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Artikel | Haus & Garten 3/2004

Fast alles eine Frage der Biochemie

Was geschieht bei Männern und Frauen, wenn sie Sex haben? Wo unterscheiden sie sich, wo ticken sie gleich? SPEZIAL wirft einen Blick auf die körperlichen Aspekte der Sexualität.

Andreas und Christine sind schon lange ein Paar. Nur noch Erinnerung sind die Zeiten, als sich die zwei fast täglich in der Küche die Kleider vom Leib rissen und dann, keuchend vor Lust, durch die halbe Wohnung gerollt sind. Das geht jetzt nicht mehr. Man hat Kinder.

Doch ganz ist die Glut noch nicht erloschen. Manchmal, so zwei-, dreimal im Monat, schlafen sie nicht gleich ein, nachdem sie die Abendlektüre weggelegt und die Lichter gelöscht haben. In diesen Nächten tasten sie sich langsam aneinander heran. Schüchtern und vorsichtig.

Sachte päppeln sie die erwachende Lust des andern hoch. Und dann haben sie Sex, fast so wild wie früher.

Sich gut zu lieben ist eine Kunst des gegenseitigen Einverständnisses.


Die Erregung beginnt im Gehirn

Doch der Akt des Geschlechtsverkehrs hat auch eine nüchterne, biologische Seite. Zum erfolgreichen Beischlaf sind ein feines Netzwerk von Nervenzellen und chemischen Botenstoffen und eine Vielfalt von anatomischen Spezialisierungen nötig. Guter Sex ist nur dann möglich, wenn alle diese Faktoren miteinander harmonieren wie die Musiker eines guten Orchesters.
Die Wissenschaftler bemühen sich seit langem um ein Verständnis dieser Vorgänge. Schon Aristoteles dachte über die Rolle des weiblichen Orgasmus nach. Und Leonardo da Vinci studierte die Anatomie des Penis.

So richtig in Schwung kam die moderne Sexualmedizin aber erst in den 60er-Jahren des 20. Jahrhunderts, während der sexuellen Revolution und nach der Einführung der Pille für die Frau. Seit der Entwicklung von Viagra vor gut fünf Jahren erlebt die Erforschung der Biochemie des Geschlechtsverkehrs einen wahren Boom.

Den zahlreichen Forschern, die sich dem aufblühenden Gebiet widmen, wird die Arbeit nicht so schnell ausgehen. Denn über die chemischen Details des Sexualaktes wissen sie noch immer sehr wenig. Erstaunlich ist das nicht, denn die Prozesse, die bis zum Orgasmus führen, sind verwirrend und komplex.

Bereits 1966 teilten die US-Forscher William Masters und Virginia Johnson den Geschlechtsakt in vier Phasen ein: die Erregungsphase, die Plateauphase, die Orgasmusphase und die Rückbildungsphase. Das Modell, das für Mann und Frau gleichermassen gilt, ist bis heute akzeptiert.

Schon das Studium der Erregung bereitet den Forschern Kopfzerbrechen. Sie beginnt nämlich ausgerechnet in unserem kompliziertesten Organ: dem Gehirn.

Beim Geschlechtsverkehr ist das ganze Gehirn aktiv. Trotzdem gibt es ganz tief unter der Schädeldecke so was wie ein Sexzentrum, das limbische System. Dieser Teil des Gehirns ist uralt. Er ist wichtig für die Steuerung ganz grundlegender Gefühle wie Angst, Wut, Liebe und Stress. Menschen, deren limbisches System defekt ist, leiden unter den sonderbarsten Verhaltenstörungen. Manche entwickeln eine unkontrollierbare sexuelle Gier.


Zentrale der Vernunft und Quelle der Fantasie

Das limbische System steuert unsere Triebe, ohne dass wir es merken. Wenn Frauen einen Mann besonders attraktiv finden, weil er einen reizenden Hintern hat, oder Männer sich vom Duft einer Frau betört fühlen, dann sind sie Opfer ihrer limbischen Systeme. Kein Akt der Erziehung ist stark genug, um das Sexzentrum zu zügeln.

Glücklicherweise hat die Evolution aber eine übergeordnete Struktur hervorgebracht, die die Urgewalt der Triebe im Zaume hält. Die Grosshirnrinde ist die Zentrale der Vernunft. Auf sie kann die Kultur sehr wohl einwirken. Die Vernunftszentrale wirkt jedoch nicht immer mässigend auf den Sextrieb ein. Im Gegenteil: Manchmal heizt sie ihn noch zusätzlich an. Die Grosshirnrinde ist nämlich auch die Quelle der sexuellen Fantasie.
Wenn Andreas und Christine beginnen, einander zu streicheln, spielen beide Hirnareale eine Rolle. Möglich, dass Christines Lust angeregt wird, weil Andreas eben geduscht hat und gut riecht - oder aber weil er völlig verschwitzt von der Gartenarbeit zurückkommt, nicht geduscht hat und gerade deshalb erregende Düfte verbreitet. Dann signalisiert Christines limbisches System: Ich will Sex.

Bei Frauen spielt der Vernunftsfaktor der Grosshirnrinde eine beträchtliche Rolle - eine Folge der Tatsache, dass Frauen schwanger werden. Überlegungen wie «Kann ich heute schwanger werden?» oder «Schlafen die Kinder?» dominieren einen Moment lang das Empfinden. Christines Erregung steigt deshalb langsam und behutsam an. Im Schnitt brauchen Frauen rund 20 Minuten, bis sie voll erregt sind, besagen die neusten Studien.


Der Penis wird geflutet wie die Kammern eines U-Boots

Bei den meisten Männern ist der Fall viel schneller klar. Vielleicht wirft die Grosshirnrinde zu Beginn noch kurz ein, dass es noch erregender wäre, wenn Christine ihr ganz spezielles Parfum aufgetragen hätte. Aber dann kann es losgehen. Das Gehirn sendet eine Botschaft in die Beckenregion, der Penis beginnt sich aufzurichten.
Was jetzt geschieht, wissen die Forscher dank der Arbeit mit Viagra ziemlich genau. Wenn der Erektionsbefehl im Penis ankommt, schütten die dortigen Nervenenden Stickstoffoxid aus, was dazu führt, dass Zellen einen weiteren Botenstoff produzieren - das so genannte cGMP-Molekül (zyklisches Guanosinmonophosphat). Viagra verlängert die Lebensdauer von cGMP und macht die Erektion härter und stabiler. Der Penis ist voller glatter Muskelzellen. Wenn diese Zellen merken, dass der Gehalt des cGMP-Moleküls steigt, entspannen sich die Muskelfasern. Dadurch öffnen sich spezielle Kanäle.

Jetzt kann Blut in die Schwellkörper einströmen. Das Innere des Penisschaftes wird geflutet wie die Tauchkammern eines U-Bootes. Der Druck im Penis steigt, weil gleichzeitig der Abfluss immer mehr unterbunden wird. Er dehnt sich aus, wird hart und lang. Wie lang genau, ist individuell unterschiedlich. Eine neue Studie hat ergeben, dass der schlaffe Penis im Schnitt zwischen 9 und 11 Zentimeter misst und während der Erektion auf etwa 13 bis 16 Zentimeter anwächst. Und: In entspanntem Zustand kurze Penisse können erigiert durchaus mit dem Durchschnitt mithalten.

Während der Erregungsphase verändert sich aber nicht nur der Penis. Der Körper fährt alle Grundfunktionen hoch. Die Durchblutung und die Herzfrequenz steigen. Die Haut wird empfindlicher, die Muskelspannung steigt.

All diese Phänomene beobachtet man auch bei Frauen. Sowieso sind sich Männer und Frauen, was den Sex betrifft, viel ähnlicher, als man auf Anhieb denkt. Die primären Geschlechtsorgane entstehen aus Anlagen, die bis zur sechsten Schwangerschaftswoche genau gleich aussehen. Allerdings wissen die Forscher über den Penis weit mehr als über Klitoris und Vagina.

Der Klitoriskopf ist mit rund 8000 Nervenzellen bestückt. Diese machen ihn zu einem der sensibelsten Körperteile der Frau. Erst kürzlich hat eine australische Forscherin herausgefunden, dass die Klitoris ein eigenes Nervensystem hat, das sich weit unter den sichtbaren Teil des Kitzlers verzweigt. Männer tun also gut daran, die Frau in dieser Region grossflächig zu streicheln.


Die Vagina - das seltsame Organ voller Mysterien

Auch bei der Frau steigert die Erregung die Durchblutung. Die Klitoris wird länger und verhärtet sich. Manche Forscher glauben, dass dabei sehr ähnliche chemische Regelkreise beteiligt sind wie bei der Erektion des Penis. Deshalb versuchen sie Viagra-ähnliche Stoffe zu entwickeln, die Frauen sexuell leistungsfähiger machen sollen.

Frauen spüren die Erregung ebenfalls im ganzen Körper. Die steigende Durchblutung lässt die Brüste um rund 20 Prozent grösser werden. Die Brustwarzen werden hart. Bei den kleinen Erhebungen, die sich dann auf der Warze zeigen, handelt es sich um Fettdrüsen, die den Nippel geschmeidig halten. Nicht nur die Brüste, auch die Schamlippen schwellen an. Die grossen äusseren ebenso wie die kleinen inneren.

Hinter den geschwollenen Schamlippen beginnt sich die Vagina auf den Geschlechtsakt vorzubereiten. Sie ist ein seltsames Organ voller Mysterien. Kein offener Raum, kein «Loch», wie manche glauben, vielmehr ist sie ein möglicher Raum, der sich zu gegebener Zeit gerade so weit öffnet, wie es nötig ist. Das Muskelgewebe der Vagina erlaubt ihr, sich wie ein Ballon auszudehnen und wieder zusammenzuziehen. Ihr Volumen passt sich allem an, was von innen oder von aussen in sie eindringt. Einer Zunge ebenso wie einem Penis oder eben einem Baby bei der Geburt.

Im Durchmesser unterscheiden sich die Vaginas verschiedener Frauen erheblich. Die Länge des Vaginakanals misst im Schnitt 7,5 Zentimeter. 90 Prozent der sensiblen Nerven liegen im vordersten Drittel der Scheide. Dementsprechend ist der Umfang des Penis für die Erregung der Frau wichtiger als seine Länge.

Christines Scheide wird nun feucht. Das ist eine direkte Folge des erhöhten Druckes in den Blutgefässen rund um die Vagina. Dadurch wird nämlich der flüssige Teil des Blutes durch die Gefässwände gepresst. Ist die Erregung stark genug, wird die ganze Beckenregion befeuchtet. Der grösste Anteil des Vaginalsaftes ist also sozusagen filtriertes Blut. Der Rest ist das Sekret verschiedener Drüsen, die sich unter anderem im Uterus befinden.

Während Christines Erregung immer noch ansteigt, hat Andreas schon lange die Plateauphase erreicht. Sein Penis hat die maximale Grösse erreicht. Er ist zum Bersten voll. Aus dem Schwellkörper fliesst kaum noch Blut ab. Die Schotten sind dicht. Die Hoden schwellen an. Prostata und Samenblase werden stärker durchblutet.

Jetzt ist auch Christine soweit. Vor lauter Erregung wird sie rot im Gesicht. Die Vagina hat sich ausgeweitet. Die Gebärmutter zieht sich zurück, um dem Penis Platz zu machen. Nur etwa 20 Prozent der Frauen können durch Penetration einen rein vaginalen Orgasmus erleben. Christine ist eine davon. Sie ist bereit.

Andreas' Penis hat unterdessen ein Tröpfchen eines schleimigen Sekrets ausgestossen. Die Flüssigkeit kommt aus der so genannten Bulbourethraldrüse und dient als Gleitmittel.

Er dringt in seine Freundin ein. Ihre Scheidenwände reagieren auf jeden Stoss. Dabei werden jedes Mal Tausende von Nervenenden vor- und zurückgeschoben. Die geschwollenen kleinen Schamlippen verengen den Scheideneingang und umschliessen den Penis. Im vorderen Drittel der Vagina bildet sich so die orgastische Manschette.

Andreas' und Christines Blutdruck, Atemfrequenz und Puls steigen weiter. Untrügliche Zeichen dafür, dass sich die beiden jenem rätselhaft umwerfenden Zustand nähern, an dem sich jedes andere Gefühl menschlichen Wohlbefindens messen lassen muss: dem Orgasmus.

Manche Forscher haben ihn mit einem Schlaganfall verglichen. Und tatsächlich scheint der sexuelle Höhepunkt das Gehirn zu verändern. Wichtigster Schauplatz ist einmal mehr das limbische System, wo die Gefühlswelt zu Hause ist. So sind Orgasmen ein bewährtes Mittel, Ängste für einen Moment lang loszuwerden. Forscher haben beobachtet, dass Angstneurotiker oft auch manische Onanisten sind. Die Wissenschaft glaubt, dies hänge mit dem Stoffwechsel des Botenstoffes Serotonin im Gehirn zusammen. Was beim Orgasmus im Gehirn aber ganz genau passiert, wissen die Sexforscher noch immer nicht.

Besser bekannt sind die Vorgänge unterhalb der Gürtellinie. Der auslösende Nervenreiz kommt bei Mann und Frau aus dem Rückenmark in der Höhe der Lendenwirbel.
Der männliche Orgasmus dauert im Schnitt 13 Sekunden. In Abständen von 0,8 Sekunden zieht sich die Beckenbodenmuskulatur rhythmisch zusammen. Die ersten Kontraktionen sind trocken. Plötzlich aber spritzt Spermaflüssigkeit aus dem Penisschaft, und zwar mit einem Druck, der einer Wassersäule von fünf Metern entspricht. Nach einer Phase längerer sexueller Enthaltsamkeit sind es rund vier Milliliter Flüssigkeit - sie enthalten neben 500 Millionen Spermien auch das Sekret der Prostatadrüse. Ungebremst fliegt das Nass etwa 90 Zentimeter weit. Ergiesst sich der Mann in die Frau, dauert es fünf Minuten, bis die ersten Samenzellen den Eileiter erreichen.


Der weibliche Orgasmus: Lang und intensiv

Der Orgasmus der Frau dauert länger, bis zu zwei Minuten, und ist wohl auch intensiver als jener ihres Partners. Dabei wird die Frau von bis zu 15 Spasmen geschüttelt. Christine hält dabei die Luft an. Andere schreien laut heraus.

Während sich Männer nach einem Höhepunkt mindestens eine halbe Stunde erholen müssen, bis sie zum nächsten bereit sind, gibt es Frauen, die bis zu drei Orgasmen hintereinander haben können. Bei manchen steigert sich das Wonnegefühl von einem zum nächsten Höhepunkt.

Nachdem Andreas und Christine gekommen sind, durchlaufen sie die abschliessende Rückbildungsphase. Die Körperfunktionen werden zurückgefahren. Ein Gefühl der Entspannung breitet sich im Körper aus. Wohlig dösen sie ein.

So richtig zur Routine wird die schönste Sache der Welt wohl doch nie.

30. Juni 2004 | Reto Kohler


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