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Artikel | Haus & Garten 3/2004

Was Waschmaschine und Klitoris gemeinsam haben

40 Jahre nach der sexuellen Revolution ziehen die Aufklärer Oswalt Kolle und Günter Amendt Bilanz: Für viele Männer ist es noch immer ein Rätsel, wie Frauen sexuell funktionieren.

Der 75-jährige Oswalt Kolle schaut zurück: «Ich kämpfte gegen die frauenfeindliche Sexualmoral an.» Der deutsche Journalist, Publizist und Filmemacher lebt in Amsterdam. Seine Frau, mit der er über 50 Jahre lang verheiratet war, ist vor vier Jahren gestorben. Mit seiner neuen, 64-jährigen Partnerin erlebe er «zum zweiten Mal im Leben das Wunder der Liebe», frohlockt er am Telefon. «Und eine unbändige Lust an der Sexualität.»
«Das Wunder der Liebe» - so hiess sein erster Film, der 1968 ein Kassenhit wurde. Es folgten acht weitere, darunter «Dein Mann, das unbekannte Wesen», «Was ist eigentlich Pornografie?» und «Liebe als Gesellschaftsspiel».

Kolles Publikationen waren von Protesten und Zensur begleitet. Egal ob in Deutschland, in Österreich oder der Schweiz. In Zürich waren die Filme verboten, in Aarau erlaubt, in anderen Städten wurden sie stark zensuriert.
Eine Karriere als Aufklärer der Nation war Kolle nicht vorgezeichnet: 1928 in Kiel als Sohn eines Psychiaters geboren, absolvierte er kurz nach dem Zweiten Weltkrieg eine Landwirtschaftslehre. Bauer wurde er dann aber nicht. Bevor Oswalt Kolle über Sex zu schreiben begann, war er stellvertretender Chefredaktor bei der Filmzeitschrift «Star Revue».

Anfang der 60er-Jahre startete er mit Sexualaufklärung in Illustrierten wie der «Quick», in Büchern sowie in Filmen - und Ehebruch war in Deutschland noch strafbar. Eltern, die ihre heranwachsenden Kinder mit deren Partnern in ihrer Wohnung übernachten liessen, drohte bis zu sechs Jahre Zuchthaus.

Damals hielt die Mehrheit der Bevölkerung Homosexuelle noch für Verbrecher, eine Minderheit für krank. Von 1949 bis 1969 gab es in Deutschland rund 70 000 Verfahren gegen schwule Männer, und bis 1974 war Homosexualität strafbar.

Die Liebe lernen, das könne man nicht, aber «Liebe machen» schon, war damals das Credo von Oswalt Kolle. Er schrieb über sexuelle Praktiken, über Körper und Psyche von Mann und Frau, über geheime Wünsche und unbefriedigte Bedürfnisse. Er zeigte auf, dass ein Seitensprung die Ehe nicht gefährden muss.


Kolle windet den Frauen von heute ein Kränzchen

Von den Konservativen verteufelt, von den Linken verspottet, vermittelte Kolle einem breiten Publikum Erkenntnisse der Sexualwissenschaft.

Was ist geblieben vom damaligen Aufbruch aus der Verklemmtheit? «Es hat sich wenig bewegt», tönts eher resigniert. Trotzdem seien, räumt Oswalt Kolle ein, die Menschen freier geworden. Sie diskutierten offener über die Tabus von einst.
Ein Kränzchen windet Kolle den Frauen: «Die Frauen haben ihre eigene Sexualität entdeckt. Sie lassen sich nicht mehr von den Männern einreden, was guter Sex ist und was schlechter.»


«Sexualität ist ein Wunder, ein Spiel. Keine Leistung»

Und die Männer? «Sie haben nicht viel dazugelernt.» Sie wüssten über die Klitoris so viel oder so wenig wie über die Waschmaschine: «Sie wissen zwar, wo sie ist, aber nicht, wie sie funktioniert.» Der Aufklärer stellt fest, dass vielen der Sinn für Sexualität abgehe: «Sie ist ein Wunder, ein Spiel. Keine Leistung.»

Kolle wäre noch immer aktuell. Nur: In Buchhandlungen sind seine Bücher nicht mehr zu finden. Verdrängt durch Titel wie «Hot Sex» oder «Das Tantra Praxisbuch». Eine wachsende Flut von «Lehrmitteln» - allerdings eher für Fortgeschrittene geeignet denn für Anfänger.

Auch der deutsche Sozialforscher und Publizist Günter Amendt hat sich schon vor über 30 Jahren mit Jugendsexualität befasst. 1939 in Frankfurt geboren, wurde er - im Gegensatz zum volksnahen Kolle - zur zentralen Figur für die rebellische Jugend an den Universitäten. Anfang der 70er-Jahre arbeitete er in Hamburg am Institut für Sexualforschung.


«Onanie, Onamanchmal, Onaoft» war ein Tabubruch

«Jugendliche haben ein Recht auf Sexualität», lautete die Botschaft seiner 1970 erschienenen «Sexfront». Das Tabuwort Selbstbefriedigung tauchte plötzlich in aller Munde auf: «Onanie, Onamanchmal, Onaoft», postulierte der Publizist gar. Und in Bob Dylans Polit-Song «Make Love Not War» stimmte er begeistert ein.

«Sexfront», das erste Aufklärungsbuch für Jugendliche, gedieh zur Bibel der Studentenbewegung: Alles ist sexuell erlaubt zwischen zwei Menschen - oder auch drei oder vier -, wenn es denn in gegenseitigem Einverständnis geschieht und Dritte nicht schädigt. Das galt selbstverständlich auch für homosexuelle Beziehungen. 1978 folgte «Das Sexbuch», das sich vor allem an berufstätige Jugendliche richtete.

Günter Amendts Bilanz, Jahrzehnte nach der sexuellen Revolution, fällt zwiespältig aus. Auf die heutigen Jungen bezogen, stellt er Fortschritte fest: «Was im Sexuellen gewollt und erwünscht ist, entscheiden beide - Junge und Mädchen, Frau und Mann.»


Viele Männer fühlen sich von heutigen Frauen überfordert

Andererseits wirkten sich das wachsende Selbstbewusstsein junger Frauen und die zunehmende Verunsicherung junger Männer zwangsläufig auf die Geschlechterbeziehungen aus. Viele Männer fühlten sich «von den neuen Frauen» überfordert und versuchten, jeder Konfrontation auszuweichen.

Wenig Gutes sagt Amendt über «ältere» Männer: «Sie selbst bestimmen, wo es lang geht im Bett und mit der Sexualität.» Sein Fazit: «Wenns hier nicht klappt, dann reisen sie als Sextouristen in fremde Länder und globalisieren die sexuelle Ausbeutung von Frauen und Kindern.» In den 90er-Jahren klinkte Amendt sich aus der sexualwissenschaftlichen Diskussion aus. Er beschäftigt sich heute mit dem Thema Drogen und Drogenkonsum - und verfasste «No Drugs. No Future».


Eltern und Lehrer gefordert: Jugendliche wissen kaum etwas über Sex

Jugendliche haben einen umfangreichen Wortschatz aus der Sexualität. Wirklich aufgeklärt sind aber nur die wenigsten.

Viele Menschen kriegen beim Thema Sex rote Ohren und feuchte Hände. Eltern schämen sich, ihr Wissen an die Kinder weiterzugeben. Lehrer haben Mühe, die Dinge beim Namen zu nennen. Im Gegensatz zu ihren Schülern, die mit Ausdrücken wie Schwanz, Titten, Ficken, Bumsen um sich werfen.

Neulich wurde im Jugend-Ratgeber der «Schweizer Illustrierten» die Frage gestellt: «Kann eine Frau beim oralen Sex schwanger werden?» Unter oralem Sex verstand der 13-jährige Fragesteller Küssen auf den Mund. Und ein 17-Jähriger wollte wissen: «Geht das, dass ein Mann den Kopf in die Vagina stecken kann? Ich habe das mal in einem Pornofilm gesehen!»

Lehrer und Fachleute stellen fest, dass hinter dem losen Mundwerk Jugendlicher wenig Wissen steckt. «Wo sollten sie es her haben?», fragt Sexualpädagogin Esther Elisabeth Schütz, Leiterin des Institutes für Sexualpädagogik in Uster ZH. «Auch heute noch können die wenigsten Erwachsenen über Sexualität reden.»
Sie schätzt: «Wohl 90 Prozent der Jugendlichen werden in der Schule nicht richtig aufgeklärt.»

«Dabei brauchen sie dringend offene Gespräche», sagt Schütz. Denn die Jugendlichen würden mit einer Flut von Erwachsenen-Sex in Videos, Sexheften und Erotiksendungen eingedeckt.

Diese «normierte Sexualität» Erwachsener jedoch habe mit der Lebenswirklichkeit junger Menschen wenig zu tun. «Wir dürfen sie dabei nicht alleine lassen», fordert Schütz. Eltern, die Mühe hätten, über sexuelle Themen zu sprechen, sollten dazu stehen: «Aufklärung beginnt damit, die Dinge beim Namen zu nennen.»



Reich und Marcuse: Vorkämpfer für erfüllten Sex

Die wichtigsten Wegbereiter der sexuellen Revolution waren der österreichische Psychoanalytiker Wilhelm Reich (1897-1957) und der deutsche Philosoph Herbert Marcuse (1898-1979).

Reich vertrat die Meinung, dass die Ursachen aller Neurosen in der «Störung der genitalen Sexualität» zu suchen sind. Er forderte das Recht auf Orgasmus. Berühmt ist sein «Der sexuelle Kampf der Jugend».

Marcuse veröffentlichte 1955 im Exil in Amerika «Eros and Civilisation». Die Schrift erschien 1965 in Deutsch unter dem Titel «Triebstruktur und Gesellschaft».

30. Juni 2004 | EVA MACKERT


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