostet der Service gerade mal 48 Franken, bei Carlo Intercoiffeur 163 Franken - das ist mehr als das Dreifache.
«In diesem Preis ist alles inbegriffen - spezielles Shampoo, Haarfestiger und Pflegespülung», rechtfertigt der Intercoiffeur-Geschäftsführer seinen stolzen Ansatz.
Coiffure Suisse appelliert an eine mündige Kundschaft
Doch «all inclusive» bieten andere Geschäfte auch, und sie verlangen dafür weit weniger: Bei Le Coiffeur in Solothurn kostet ein Damenhaarschnitt inklusive Festiger und Spülung nur 76 Franken.
Dass die Preisunterschiede zwischen den einzelnen Geschäften massiv sind, weiss auch Kuno Giger, Präsident von Coiffure Suisse, dem Verband Schweizer Coiffeurgeschäfte. Er will die Situation aber nicht dramatisieren und appelliert an eine mündige Kundschaft: «Wir haben keinerlei Preisbindung, der freie Markt spielt. Wenn eine Kundin bereit ist, viel zu bezahlen, ist das ihre Sache.» Sie könne ihre Haare ja auch bei einem billigeren Anbieter schneiden lassen, so Giger, «schliesslich gibt es über 9000 Coiffeurgeschäfte in der Schweiz».
Weniger erfreut zeigt sich der oberste Coiffeurmeister indes über ein anderes Resultat der saldo-Stichprobe: Mehr als die Hälfte der geprüften Geschäfte haben die Preise nicht so deklariert, wie es das Gesetz vorschreibt. Dabei lassen die Vorschriften keine Fragen offen, denn die Preisanschläge müssen leicht zugänglich und gut lesbar sein: «Es muss darauf geachtet werden, dass sich die Kunden vor der Behandlung ohne Nachfrage über die Preise informieren können», heisst es in einem entsprechenden Merkblatt des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco).
Nicht gross überrascht vom Ergebnis ist Jacqueline Bachmann, Geschäftsführerin der Schweizerischen Stiftung für Konsumentenschutz: «Uns erreichen immer wieder Klagen von Kundinnen, die sich über die mangelnde Preistransparenz beschweren.» Deshalb hat Bachmann auch bei Coiffure Suisse schriftlich interveniert und diesen aufgefordert, für mehr Transparenz zu sorgen.
Weniger als die Hälfte der Coiffeure sind im Verband
Die Aussichten auf eine Änderung der stossenden Praxis stehen indes schlecht. Verbandspräsident Giger: «Wir setzen uns ein für mehr Transparenz und kommunizieren unseren Mitgliedern, dass sie damit sogar mehr Kunden werben können. Aber wir können keinen Druck ausüben.» Erschwerend kommt hinzu, dass die Verbandsinformationen nicht einmal die Hälfte aller Betriebe erreichen: Nur 4000 der insgesamt etwa 9000 Geschäfte sind im Verband organisiert. Und, so Kuno Giger: «Coiffeure schneiden halt lieber Haare, als sich um Preislisten zu kümmern.»
Einige Coiffeure versprachen, Preise zu deklarieren
Damit scheint er Recht zu haben. saldo hat bei verschiedenen Coiffeursalons nachgefragt: Einige Besitzer zeigten sich überrascht und behaupteten, von der Pflicht, die Preise offen zu legen, nichts zu wissen; sie versprachen immerhin, die entsprechenden Anpassungen vorzunehmen.
Bei drei geprüften Geschäften war zwar eine Preisliste auszumachen, doch den Testpersonen half das nicht gross weiter: Entweder konnten die Tarife nicht entziffert werden, weil sie zu klein angeschrieben waren, oder die Listen waren hinter Möbelstücken oder Mänteln an der Garderobe versteckt.
Interessant die Erklärung der Geschäftsführerin der Hair Factory in Uster ZH: «Normalerweise haben wir die Preisliste draussen aufgestellt, aber in diesen Tagen priesen wir unsere Aktionen an - deshalb kam die Liste weg.»
Andere Betreiber entschuldigten ihr Versäumnis damit, dass sie vorwiegend Stammkundschaft bedienten, welche die Preise eh kennen würden. Oder sie setzen auf individuelle Beratung und einen Kostenvoranschlag, wie der Geschäftsführer von Guillaume Coiffure in Bern: Er lockt zwar mit einem in der Bundeshauptstadt günstigen Angebot für «Waschen, Schneiden, Föhnen», wer aber eine Dauerwelle will, findet keine Preisliste. Dafür wird die Kundin höflich gebeten, Platz zu nehmen. Was denn nun eine Dauerwelle koste? Antwort: «Das sage ich Ihnen, wenn Sie wieder kommen.»
Einige Coiffeure reagierten leicht erzürnt auf die saldo-Stichprobe. Dass er die Preise nicht anschreibe, sei an den Haaren herbeigezogen, meinte etwa der Geschäftsführer des Progress Teams in Basel. Wenn eine Kundin eine Preisliste verlange, erhalte sie in seinem Geschäft einen Katalog mit allen Tarifen.
«Preisgestaltung in unserem Gewerbe ist sehr komplex»
Bei Coiffure City in Langenthal BE behauptete der Geschäftsführer am Telefon, seine Preise seien angeschrieben. Beim Besuch war aber nichts zu sehen und die Preisauskünfte seiner Mitarbeiterin waren äusserst vage: Es komme halt darauf an, was noch an Pflegeprodukten dazukomme; auf eine Preisliste verwies sie jedenfalls nicht.
Auch der Geschäftsführer des Solothurner Coiffeursalons Amedeo & Adrijana Creation behauptete, seine Preise würden aufliegen: «Doch, doch, wir haben Preislisten an jedem Platz. Im Moment finde ich sie aber nicht.»
Andere Betriebe sind sich der Problematik jedoch sehr wohl bewusst und bestätigen das Bedürfnis der Kundschaft, über Preise umfassend aufgeklärt zu werden. Die Geschäftsführerin von Hair and Fashion by Benz in St. Gallen: «Unsere Preislisten sind im Druck. Die Kunden bemängelten in einer Umfrage, dass die Preise nicht angeschrieben sind. Wir wollen das deshalb ändern.»
Auch die Geschäftsführerin des Coiffeursalons Hairdesign in Langenthal kennt den Missstand: «Ich weiss, dass ich die Preise anschreiben sollte. Aber die Preisgestaltung in unserem Gewerbe ist sehr komplex. Und ich will schliesslich jene Preise anschreiben, welche die Kunden dann auch tatsächlich zu bezahlen haben.»
Schriftliche und mündliche Angaben oft nicht gleich
Damit trifft die Coiffeuse einen heiklen Punkt, denn saldo erkundigte sich auch in jenen Geschäften, welche die Preise im Schaufenster oder Empfangsbereich bekannt geben. Dabei wurde klar: Die mündliche Preisauskunft stimmte nicht immer mit der schriftlichen überein. Einige Geschäfte, die ihre Preise deklarieren, wollen sich mündlich auf keinen genauen Tarif festlegen und geben einen «Ungefährpreis» an.
«Dieses Vorgehen entspricht nicht den Vorschriften», kritisiert Guido Sutter vom Seco. Der stellvertretende Leiter des Ressorts «Recht» ist überrascht vom Resultat der Stichprobe und stellt klar: «Der tatsächlich zu bezahlende Preis muss angegeben sein.»
Auch Preisangaben «ab so und so viel Franken» sind unzulässig. Die Realität sieht aber anders aus: «Soll ich noch eine Pflegespülung verwenden?», lautet oft die Frage am Waschbecken. Wer sagt da schon Nein? Der Coiffeur fragt zwar höflich, erwähnt aber mit keinem Wort, dass die Pflegespülung extra kostet. Das sieht die Kundin erst beim Zahlen auf der Quittung - wenn sie überhaupt einen Beleg bekommt.
An den ausgestellten Preislisten wird ebenfalls gern «Tarifkosmetik» betrieben, denn die teuren Extras werden nicht überall aufgeführt.
Zuschläge und Rabatte nach Gutdünken
Noch mehr: Einige Geschäfte verrechnen unter anderem Zuschläge für einen Neuschnitt oder mehr Zeitaufwand. Das Resultat ist ein Tarifdschungel und das Ziel der Preisbekanntgabeverordnung - der Preisvergleich - ist nicht erreicht.
Einen echten Preisvergleich verhindert auch die Kreativität einzelner Betriebe, die sich nicht nur an den Haaren der Kunden, sondern auch in der Preisgestaltung manifestiert. So verfügt die Coiffeurkette Coiffina über ein ausgeklügeltes Preissystem, das sich auch nach der Erfahrung der Angestellten ausrichtet: Vom «Spar-Service» bis zum «Super-Service» mit einem «Good-Morning-Rabatt» wird alles angeboten.
Anders beim Konkurrenten Orinad: Hier werden die Preise im Laufe einer Woche erhöht - ab Donnerstag gelten andere Tarife als von Montag bis Mittwoch. Man wolle damit die ältere Kundschaft dazu bewegen, die Haare in der ersten Wochenhälfte frisieren zu lassen, so die Auskunft einer Orinad-Mitarbeiterin.
Wer also einen guten und preisgünstigen Coiffeur sucht, dem bleibt derzeit nicht viel anderes übrig, als sich bei jenen Freunden und Bekannten zu erkundigen, deren Frisur besonders gut gefällt.
Mangelnder Gesetzesvollzug
Eine Busse bis zu 20 000 Franken droht jenen Coiffeurgeschäften, die ihre Preise nicht vorschriftsgemäss anschreiben. Eine stattliche Summe. Die Betreiber muss dies indes wenig kümmern: Dem Präsidenten des Verbandes Coiffure Suisse, Kuno Giger, ist zumindest kein Fall bekannt, wo ein säumiger Coiffeur zur Rechenschaft gezogen worden wäre.
Jacqueline Bachmann von der Stiftung für Konsumentenschutz prangert den mangelnden Vollzug an und spricht Klartext: «Wir fordern die zuständigen Behörden auf, endlich für den Vollzug dieses Gesetzes zu sorgen.»
Diese haben aber offensichtlich Wichtigeres zu tun: «Preise, die nicht angeschrieben sind, gefährden kein Leben», sagt Marc Heeb, Leiter der Gewerbepolizei der Stadt Bern. «Stichproben werden durchgeführt. Wir haben aber nicht genügend Kapazitäten, um alle Aufgaben zu erfüllen, und müssen uns auf das Wesentliche beschränken. Sicherheit und Jugendschutz haben Vorrang.»
Den Personalmangel bei der Gewerbepolizei bestätigt auch der Vertreter des Staatssekretariats für Wirtschaft, das bei der Preisanschreibepflicht die Oberaufsicht hat. Guido Sutter: «Wir unterstützen die Kantone so gut wie möglich. Aber die Gewerbepolizeien handeln oft nach dem Prinzip: Wo kein Kläger ist, ist auch kein Richter.»
13. Oktober 2004 | Silvia Baumgartner
