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Artikel | saldo 14/2004

Qualitätslabel für Ärzte

Über 28 000 Ärzte gibt es in der Schweiz. Suchen Patienten einen guten Arzt, der ihren Anforderungen entspricht, sind sie weitgehend ohne Hilfe.

Die Qual der Arztwahl: Wer in der Stadt Bern einen Allgemeinmediziner sucht, muss zwischen knapp 100 Praxen auswählen. Doch worauf soll man achten? Alle diese Ärzte haben ein abgeschlossenes Medizinstudium, alle einen Spezialarzttitel für allgemeine Medizin der FMH.

Weitere Möglichkeiten, sich auf die Qualifikation der Ärzte abzustützen, haben die Patienten nicht. Vielen bleibt nur das eigene Gefühl: Nimmt der Arzt mich ernst? Fühle ich mich in seiner Praxis wohl? Oder ganz simpel: Schafft er es, mich gesund zu machen?


Patienten wollen sich das Vertrauen nicht verscherzen

Dabei gäbe es Informationen, die beim Entscheidungsprozess hilfreich sein könnten: Wie viele Patienten meines Arztes haben dieselbe Krankheit wie ich? Wie oft überweist mein Hausarzt Patienten an einen Spezialisten? Wie steht es um die regelmässige Fortbildung meines Arztes? Natürlich könnte man all dies bei der ersten Konsultation erfragen. Doch wer traut sich schon, beim ersten Arztbesuch solche Fragen zu stellen? Patienten wünschen sich schnelle Hilfe und wollen sich das Vertrauen auch nicht verscherzen.

«Zusammen mit der Stiftung Konsumentenschutz, dem Konsumentenforum und anderen Organisationen wollten wir einen Guide Santé, eine Art Ärzteführer für Patienten herausbringen», sagt Margrit Kessler von der Schweizerischen Patientenorganisation. Dabei wären die Ärzte nach ihren Fähigkeiten, nach ihrer Patientenstruktur und vielen weiteren Merkmalen klassiert worden.

Ziel der Bemühung: Patienten sollen wichtige Daten über einen Arzt aus dem Internet oder bei einer Patientenorganisation erfragen können. Dies wäre ein echter Service. In vielen anderen Bereichen ist ein solches Informationssystem schon lange verbreitet. Doch in der Medizin scheiterte das Projekt nicht zuletzt am Widerstand vieler Ärzte.

Neue Bewegung in das Anliegen brachten die HMO-Praxen. Um gegen das Billig-Image anzukämpfen, gründeten sie das Qualitätslabel Equam. «Wir wollten gegen aussen zeigen, dass HMO-Praxen qualitativ problemlos mit herkömmlichen Einzelpraxen mithalten können», sagt Equam-Geschäftsführer Felix Roth. Er entwickelte ein Qualitätsmanagementsystem, bei dem die Arbeit des Arztes, aber auch die Patientenzufriedenheit berücksichtigt werden. Der zertifizierungswillige Arzt muss mit Kosten von rund 1000 Franken rechnen.

Unterdessen ist Equam beim Bund akkreditiert. Im Stiftungsrat sind die Schweizerische Patientenorganisation, die Föderation der Ärzte FMH sowie Krankenkassen beteiligt. Dies zeigt, wie gross das Bedürfnis auf allen Seiten ist, Qualitätsstandards festzulegen.


Selbständige Ärzte wehren sich gegen die Zertifizierung

Neuerdings nimmt Equam auf Wunsch auch Gruppenpraxen ausserhalb des HMO-Netzes unter die Lupe. Konkrete Fragen nach der Patientenzufriedenheit und dem Praxismanagement sollen für Transparenz sorgen.

Bereit wäre Equam auch, unabhängige Einzelpraxen zu prüfen. Doch die freischaffenden Ärzte sind nicht begeistert. Experten glauben, dass sich das in nächster Zeit nicht ändern wird. Grund: Es besteht kein Druck. Doch Margrit Kessler glaubt, dass die Equam-Zertifikate zumindest ein erster Schritt sein können: «Ich wünsche mir, dass in fünf Jahren die Hälfte der Schweizer Praxen ein Equam- oder ein anderes Zertifikat erlangen», sagt sie.

Jacques de Haller, Präsident der FMH, glaubt, dass die offiziellen Examen und die Bedingungen zum FMH-Titel eines Arztes als Legitimation genügen. Er ist skeptisch, ob ein sogenanntes Rating wirklich das Problem lösen würde. «Die Patienten sollen sich in der Praxis selber ein Bild machen», sagte de Haller. «Dabei dürfen sie den Arzt alles fragen, was ihnen auf dem Herzen liegt.»


Kampf für ein transparentes System geht weiter

Dem widerspricht Margrit Kessler: «Vielfach trauen sich die Patienten gar nicht, zu viele Fragen zu stellen.» Deshalb will sie weiter für ein System wie den Guide Santé kämpfen.

Auch die Schweizerische Vereinigung für Qualitäts- und Management-Systeme bietet ein Zertifikat für Ärzte an. Doch nur gerade zwei Ärzte haben sich bisher auf das System eingelassen.

15. September 2004 | Stefan Reinhart


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