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Artikel | Haus & Garten 3/2004

In eurem Alter? - Nicht doch!

Schwierigkeiten beim Sex werden vermehrt zum Thema. Dennoch geht nur jeder Zehnte mit Erektionsstörungen zum Arzt. Und auch Frauen tun sich schwer mit Libidoschwund.

Die Natur hat nichts dagegen, dass ältere Menschen Sex haben - es ist ihr vielmehr egal. Das genetische Programm, das wir noch immer in uns tragen, sieht vor, dass wir uns im Alter von etwa 16 Jahren fortpflanzen. Dann erreichen Frauen und Männer ihre höchste sexuelle Leistungsfähigkeit. Ist diese Phase vorbei, gehts bergab. Erst still und leise, und dann auch spürbar.

«Untersuchungen haben gezeigt, dass rund die Hälfte aller Männer im Alter zwischen 30 und 80 Jahren sexuelle Probleme haben», sagt Hartmut Porst, Sexualexperte und Buchautor. Weltweit leiden, je nach Statistik, zwischen 200 und 400 Millionen Männer an Erektionsstörungen. Auch bei Frauen nimmt der Durst nach Sex im Alter ab. Die Parameter dieser Veränderung sind aber wesentlich komplexer und deshalb viel schwieriger zu messen. Trotzdem gehen die Fachleute davon aus, dass zwischen 30 und 50 Prozent aller Frauen unter Störungen im Sexualbereich leiden.

Beiden Geschlechtern ist gemein, dass sie den Verlust der Sexualität nicht mehr länger sang- und klanglos hinnehmen wollen. Denn die Ansprüche des alternden Menschen haben sich verändert. Zu einer guten Lebensqualität gehören für viele nicht nur körperliche und geistige Fitness, sondern auch ein intaktes Sexualleben. Spätestens seit der Erfindung von Viagra werden deshalb Schwierigkeiten beim Sex vermehrt thematisiert. Doch es ist Vorsicht geboten. Denn oft sind die Probleme vielschichtiger und die Behandlungsmethoden anspruchsvoller als erwartet.


Vier von fünf erhalten nicht die richtige Behandlung

Trotz veränderter Optik scheuen sich noch immer viele vor dem Gang zum Experten. Nur etwa 10 Prozent aller Männer mit Erektionsstörungen suchen Hilfe beim Arzt, sagen Hartmut Porst und seine Kollegen. Viele von ihnen begeben sich wegen anderer Leiden in ärztliche Behandlung und erwähnen ihre Probleme mit der Sexualität quasi nebenbei.

Frauen gehen zwar häufiger zur Gynäkologin als Männer zum Urologen. Aber obwohl auch ein wachsender Anteil der Frauen sexuelle Störungen als eine Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität empfindet, trauen sich viele noch immer nicht, den Schwund der Libido offen anzusprechen.

Problematisch ist zudem, dass nur ein Fünftel aller Hilfesuchenden auch die richtige Behandlung erfährt, wie Experten hinter vorgehaltener Hand schätzen. «Gerade Hausärzte sind bei der Behandlung sexueller Probleme oft überfordert», sagt ein Urologe. Denn es sind viele komplexe Veränderungen, die mit dem Altern einhergehen.

Die Frau durchläuft die Menopause. Die körperliche Veränderung beginnt, wenn die Eierstöcke aufhören, die Sexualhormone Östrogen und Progesteron zu produzieren. Es dauert dann länger, bis die Vagina feucht wird. Das Eindringen des Penis wird dadurch schmerzhaft. Verstärkt werden die Schmerzen dadurch, dass die Vagina enger und kürzer wird. Der sinkende Hormonspiegel kann den Sextrieb ebenso beeinträchtigen wie die anatomischen Veränderungen. Stimmungsschwankungen, die mit diesen Beschwerden meist einhergehen, verschlimmern die Situation zusätzlich.


Der Penis wird nicht mehr so steif wie in jungen Jahren

Seit Jahren suchen Forscher nach einem Viagra für die Frau. Doch die Arbeit ist schwierig. Biologie und Psychologie der Frau sind komplizierter als jene des Mannes.

Nicht nur die Frau, auch der Mann macht im Laufe der Jahre grosse Veränderungen mit. So fällt zum Beispiel die Konzentration des männlichen Sexualhormons Testosteron im Blut ab 40 Jahren jährlich um ein Prozent. Die Leistungsfähigkeit der Organe nimmt etwa im selben Ausmass ab.

Die glatte Muskulatur im Penis, die bei der Erektion eine entscheidende Rolle spielt, bildet sich zurück und wird durch Bindegewebe ersetzt. Die Blutgefässe, durch die der Penis während der Erregung geflutet wird, verengen sich. Ältere Männer haben deshalb länger, bis ihre Erektion voll ausgebildet ist. Das Glied wird nicht mehr so hart wie früher. Während sich der Penis eines Jungen fast senkrecht aufrichtet, steht er bei einem alten Mann in einem Winkel von 90 Grad vom Körper weg. Um die Erektion während längerer Zeit aufrechtzuerhalten, braucht der reifere Herr kontinuierliche Streicheleinheiten. Den Orgasmus empfinden Pensionäre oft als weniger heftig. Das Volumen der dabei ausgestossenen Flüssigkeit wird kleiner.

Die Ausbreitung dieser Symptome kann man nicht aufhalten, aber verlangsamen, sagen Fachleute. Es gibt zwei Faktoren, die den Abbau der Sexualität massiv beschleunigen: Übergewicht und Zigaretten.

Bei dicken Männern sinkt der Testosteronspiegel schneller als bei schlanken. Deshalb droht bei ihnen der sexuelle Antrieb schneller verloren zu gehen. Ausserdem haben sie eine grössere Wahrscheinlichkeit, Krankheiten wie Bluthochdruck und Diabetes zu entwickeln.
Und 95 Prozent aller zuckerkranken Männer über 65 sind impotent. Auch die Medikamente gegen erhöhten Blutdruck senken die Manneskraft erheblich. Zwei Potenzmittel sind im Alter deshalb besonders wirksam und erst noch günstig: Sport und eine gesunde Ernährung.


Schlanke Nichtraucher haben die besten Aussichten

Der fatalste Libidokiller sind aber fraglos Zigaretten. Nicht nur weil sie stinken. 86 Prozent aller langjährigen Raucher leiden an fatalen Gefässveränderungen im Penis. Ausserdem schädigen die Glimmstängel die fragile Struktur des Schwellkörpers. Beide Faktoren beeinträchtigen die Erektion erheblich.

Die besten Aussichten auf eine gesunde Sexualität im Alter haben also schlanke Nichtraucher.

Männer, die irgendwann Probleme bekommen, sollten möglichst umgehend Rat bei einem Urologen suchen. Denn es gibt unterdessen eine grosse Palette von Möglichkeiten, mit denen ihnen geholfen werden kann. Der Wahl der richtigen Behandlung muss eine seriöse Diagnose vorausgehen.

Nur wenn gar nichts mehr geht, werden auch heute noch Implantate in den Penis eingebaut, die helfen, eine natürliche Erektion zu simulieren. Ein solcher Eingriff ist bei starken Diabetikern oft der letzte Weg zum Liebesglück. Weitaus verbreiteter sind aber Medikamente wie Viagra und die verwandten Stoffe Tadalafil und Vardenafil. Alle drei Substanzen wirken etwa gleich. Sie verhärten und stabilisieren die Erektion (siehe auch Seite 16).

Viagra hat sich in Untersuchungen als sehr wirksam erwiesen. Rund 70 Prozent aller Patienten hilft die blaue Pille, eine Erektion zu bekommen. Vor diesem Hintergrund erstaunt eine andere Zahl. Nur die Hälfte aller Männer, die Viagra ausprobieren, kaufen eine zweite Schachtel. Neuere Untersuchungen zeigen auf, weshalb Viagra offensichtlich kein Wundermittel ist.


«Schau, Liebling, es geht wieder!»

Bei so manchem Übergewichtigen ist nämlich gar nicht der Penis, sondern vielmehr das Selbstvertrauen geschädigt. Viele Männer fühlen sich unattraktiv und haben deshalb Probleme mit dem Sex. Auch bei Frauen gilt es abzuklären, ob es die hormonellen Veränderungen der Menopause oder nicht vielmehr das schwindende Selbstwertgefühl ist, das die sexuelle Unlust verursacht.
Zahlreiche Paare gehen aber erst den vermeintlich einfachen Weg und versuchen es mit den neuen Medikamenten. «Viele denken sich dann: Prima, das Problem ist gelöst», sagt der englische Sexualtherapeut John Dean. Männer würden sich bei nächstbester Gelegenheit eine der blauen Pillen verabreichen, sich vor der Gemahlin präsentieren und sagen: «Schau, Liebling, es geht wieder.» Die Ernüchterung folge meist auf dem Fusse. Denn im Schnitt hätten solche Paare schon seit über drei Jahren keinerlei sexuelle Aktivitäten mehr erlebt.

Oft ist das natürliche Sexleben ein Opfer der Beziehungsroutine. Es ist nicht der Körper, sondern der Geist, der nicht mehr will. Auch hier gibt es Behandlungsmethoden. René Hess, Psychologe in Bern, berät regelmässig Paare, in deren Betten das Feuer erloschen ist.

Häufig besteht das Problem darin, dass einer der Partner, typischerweise der Mann, mehr Sex will als der andere. Im Lauf der Jahre verhärten sich die Fronten. Wenn der Liebeshungrige oft genug vergeblich gebettelt hat, gibt er auf. Dann ist der Ofen aus.

Hess schlägt spielerische Ansätze vor, um wieder Bewegung in die Verhandlungen zu bringen. Beide Partner müssen sich eine grosse Kerze kaufen. Wer Lust auf Sex hat, zündet seine Kerze an. Wenn beide Kerzen brennen, kanns losgehen.


Der temporäre sexuelle Dienstleister

Wenn das nicht hilft, schlägt Hess vor, die Partner sollten den optimalen Verlauf eines Aktes aufschreiben; und zwar jeder für sich, ohne Hemmungen. In der Therapie stellen sie einander ihre jeweiligen Vorstellungen vor. Unter Anleitung des Therapeuten versuchen sie sich näher zu kommen.

Eine weitere Möglichkeit ist, dass der eine Partner während einer gewissen Zeit als eine Art sexueller Dienstleister auftritt. Er erfüllt sämtliche Wünsche, die sein Gegenüber äussert. Gerade Männer können so lernen, auf die veränderten Bedürfnisse ihrer reiferen Partnerinnen einzugehen.

Zwar bringen auch diese Spielchen den reiferen Jahrgängen das entfesselte Sexleben der Pubertät nicht zurück. Aber sie fördern ganz bestimmt das Verständnis zwischen den Geschlechtern.

30. Juni 2004 | Reto Kohler


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