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Birs, Reuss, Rhein und Thur führen zu viele Fäkalbakterien mit. Zudem gefährden Durchfallviren und Salmonellen die Gesundheit. Sie stammen aus Abwässern, die an der Kläranlage vorbeifliessen.
Aarebad Marzili in Bern, 8. Juni 2004. Die Liegewiese mit Blick auf das Bundeshaus ist gut belegt, es herrscht frühsommerliche Hitze. Zwar ist die Aare noch ziemlich kalt, einige Unentwegte wagen aber schon den ersten Schwumm der Saison.
Wie sauber ist dieses Wasser? Der Pulstipp wollte es genau wissen und nahm in sieben Flüssen der Deutschschweiz insgesamt zehn Proben. Das Labor Bachema in Schlieren untersuchte sie auf Bakterien, das Labor Biosmart in Bern auf Viren.
Die Laboranalysen ergeben ein bedenkliches Bild: Vier der zehn Proben enthielten zu viele Kolibakterien. Sie zeigen an, dass das Wasser durch Fäkalien verunreinigt ist.
Bis zu 1000 Kolibakterien pro Deziliter Badewasser sind laut den Richtlinien des Bundes unbedenklich. Birs, Reuss und Rhein überschritten diese Grenze zum Teil deutlich (siehe Tabelle). Laut den Richtlinien ist in solchem Wasser das Risiko einer Ansteckung «nicht auszuschliessen». Denn je mehr Kolibakterien im Wasser schwimmen, desto grösser ist das Risiko von Krankheitserregern. Tatsächlich fand der Pulstipp in Birs, Reuss und Thur Darmgrippe-Viren, in der Reuss zusätzlich Salmonellen.
Die Stichprobe bestätigt, was auch Experten beobachten. Marco Rossi, Arzt und Infektiologe am Kantonsspital Luzern: «Flüsse sind meist weniger sauber als Seen.» Der Grund: Die Strömung wirbelt kleine Schmutzpartikel an die Oberfläche, die sich in einem See absenken würden. Oft haften an diesen Partikeln Krankheitserreger.
Zwar sind heute fast alle Haushalte an eine Kläranlage angeschlossen. Diese vernichten zwischen 90 und 99 Prozent der Krankheitserreger. Da aber jedes Gramm Kot Milliarden Bakterien enthält, schwemmt jede Kläranlage Sekunde für Sekunde zig Millionen Bakterien in die Seen und Flüsse.
Beispiel Birsfelden: Im Abfluss der Kläranlage Birs 2 massen die Behörden bis zu 40 000 Kolibakterien pro Deziliter Wasser. Anders gesagt: Dieses Wasser muss mehr als vierzigfach verdünnt werden, damit die Anzahl der Bakterien den Grenzwert unterschreitet.
Bis vor kurzem gelangte diese Brühe in die Birs. Seit Mai fliesst sie nun direkt in den Rhein. Trotzdem fand der Pulstipp in der Birs noch 2000 Kolibakterien pro Deziliter - das Doppelte des Grenzwerts.
An 104 Tagen im Jahr fliesst Wasser ungeklärt in die Reuss
Was viele nicht wissen: Immer wieder gelangt auch ungeklärtes Abwasser in die Gewässer. Wenn es stark regnet, reichen die Kapazitäten der Kläranlagen nicht. Dann fliesst so genanntes Mischwasser über ein Überlaufbecken in Seen, Flüsse oder Bäche. Fachleute empfehlen deshalb, nach starkem Regen ein bis zwei Tage nicht in Flüssen zu baden.
Doch eine Umfrage des Pulstipp bringt an den Tag: Oft wissen nicht einmal die Verantwortlichen, wie häufig sie die Schleusen öffnen, um Dreckwasser abzulassen. «Das wird nirgends registriert», heisst es etwa in der Kläranlage Bremgarten. Sie liegt an der Reuss oberhalb von Mellingen, von wo die schlechteste aller Proben stammt.
In der Kläranlage Mellingen habe man, so heisst es dort, in den letzten zwei Monaten rund 20 Stunden lang Abwasser in die Reuss geleitet. Weiter zurück seien die Daten nicht gespeichert. Auch Christoph Bitterli von der Bau- und Umweltschutzdirektion Baselland kann für das Einzugsgebiet der Kläranlagen oberhalb des Birsköpfli nur eine grobe Schätzung abgeben: «In einem normalen Jahr dürfte dies während 30 bis 100 Stunden der Fall sein.»
Deutlich höher sind die Zahlen im Kanton Luzern. Die Kläranlage in Root leitete letztes Jahr an 94 Tagen Abwasser in die Reuss, jene in Emmen sogar an 104 Tagen. Dies berichtete kürzlich die «Neue Luzerner Zeitung». Für den Luzerner Infektiologen Rossi ist klar: «Unterhalb einer Kläranlage ist es in einem Fluss ziemlich "gruusig".»
Basel-Stadt misst den Dreck nicht mehr
Zuständig für die Wasserqualität in Seen und Flüssen sind normalerweise die Kantonschemiker. Die meisten machen regelmässige Messungen. Nicht so André Herrmann, Kantonschemiker von Basel-Stadt: Ab diesem Sommer verzichtet er auf wöchentliche Untersuchungen des Badewassers, «weil die Untersuchungsergebnisse in den vergangenen Jahren keine bedeutenden Veränderungen aufwiesen». Das Pikante: Herrmann gibt zu, dass die Wasserqualität am Birsköpfli «eher schlecht» und beim Breite-Bad am Rhein «oft schlechter als an anderen Badestellen» sei. Trotzdem spreche auch dort nichts gegen das Baden.
Rossi stellt fest, dass die Basler Behörden offenbar vor dem Dreck kapituliert haben: «Diese Haltung ist Ausdruck der Resignation.» Zwar würde er persönlich auch am Birsköpfli nicht auf ein Bad verzichten: «Es ist ein kalkuliertes Risiko.» Er kritisiert aber, dass die verantwortliche Behörde ausdrücklich grünes Licht fürs Baden gibt: «Man sollte klar sagen, dass jeder auf eigene Gefahr badet.»
Offizielle Badeanstalten, so Rossi, sollten auf die Wasserqualität hinweisen. Denn dort gingen auch Lehrer mit Schulklassen baden. Doch im Breite-Bad am Rhein fehlt diese Information. Für Rossi fragwürdig: «Ein Lehrer, der für seine Klasse verantwortlich ist, sollte sich vor Ort informieren können.» Dies gehe auch schon mit wenig Aufwand. Zum Beispiel mit einer Tafel, die auf die eventuell ungenügende Wasserqualität hinweise.
Doch Kantonschemiker Herrmann will davon nichts wissen. Man hätte nicht die Ressourcen für Hinweisschilder, denn diese «müssten der wechselnden Wasserqualität entsprechend oft ausgetauscht werden». Seltsam - derselbe Kantonschemiker verzichtet auf regelmässige Proben, weil sich die Wasserqualität über Jahre nicht verändert habe.
Auch im aargauischen Rheinfelden mass der Pulstipp in der Badeanstalt am Rhein zu hohe Werte. Hinweistafeln fehlten auch dort. Weder zur Wasserqualität noch zu den fehlenden Schildern wollten die Aargauer Behörden Stellung nehmen.
Auch der Zürcher Kantonschemiker äusserte sich nicht zu den in der Thur gefundenen Viren. Auf seiner Homepage steht: «Es kann im ganzen Kanton ohne Einschränkungen gebadet werden.»
Nicht nur in der Thur, sondern auch in Birs und Reuss fanden sich Noroviren, die eine Magen-Darm-Grippe mit Durchfall und Erbrechen auslösen können. In Birs und Thur schwammen zusätzlich so genannte Enteroviren. Sie können zu einer Sommergrippe, selten auch zu einer Entzündung der Hirnhaut oder des Herzens führen. Laut Alfred Metzler, Professor für Virologie am Tierspital Zürich, gehen die meisten Infizierten nicht zum Arzt: «Häufig merkt man gar nichts und weiss auch nicht, dass man den Erreger milliardenfach wieder ausscheidet.»
Metzler will aber die Gefahr nicht dramatisieren: «99 Prozent holen sich eine solche Krankheit beim unmittelbaren Kontakt mit Infizierten, nicht in der Badi.» Tatsächlich fand das Labor nur sehr wenige Viren in den Flussproben. Im Fall der Noroviren reichen aber 10 bis 100, um eine Person anzustecken (siehe Pulstipp 6/04). Zudem sind Viren äusserst widerstandsfähig: In Flüssen und Seen können sie bis zu 500 Tage lang überleben.
Der Bund spart bei der Gesundheit der Badenden
Ob die Viren für einen Flussschwimmer eine Gefahr darstellten, sei zudem schwer abzuschätzen, sagt René Köppel vom Labor Biosmart, das für Pulstipp die Virenanalyse machte: «Es kommt darauf an, wie viel Wasser jemand schluckt und wie anfällig er ist.» Habe jemand ein angeschlagenes Immunsystem, könne eine Ansteckung mit Durchfallviren gar lebensgefährlich sein.
Köppel spricht von einer «latenten Gefahr». Trotzdem schreiben die Richtlinien des Bundes keine Tests auf Viren vor. Ein Überarbeiten der Richtlinien sei auch nicht geplant, sagt Sabina Helfer vom Bundesamt für Gesundheit. Zwar mangle es nicht an Interesse fürs Thema, man habe aber «ein ausserordentliches Ressourcenproblem». Anders gesagt: Der Bund spart bei der Gesundheit der Badenden.
Besserung verspricht sich das Bundesamt vom internationalen Protokoll über Wasser und Gesundheit. Der Bundesrat habe es unterzeichnet und werde es bald ans Parlament weiterleiten. Dann wird das Parlament auch Farbe bekennen müssen, wie viel ihm die Gesundheit der Badenden wert ist. Derzeit muss sich im Bundesamt für Gesundheit eine einzige Person um alle Probleme des Trink- und Badewassers kümmern - und zwar mit einem 50-Prozent-Pensum.
Mitarbeit: Tobias Frey
Worauf Sie beim Baden achten sollten
Das Risiko, sich mit einer Krankheit anzustecken, ist in Flüssen generell höher als in Seen. Wenn Sie trotzdem nicht auf das Baden in Flüssen verzichten wollen, beachten Sie folgende Vorsichtsmassnahmen:
- Informieren Sie sich über die Wasserqualität. Viele kantonale Labors testen regelmässig Flüsse und Seen und veröffentlichen die Resultate im Internet. Oder fragen Sie telefonisch beim kantonalen Labor nach.
- Baden Sie nicht unterhalb von Kläranlagen.
- Warten Sie nach starken Regenfällen ein oder zwei Tage, bevor Sie baden gehen.
- Schlucken Sie kein Wasser.
- Duschen Sie nach dem Baden und trocknen Sie sich gut ab.
30. Juni 2004 | Christian Egg - cegg@pulstipp.ch
