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Artikel | saldo 14/2004

Krebsgefahr unterschätzt

Eine deutsche Studie zeigt: Wer nahe an einer Mobilfunkantenne wohnt, läuft eher Gefahr, an Krebs zu erkranken. Die Schweizer Behörden geben sich gelassen.

Die Untersuchung hat bei Experten europaweit für Aufsehen gesorgt: Hausärzte aus dem süddeutschen Naila haben während zehn Jahren Krebsdaten von 1000 Patienten verglichen. Diesen Sommer ging die umfangreiche Forschungsarbeit zu Ende. Der beunruhigende Befund der Ärztegruppe: Personen, die im Umkreis von 400 Metern der örtlichen GSM-Mobilfunkantenne wohnen, erkrankten doppelt so häufig an Krebs wie die restliche Bevölkerung. Zwischen 1999 und 2004 war das Risiko sogar dreimal höher.

Das «Zentrum für Umweltforschung und -technik» der Universität Bremen wertet die Studie als «solide Forschungsarbeit». Rainer Frentzel-Beyme: «Die Ergebnisse halten einer kritischen Überprüfung der Daten stand. Sie zeigt ein Resultat, das zunächst plausibel erscheint und keine sofortige Erklärung anderer Art zulässt.» Laut dem renommierten Universitätsprofessor müsse die Forschungsarbeit nun ausgeweitet werden, um auch für andere Orte verlässliche Daten zu erhalten.


Stadtrat verlangt massive Reduktion der Strahlung

Die Einwohner von Naila reagieren empört. Bürgermeister Frank Stumpf: «Die Beibehaltung dieses Zustands ist unter keinen Umständen mehr zumutbar.» Der Stadtrat forderte die Antennenbetreiber auf, bis Anfang September die Strahlung um den Faktor eine Million zu reduzieren und eine Gesundheitsbeeinträchtigung schriftlich auszuschliessen. Die Telekomkonzerne - darunter Vodafone, die mit 100 Millionen Franken an Swisscom Mobile beteiligt ist - unternahmen nichts. Jetzt hat die Stadt die Verträge gekündigt und die Betreiber aufgefordert, die Antenne abzustellen und zu demontieren.


«Schweizer Strahlendosis ist viel zu hoch»

Der von den Behörden in Naila geforderte Grenzwert von 0,01 Milliwatt pro Quadratmeter würde das mobile Telefonieren nicht verunmöglichen: Das österreichische Bundesland Salzburg hat diesen Vorsorgewert bereits vor zwei Jahren eingeführt.

Damit gehen die Behörden von Salzburg und Naila viel weiter als jene in der Schweiz. Hier können Sendemasten 10 000-mal stärkere Signale selbst in sensible Bereiche wie Wohnungen, Schulen oder Spitäler strahlen. Derzeit sind 33 083 herkömmliche GSM-Antennen zwischen Rorschach SG und Genf in Betrieb (saldo 13/04).

Obwohl in der Schweiz Sendemasten bis zehnmal schwächer strahlen als in Deutschland, «ist die Strahlendosis immer noch viel zu hoch», sagt Bernhard Aufdereggen von den Schweizer Ärzten für Umweltschutz. Der Spezialist für Elektrosmog warnt: «Als Mediziner sind wir der Vorsorge verpflichtet. Der geltende Vorsorgewert muss zehnmal tiefer festgelegt werden, bis klar ist, wie gefährlich Antennenmasten sind.»


Bund: Statt Massnahmen eine Studie über die Studie

Die grösste Mobilfunkbetreiberin sieht sich durch die neusten Studienergebnisse zu keinen Massnahmen gezwungen. Laut Swisscom-Sprecher Sepp Huber werde bereits heute nur so viel Sendeleistung eingesetzt, wie gerade benötigt wird.

Zweifel an der Untersuchung hat auch das Bundesamt für Gesundheit (BAG). Mirjana Moser, Verantwortliche für Mobilfunkstrahlen: «Eine geografische Studie ist nicht sehr aussagekräftig. Ich bin gegenüber solchen Resultaten skeptisch, solange sie nicht in einer wissenschaftlichen Zeitschrift publiziert worden sind.» Der Bund belässt es momentan dabei, in einer Machbarkeitsstudie abzuklären, wie man solche Untersuchungen am besten durchführen soll.

«Das genügt nicht», sagt Arzt Bernhard Aufdereggen. Er fordert, dass die Untersuchung in der Schweiz ausgedehnt durchgeführt wird - bis auch hier Klarheit herrscht, ob Antennenstrahlung für die Anwohner Krebs erregend ist.



Alles andere als neutral

Wer in der Nähe einer Mobilfunkantenne wohnt, muss «nicht mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen rechnen», schreibt das Forum Mobil auf seiner Internetseite www.forummobil.ch. Eine gewagte Aussage, findet selbst das Bundesamt für Gesundheit. Expertin Mirjana Moser: «So absolut kann man das sicher nicht sagen. Wenn dem so wäre, könnten wir uns das ganze Forschungsgeld sparen.»

Laut eigenen Angaben steckt hinter der Berner Organisation ein «unabhängiges Forum, das konsequent fachliche Informationen und sachliche Argumente verbreitet». Die Realität: Der Vereinsvorstand setzt sich zusammen aus den Handy-Herstellern Ericsson und Siemens sowie den drei Netzbetreibern Swisscom, Sunrise und Orange. Diese bezahlen auch die Aktivitäten des Forum Mobil. Behörden und mobilfunkkritische Organisationen sind darin nicht vertreten.

15. September 2004


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