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Der Riesenerfolg des Potenzmittels Viagra hat die Pharmabranche aufgerüttelt: Unterdessen buhlen mehrere Konkurrenzprodukte um den Milliardenmarkt.
Es ist schon bemerkenswert, was Viagra in den rund sechs Jahren seiner Existenz ausgelöst hat. Mit einem gewissen Effekt unterhalb der Gürtellinie mancher Männer hat man zweifellos gerechnet - mit den anhaltend erregten Medienreaktionen nicht unbedingt.
Vor noch nicht allzu langer Zeit nämlich lieferten Erektionsstörungen höchstens Stoff für geschmacklose Witze. Sie galten als Problem einiger weniger bedauernswerter Männer, über das zu berichten sich kaum jemand herablassen wollte.
Inzwischen aber glaubt bald jedes Kind, dass etwa die Hälfte aller Männer über 40 von Erektionsproblemen betroffen sei - den unzähligen Viagra-Schlagzeilen sei Dank. Die PR-Agenturen der Herstellerfirma Pfizer haben wirklich ganze Arbeit geleistet.
Es geht ja auch um eine schöne Stange Geld. Allein in der Schweiz erzielt Pfizer mit Viagra einen Umsatz von rund 24 Millionen Franken pro Jahr; weltweit sollen es über 2 Milliarden sein.
Solche Zahlen haben auch andere Pharmafirmen auf den Geschmack gebracht. Der US-Konzern Abbott etwa brachte das Präparat Uprima auf den Markt, das in der Schweiz seit März 2002 zugelassen ist. Anders als Viagra aktiviert Uprima nicht die Schwellkörper im Penis, sondern wirkt auf das Sexualzentrum im Hirn.
Jedoch vermag Uprima laut Professor Dieter Hauri, Direktor der Urologischen Klinik des Zürcher Unispitals, «höchstens bei schwachen, psychisch bedingten Erektionsstörungen» Abhilfe zu leisten. Eine echte Alternative zu Viagra sei das nicht.
Anders siehts aus im Falle von Levitra (Bayer) und Cialis (Eli Lilly). Levitra gibt es in der Schweiz offiziell seit Oktober 2003, Cialis hat erst vor knapp zwei Monaten die Zulassung erhalten. Beide Pillen beruhen auf dem gleichen Prinzip wie Viagra, wirken aber schneller beziehungsweise länger als der «grosse Bruder». Zumindest unterstreichen das die Herstellerfirmen.
Firmenquerelen: Potentes Mittel, um präsent zu bleiben
Doch Pfizer kontert, die Datenlage, mit welcher die Konkurrenz das belegen wolle, sei bescheiden.
Wie auch immer: Die Reibereien zwischen Pfizer, Bayer und Eli Lilly sorgen dafür, dass deren Potenzpillen in den Schlagzeilen bleiben - und das dürfte allen drei recht sein. Zu einer echten Enttabuisierung des Themas «sexuelle Störungen» tragen die Pharmafirmen damit aber wenig bei.
Im Gegenteil: «Viele Männer werfen heute einfach eine Pille ein und versäumen es, der Ursache ihrer Erektionsstörung auf den Grund zu gehen», kritisiert der Zürcher Psychotherapeut Ernst Frei.
Ähnliches konstatiert Urologie-Professor Hauri: «Die Diagnose steht heute häufig nicht mehr im Vordergrund.» Denn Erektionsprobleme seien in den allermeisten Fällen allein auf organische Ursachen wie Gefässerkrankungen und Nervenleitstörungen zurückzuführen, und da biete sich mit den Potenzpillen eine meist wirksame Behandlungsmethode an.
Und eine einfache dazu: Andere Verfahren wie die Schwellkörper-Injektion und die Harnröhren-Applikation (medizinisch urethrales System zur Erektion, Muse) sind weit weniger angenehm und bedürfen der sorgfältigen ärztlichen Instruktion (siehe Tabelle). Zudem führen sie - wie übrigens auch die laut Hauri «fürchterlich mechanistische» Vakuum-Pumpe - quasi autonom zu einer Erektion. «Bei den Pillen hingegen braucht es eine erotische Stimulierung, die Erektion ist daher viel natürlicher», erklärt Hauri.
Der Urologie-Professor warnt Männer mit Erektionsstörungen aber davor, ihr Leiden wegen Viagra und Co. auf die leichte Schulter zu nehmen. Solche Störungen seien häufig Anzeichen für Gefässerkrankungen, die unter Umständen in einem Herzinfarkt gipfeln. Entsprechend gefährdet sind Raucher sowie Männer mit Bluthochdruck oder hohen Cholesterinwerten.
KIären Sie zuerst die Ursache, bevor Sie Pillen schlucken
Daneben treten Erektionsprobleme oft als Folge von Diabetes auf. Manchmal gehen sie zudem auf Hormonstörungen, Drogenkonsum oder Medikamenteneinnahme zurück. Sie können aber auch ganz oder teilweise psychisch begründet sein.
Und da hakt Psychotherapeut Ernst Frei ein. Er rät betroffenen Männern dringend, den Ursachen ihrer Störung auf den Grund zu gehen. «Es ist doch nicht sinnvoll, sich dauernd auf ein Medikament abzustützen, wenn eine sexualtherapeutische Behandlung das Problem möglicherweise an der Wurzel beseitigen könnte.»
Erst recht zu beherzigen ist Freis Rat im Falle all jener sexuellen Störungen, für deren Behandlung gar keine Pille zur Verfügung steht. So leiden viele Männer unter vorzeitigem oder ausbleibendem Samenerguss. Andere wiederum verspüren beim Orgasmus kaum Lustgefühle - oder gar überhaupt nie sexuelle Empfindungen. Ebenfalls keine Seltenheit sind Schmerzen beim Sex.
Auch bei Frauen tritt dieser «Lustkiller» auf, zum Beispiel wegen Trockenheit der Scheide trotz sexueller Erregung. Und ebenso wie Männer kennen sie das Problem der andauernden Unlust. Zudem machen manche Frauen die Erfahrung, dass sich ihre Erregung trotz sexueller Stimulierung kaum steigert beziehungsweise plötzlich abbricht. Oder dass sie auch nach lustvoller Erregungssteigerung keinen oder nur einen sehr schwachen Orgasmus erleben.
In vielen Fällen lassen sich solche Störungen mit psychotherapeutischen Verfahren erfolgreich behandeln. Doch der Schritt, eine Therapie anzufangen, fällt Betroffenen häufig schwer. «Vor allem für Männer ist der erste Besuch manchmal recht strapaziös: Sie kriegen einen roten Kopf, schwitzen, fühlen sich blamiert oder peinlich berührt», sagt Ernst Frei. Das gehe aber rasch vorbei.
«Sexuelle Erregung ist ein komplexes Phänomen»
Frei bietet sowohl individuelle Psychotherapie als auch Paar-Sexualtherapie an. In beiden Fällen gehe es darum, bestehende sexuelle Vorstellungen zu ergründen und zu hinterfragen. Gleichzeitig müssten Stress und Ängste abgebaut werden. Begleitet werde dieser Prozess von spezifischen, stets dem Therapieverlauf angepassten Entspannungs- und Stimulationsübungen, die er quasi als «Hausaufgaben» erteile.
Und wichtig ist schliesslich Geduld. Frei: «Wer an einer sexuellen Störung leidet, muss bisherige Muster oft komplett in Frage stellen und viel über die eigene Erregbarkeit sowie jene des Partners herausfinden. Das braucht Zeit, denn Aufbau und Entwicklung einer sexuellen Erregung bis hin zum Orgasmus sind sehr komplexe Phänomene.»
Pillen und Pülverchen aus dem Sexshop: «Höchstens Placebo-Wirkung»
«Liebeszucker», «Spanische Liebescreme», «Penis- und Potenzstärker», «Woman Power Caps», «Erotik-Bonbon» - wer unter sexuellen Problemen leidet, findet im Sexshop ein beeindruckendes Angebot an Pillen, Cremen, Tropfen und Pülverchen, die Linderung versprechen. Günstig sind die Mittel zwar keineswegs, doch wenn sie wirken...
Tun sie aber nicht, wie Urologie-Professer Dieter Hauri mit Blick auf ihre Inhaltsstoffe erklärt. Tatsächlich finden sich da so bemerkenswerte Zutaten wie «Potenzholz», Damianablätter oder Algen. Für Hauri steht unter dem Strich fest: «Produkte dieser Art haben höchstens Placebo-Wirkung.»
Das sieht auch Psychotherapeut Ernst Frei so - und erinnert daran, dass im Internet-Zeitalter neben solchem «Plunder, der nichts bringt», auch «so unglaubliches Zeugs wie zum Beispiel Penis-Expander» ein grosses Publikum erreiche. Frei: «Es ist absurd, was gewisse Männer unternehmen, um ihr Selbstwertgefühl zu steigern.»
30. Juni 2004 | GERY SCHWAGER
