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Heute kann sich jede Frau, jeder Mann seine Sexual- und Ehepartner selber aussuchen. Doch nicht für alle ist diese freie Wahl ein Segen, denn mitentscheidend sind äussere Werte.
Beim sexuellen Wettbewerb zählen nur positive Eigenschaften. Wer viel von diesem so genannten sexuellen Kapital hat, dem wird gegeben. Wer keines hat, ist oft der Verzweiflung nahe.
Keiner hat diese Zusammenhänge unbarmherziger beschrieben als der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinen Romanen. Wissenschaftler und Sexualtherapeuten geben ihm Recht.
Houellebecq schickt in einem seiner Romane die Figur Michel von Paris nach Bangkok. Der 40-jährige Buchhalter hat dort Sex mit Thailänderinnen. Gegen harte Dollars natürlich: Die Frauen suchen den Verdienst, die Männer die Lust.
Romanheld Michel erklärt diese «Beziehungen» so: «Es scheint eine nahezu ideale Übereinstimmung zu geben zwischen thailändischen Frauen und Männern aus dem Westen, die in ihren eigenen Ländern nicht anerkannt werden und keinen Respekt empfangen.»
Geld und Macht im Tausch gegen Sex und Verfügbarkeit
Dieses scheinbare Bekenntnis zum Sextourismus hat dem 46-jährigen Houellebecq beissende Kritik eingebracht. Er verharmlose die Tatsache, dass die meisten Frauen sich dort unter Zwang prostituierten. Doch den Schriftsteller interessierte dieser Aspekt nicht.
Was Houellebecq auf krasse Weise vor Augen führen will: In einer sexuell befreiten Welt sind es nur noch positive Eigenschaften, die zu einem sexuellen Kontakt führen. Geld und Macht auf der einen Seite, überdurchschnittliche Sexualtechniken und Verfügbarkeit auf der anderen Seite sind für ihn nur Beispiele. Das sexuelle Kapital besteht aus vielen weiteren Teilmengen wie körperliche Attraktivität, Intelligenz, Humor, Jugendlichkeit usw.
In einem seiner Interviews klagt Houellebecq: «Es ist so selten, dass man eine (europäische) Frau trifft, die Lust geben will, wenn man keine Jugend, keinen Reichtum, keine interessanten Gespräche und keine aufregenden Erlebnisse bieten kann.»
Zu Hause arm - im armen Ausland reich und begehrt
Seine Romanfigur Michel hat keinen der erwähnten Vorzüge und macht sich deshalb mit dem bisschen Geld, das er in Frankreich verdient, auf den Weg, um wenigstens im Ausland zur anerkannten, ja «reichen» Person zu werden, der Sex und sexuelle Anerkennung zuteil wird.
Sex haben, so Houellebecq, ist also eine Frage des sexuellen Kapitals. Es gibt keine Gemeinschaft mehr, die dafür sorgt, mit wem man Sex haben darf. Es gibt keine geordneten Interessen mehr.
Das war nicht immer so. Früher suchten die Eltern den Kindern den Partner aus. Oder die Dorfgemeinschaft, die religiöse Gemeinschaft oder eine sonstige Gruppe war der Kreis, in dem man seinen Sexualpartner suchte. Man wurde verheiratet und hatte beinahe garantierten Sex. Und sich in einer Ehe dem Geschlechtsverkehr zu verweigern, galt in der Schweiz noch bis vor wenigen Jahren als Klagegrund bei einer Scheidung.
Verheiratet aufgrund wirtschaftlicher Aspekte
Volle Zustimmung findet die These, dass das sexuelle Kapital die Beziehungen dominiere, beim Zürcher Sexualtherapeuten Peter Schröter. Er behandelt sowohl Paare und Singles als auch Frauen und Männer. Was heute in der Partnerwahl zähle, seien Jugend und Schönheit bei Frauen und Macht und Geld bei Männern.
«Nicht umsonst geben Frauen Millionen für Schönheitsprodukte und Operationen aus», sagt Schröter. Die «Deregulierung» der Geschlechterbeziehungen, wie sie Michel Houellebecq beschreibe, könne ausserordentlich gut beobachtet werden.
«Früher war es einfacher, einen Partner zu bekommen», sagt Schröter. Mann und Frau seien verheiratet worden, wie es beispielsweise in Teilen Indiens noch heute üblich ist. Dahinter stecken allerdings meist wirtschaftliche Absichten: jemanden «versorgen» oder am Reichtum und Einfluss der angeheirateten Familie teilhaben.
Solche Fragen des menschlichen Verhaltens unter wirtschaftlichen Aspekten untersucht die Sozialbiologie. Sie hinterfragt etwa, was Eltern in die Erziehung ihrer Kinder investieren. Beispielsweise welchen Sinn es mache, als Eltern ein Kind auch nach der Pubertät noch bei sich im Haus zu behalten.
«Sex gegen Bindung» heisst die Devise
Erst vor wenigen Jahren setzte die Forschung im Bereich Partnerwahl ein. Warum geht man überhaupt Partnerschaften ein und unter welchen Voraussetzungen?
Die Ehe oder eine feste Partnerschaft ist laut Sexualtherapeut Schröter ein Tausch von Eigenschaften. Sie gibt Sex, er versorgt sie und sichert ihr Leben. «Sex gegen Bindung», mit dieser Formel haben die australischen Soziobiologen Allan und Barbara Pease den Tausch zwischen Mann und Frau auf den Punkt gebracht. Grundlage waren Dutzende von Sexualstudien, welche das Paar ausgewertet hat.
In dieser - antiquiert anmutenden - Rollenverteilung muss «Weibchen schön und Männchen potent» sein, stellt Schröter bei seiner Arbeit immer wieder fest. Wer das sexuelle Kapital nicht habe, der versuche alles, um es zu bekommen.
Um beim Beispiel der Frauen zu bleiben: «Sie magern ab, sie werden krank, sie kuren, nur um einem Schönheitsideal gerecht zu werden.» Selbst Fotomodelle, so der Sexualtherapeut, fragen sich dauernd, ob sie schön seien. «Sie bringen die äussere Schönheit nicht mit der inneren Schönheit in Verbindung.»
Paarleben mit emotionalem «Wohlfahrtsgewinn»
Houellebecqs Versuch, die Gesellschaft in Romanform zu beschreiben, sei ein ausserordentlich wertvoller Beitrag, denn die wissenschaftlichen Traktate der Soziologen und Sexualwissenschaftler seien für Laien kaum verständlich.
Einer, der seit jeher versucht hat, seine wissenschaftlichen Erkenntnisse der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist der Hamburger Sexualforscher Gunter Schmidt. Sein Buch «Das Verschwinden der Sexualmoral» (vergriffen) beschreibt auf wissenschaftlicher Ebene, was Houellebecq in seinen Romanen schildert: den schleichenden Verlust jeglicher Regeln in der Sexualität und dass jeder bei der Partnerwahl vollkommen auf sich selbst gestellt ist.
Schmidt untersuchte in seiner neuesten Arbeit das sexuelle Verhalten von 776 Menschen unterschiedlichen Alters aus Hamburg und Leipzig. Das Ergebnis, so der Wissenschaftler, könne als typisch für die westlich geprägten Kulturen gelten - inklusive der Schweiz.
Gunter Schmidts Fazit: Heute sind junge Partnerschaften auf das Testen des anderen Partners ausgelegt. Es sei ein «Erprobungs- und Lernprozess, um den Richtigen zu finden», heisst es in der Antwort einer Befragten.
«Alle wollen das Paarleben, machen es aber nur mit, solange sie einen emotionalen "Wohlfahrtsgewinn" haben», schreibt der 66-jährige Wissenschaftler. Vermutlich gehe aber ein Grossteil der heterosexuellen Paare auseinander, weil sie am Auseinanderklaffen von Ideal und Realität scheiterten.
In Zukunft eine Mehrheit mit sexuellen Selbstzweifeln?
Michel Houellebecqs Prognose für die Partnersuche der Zukunft ist allerdings eine negative. Nicht eine Mehrzahl friedliebender Verheirateter sieht er, und auch nicht eine Vielzahl attraktiver Menschen, sondern: Wenige Menschen mit grossem sexuellem Kapital dominieren viele sexuell unattraktive Einzelgänger. Vielen bleiben dann nur sexuelle Selbstzweifel.
Schon der Freud-Schüler und berühmte deutsche Sexualforscher Wilhelm Reich stellte 1927 fest: Die Frustration der sexuellen Energie stehe am Anfang vieler Krankheiten und Gewalt. «Wird die sexuelle Energie blockiert, so äussert sich das auf drei Arten:
- Erstens in einer entfesselten Impulsivität und Selbstzerstörung - seien es Alkohol, Drogen, Sexualmord oder Kindsmissbrauch.
- Zweitens in Neurosen, darunter Hysterien, Obsession oder Ängsten.
- Drittens in Psychosen, darunter Melancholie, manische Depression oder Schizophrenie.»
Buch-tipps und Internet-Adressen
- Michel Houellebecq: «Plattform», Rowohlt, Fr. 18.10
«Elementarteilchen», List, Fr. 16.50
«Ausweitung der Kampfzone», Wagenbach, Fr. 18.30
www.houellebecq.info:
offizielle Website über den französischen Autor (in Deutsch)
- Peter Schröter, Charles Meyer: «Die Kraft der männlichen Sexualität», Pendo, Fr. 34.-
- Gunter Schmidt: «Das neue Der Die Das», Psychosozial-Verlag, Fr. 28.60 (Neuerscheinung)
www.beziehungsbiografien. de: Ergebnisse aus Schmidts Forschungsprojekt «Beziehungsbiografien im sozialen Wandel»
- www.single-generation.de: Bücher und Debatten zum Thema sexuelles Kapital
30. Juni 2004 | Andreas Valda
