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Eine Mandeloperation ist kein harmloser Routineeingriff: Es kann zu gefährlichen Nachblutungen kommen. Deshalb sollte man gut abwägen, ob sie nötig ist. Fachleute raten: Im Zweifelsfall zuwarten.
Die Operation bleibt Kindern vor allem durch eines in guter Erinnerung: Sie dürfen danach hemmungslos Berge von Glace essen. Die Operation der Gaumenmandeln ist in der Schweiz bei Kindern bis 14 Jahre noch immer die häufigste Operation. Doch harmlos ist sie deshalb noch lange nicht: Bei rund jedem zwanzigsten kleinen Patienten kommt es zu gefährlichen Nachblutungen. Dann heisst es: So schnell wie möglich zur Kontrolle ins Spital. Denn die Komplikation kann - wenn auch sehr selten - für das Kind lebensgefährlich sein. Gefährlich wird die Situation vor allem dann, wenn das Blut nach hinten in die Luft- oder Speiseröhre oder in den Magen fliesst und erst spät bemerkt wird.
Viele Mandelprobleme verschwinden von allein
Deshalb raten heute viele Hals- Nasen-Ohren-Spezialisten, das Skalpell zurückhaltend einzusetzen. David Holzmann, Oberarzt an der Hals-Nasen-Ohren-Klinik des Universitätsspitals Zürich: «Jeder Arzt, der schon einmal eine Nachblutung erlebt hat, überlegt sich gut, ob er ein Kind operiert oder nicht.» Er selbst hat es auch schon abgelehnt, einem Kind die Mandeln zu schneiden, weil er keine eindeutige medizinische Notwendigkeit dafür sah.
Eine Operation der Gaumenmandeln ist nur angezeigt bei Kindern mit
- mindestens drei schweren, bakteriellen Mandelentzündungen pro Jahr,
- sehr grossen Mandeln, die zu schwerwiegenderen Atemstörungen führen,
- Abszessen neben den Mandeln (Peritonsillarabszess).
Kein Grund für eine Operation sind zum Beispiel durch Viren verursachte Halsentzündungen, häufige Erkältungen oder grippale Infekte. Im Zweifelsfall rät Spezialist David Holzmann, mit der Operation zuzuwarten. Viele Mandelprobleme wachsen sich um das 6. bis 8. Altersjahr von selber aus. Denn ihre Hauptaufgabe haben die Mandeln während der Kindheit: Sie helfen, das Abwehrsystem des Körpers zu entwickeln.
Das Risiko von Nachblutungen lässt sich verringern, wenn man sich an einige Verhaltensregeln hält (siehe Puls-Tipps). Keine Rolle spielt hingegen, ob der Chirurg die Mandeln mit dem Skalpell oder dem Laser entfernt. Barbara Peter, Oberärztin am Kantonsspital St. Gallen: «Bezüglich Erfolg und Risiken gibt es keine Unterschiede.» Zwar habe der Patient bei der Laseroperation anfangs weniger Schmerzen - die würden dafür einfach später auftreten. «Der Heilungsprozess verläuft langsamer als bei der konventionellen Operationsmethode.»
Als neue, schmerzarme Möglichkeit empfehlen einige Kliniken, nur einen Teil der Mandeln zu entfernen. Für Barbara Peter ist das keine Alternative: «Man weiss heute noch zu wenig über den langfristigen Erfolg dieser Operation.» Es sei jedoch zu erwarten, dass die Patienten später erneut an Entzündungen erkranken, da Teile des Mandelgewebes im Hals bleiben. Allerdings: Auch eine normale Mandeloperation garantiert nicht ein Leben ohne Halsweh.
Annemarie Probst aus Hittnau ZH fand für ihren Sohn eine Alternative zur Mandeloperation: homöopathische Globuli. «Mein Sohn hatte immer wieder starke Hals- und Stirnhöhlen-Entzündungen. Und seine Mandeln waren sehr gross.» Der Hausarzt riet zu einer Operation. Doch die Mutter konsultierte zuerst einen anderen Spezialisten mit komplementärmedizinischer Zusatzausbildung. «Dieser verschrieb ihm so genannte Drainage-Globuli.* Damit hatten wir vollen Erfolg», erzählt die Mutter.
Homöopathische Globuli und Akupunktur haben geholfen
Der behandelnde Arzt Sven Michelsen aus Dübendorf ZH: «Die Globuli sollen die Ausscheidungsorgane aktivieren oder unterstützen.» Zusätzlich verschreibt er jeweils ein weiteres homöopathisches Mittel (Myosotis comp.) und macht mittels Ohr-Akupunktur eine Störfeldabklärung.
Michelsen: «Wenn ich allerdings nicht innert nützlicher Frist erfolgreich bin, lasse auch ich die Kinder operieren.» Der Grund: «Sie sollen durch die vielen Halsentzündungen nicht unnötig geschwächt werden.» Michelsen selbst hat die Erfahrung gemacht, dass auch reine Schulmediziner heute bei Mandeloperationen viel zurückhaltender geworden sind.
*Eine Mischung von homöopathischen Tiefpotenzen (C6) von Carduus marianus, Solidago, Pulsatilla und Nux vomica.
Mandeln frisch operiert: Keinen Sport treiben
Das sollte man nach einer Mandeloperation beachten:
- Bis zur Wundheilung nichts Saures, Scharfes oder Hartes essen. Geeignet sind zum Beispiel Glace, Pudding, Suppen, Kartoffelstock und Weggli.
- Kalte Getränke und Speisen lindern den Schmerz.
- Kein Turnunterricht, kein Sport.
- Keine intensive Sonnenbestrahlung.
- Keine heissen Duschen oder Bäder nehmen, das steigert die Durchblutung.
- Keine Medikamente nehmen, welche die Blutgerinnung stören - wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure (Aspirin).
- In den ersten Tagen nach der Operation die Zähne nur spülen. Danach sollen die Eltern die Zähne des Kindes ganz vorsichtig putzen.
30. Juni 2004 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch
