SternSternSternStern (0)Kommentare lesen  Tags  Drucken  Beitrag weiterempfehlen

Artikel | Gesundheits-Tipp 10/2004

Fragwürdige Impfung gegen Wilde Blattern

Windpocken gelten als harmlose Kinderkrankheit. Doch jetzt will das Bundesamt für Gesundheit alle 11- bis 15-Jährigen impfen lassen. Ärzte warnen.

Einmal im Leben erwischt es jeden: Erst bilden sich rote, juckende Flecken am Bauch und im Gesicht, begleitet von Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen. Aus den Flecken werden Bläschen, die bald den ganzen Körper überziehen. Zehn Tage später ist der Spuk vorbei. Was bleibt, ist meist nur eine Kindheitserinnerung. Einmal durchlebt, kommen die Windpocken - auch Wilde Blattern genannt - nie wieder, weil der Körper fortan gegen das Virus immun ist.

Die Infektionskrankheit verläuft, da sind sich Fachleute einig, im Kindesalter fast immer unproblematisch. Laut einer Studie müssen in der Schweiz pro Jahr etwa 110 Kinder und Jugendliche mit leichteren oder schwereren Komplikationen ins Spital.

Anders sieht es bei den über 16-Jährigen aus. Denn: Je älter jemand ist, desto häufiger treten schwere Komplikationen auf. Das Risiko, an einer Windpocken-Komplikation zu sterben, ist laut der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Erwachsenen 30- bis 40-mal höher als bei Kindern zwischen fünf und neun Jahren.

Grund genug für das Bundesamt für Gesundheit (BAG), aktiv zu werden. Im November werden die Behörden den Ärzten empfehlen, künftig alle 11- bis 15-Jährigen zu impfen, die noch nicht an Windpocken erkrankt sind. Eine Broschüre soll Ärzte und Eltern von den Vorzügen der neuen Impfung überzeugen.

«Wir wollen die Bevölkerung vor Lungen- oder Hirnentzündungen schützen, die als Folge von Windpocken bei Erwachsenen häufiger auftreten können als bei Kindern», sagt Hans-Peter Zimmermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Sektion Impfungen beim BAG. Und Ulrich Heininger, Impfexperte am Uni-Kinderspital beider Basel und Mitglied der Eidgenössischen Kommission für Impffragen, ergänzt: «Durch die Impfung verkleinert sich das Infektionsrisiko für besonders gefährdete Gruppen.» Zu diesen zählen auch werdende Mütter. Infiziert sich eine Frau während der Schwangerschaft, besteht für das Ungeborene laut Fachleuten die Gefahr von Krankheiten und Missbildungen.

Doch impfkritische Ärzte bezeichnen die neue Impfempfehlung als Panikmache. «In meiner 27-jährigen Praxiserfahrung habe ich keinen problematisch verlaufenden Windpocken-Fall gesehen», sagt Peter Mattmann, der sich als Hausarzt mit Fachgebiet Homöopathie seit Jahren mit Impfungen beschäftigt. Werde ein Erwachsener krank, gebe es zwar eher Komplikationen. Diese seien aber praktisch nie lebensgefährlich.


Schon mehrfach kritisiert: Impfempfehlungen des BAG

«Ohne Impfung machen 95 Prozent der Menschen vor dem 20. Lebensjahr die Windpocken durch», sagt der Arzt. Das Ansteckungsrisiko für schwangere Frauen sei deshalb minim. «Ausserdem ist schwierig auszumachen, in welchem Ausmass das Virus überhaupt für Komplikationen verantwortlich ist.»

Pulstipp-Arzt Thomas Walser zweifelt ebenfalls am Nutzen der Impfung. «Bei Windpocken liegt das Risiko einer schwerwiegenden Komplikation bei 1 zu 100000. Da kann man davon ausgehen, dass die Impfung mehr schadet als nützt.»

Immer wieder geriet das Bundesamt für Gesundheit mit seinen Impfempfehlungen in die Kritik: Ende der 80er-Jahre empfahl es, Kleinkinder generell gegen Masern, Mumps und Röteln zu impfen. Doch statt einer Impfung aller fordern impfkritische Ärzte, dass Eltern bei jedem Kind individuell entscheiden - egal, um welche Impfung es sich handelt. Als Leitlinie für das Gespräch mit dem Kinderarzt erschien vor ein paar Jahren das Infoblatt «Der individuelle Impfentscheid» (siehe Tabelle).

Im Jahr 2000 wurde wieder Kritik am BAG laut. Ärzte des St. Galler Kantonsspitals entdeckten, dass der Mumps-Impfstoff Triviraten ungenügend wirkte. Das BAG empfahl erst nach langem Zögern, den Impfstoff nicht mehr zu verwenden (Pulstipp 5/02). «Wenn Impfstoffe auf den Markt gelangen, ist oft nicht bewiesen, dass sie unschädlich sind», ist Peter Mattmann überzeugt.

Bei den Windpocken sei dies nicht anders: «Studien über gesundheitliche Probleme, die erst Monate bis Jahre nach einer Impfung auftreten, existieren nicht. Auch Langzeituntersuchungen über die Dauer des Impfschutzes fehlen», sagt Mattmann. Eine japanische Studie geht davon aus, dass die Windpocken-Impfung mindestens 20 Jahre hält. Laut Mattmann völlig ungenügend: «Impft man eine 12-Jährige, ist unklar, ob sie mit 32 - vielleicht vor einer Schwangerschaft - noch immun ist.»
Ulrich Heininger vom Uni-Kinderspital beider Basel wendet ein: «Dieses Problem stellt sich bei jeder neuen Impfung. Man kann erst Langzeitstudien durchführen, wenn Menschen geimpft wurden. Nötigenfalls hilft eine Auffrischimpfung.»

Nächstes Jahr kommt voraussichtlich ein neuer Impfstoff auf den Markt: eine Kombinationsimpfung gegen Windpocken und Masern, Mumps, Röteln (MMR). Der Windpocken-Impfstoff - gedacht für Jugendliche - wird einer Impfung beigemischt, die meist bei Kleinkindern durchgeführt wird. In Deutschland wird seit kurzem sogar empfohlen, alle 11- bis 14-monatigen Babys gegen die Wilden Blattern zu impfen. Für die Schweiz ist eine solche Empfehlung vorerst nicht vorgesehen. Hans-Peter Zimmermann vom BAG: «Bei der Windpocken-Impfung für Kleinkinder sind noch zu viele Fragen offen.»

Infos übers Impfen:
- www.bag.admin.ch/infekt/impfung/d/index.htm
- Impf-Infoline, vom BAG empfohlen: Tel 0844 448 448
- «Impfen - Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid», Ratgeber der Stiftung für Konsumentenschutz, 12 Franken. Tel. 031 370 24 24, www.konsumentenschutz.ch



Wichtig zu wissen

- Impfen ist freiwillig.
- Lassen Sie Ihr Kind nur impfen, wenn es gesund ist. Warten Sie zu bei Fieber, Ekzemen oder Schüben einer chronischen Krankheit.
- Warten Sie auch zu, wenn das Kind Stress ausgesetzt ist.
- Informieren Sie den impfenden Arzt über Allergien, Neurodermitis oder allfällige Reaktionen auf frühere Impfungen.
- Verwenden Sie bei Kindern mit geschwächtem Immunsystem keine Lebendimpfstoffe.

13. Oktober 2004 | Claudia Imfeld - cimfeld@pulstipp.ch


Beitrag als PDF
Fragwürdige Impfung gegen Wilde Blattern
Download PDF 275.81 KB
SternSternSternStern Artikel bewerten Stichwort hinzufügen
Artikel weiterempfehlen Artikel drucken

Kommentare (0)

 
Urheberrechte
Smartphones und Tablet-Computer sollen teurer werden. Grund ist eine neue Gebühr für Urheberrechte. Was halten Sie davon?
...zum Artikel
Das ist Unsinn. Beim Kauf von leeren CDs und DVDs ist die Gebühr schon enthalten.
Richtig so. Damit werden Künstler unterstützt.
Alle Umfragen

Verwandtes Buch
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Jetzt unterzeichnen: Volksinitiative
Die Bundesbetriebe sollen nicht Gewinn erwirtschaften, sondern den Bürgern einen guten und bezahlbaren Service bieten.
Verwandte Artikel
Heftiger Streit ums Gefahr fürs Herz: Zu viel Fructose in Fertigprodukten Übergewicht schadet auch der Haut
Testsieger für Android-Handys
Testsieger für Android-Handys
Hunderte von Tests in der Hosen­tasche: Die neue App «Testsieger» machts möglich. (beide Apps haben den gleichen Inhalt)
Aktueller Ratgeber
Aktueller Ratgeber
Die Steuerabzüge für Angestellte und Selbstständige (16. Auflage 2012)
Aktuelle Beratungstexte
Hat mein Bruder einen Pflichtteil zugut? Muss ich den Vermieter für die Umtriebe entschädigen? Darf mein Chef Beiträge an AHV, IV und EO abziehen? Alle Beratungs-Artikel
Aktuelle Tests
Elektro-Rasenmäher IPL-Enthaarungsgerät Pommes frites Alle Test-Artikel
Aktuelle Diskussionen
24.05.2012, 13:37 | 4 AntwortenWoher kommen die Albträume? 24.05.2012, 13:28 | 7 AntwortenWas hilft gegen Cluster-Kopfweh? 24.05.2012, 13:27 | 3 AntwortenMyom: Welche Operation ist empfehlenswert? 24.05.2012, 13:26 | 4 AntwortenWie bringe ich den Zungenbelag weg?
Benutzer-Favoriten