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Artikel | Gesundheits-Tipp 7+8/2004

Badespass in der Kloake

Den Erreger der gefürchteten Kinderlähmung wiesen Forscher kürzlich im Abfluss einer Kläranlage des Kantons Zürich nach. Woher die Viren kamen, ist unklar. Die Kinderlähmung gilt in der Schweiz seit Jahren als ausgerottet, niemand rechnet hier mit einer Ansteckung. Beunruhigend ist: Das Wasser der Kläranlage gelangte in einen Fluss. Dorthin, wo sich im Sommer Familien mit ihren Kindern zum Bade tummeln.

Doch die Behörden interessieren sich kaum für Viren im Wasser. Selbst vor den weit verbreiteten Darmgrippe-Erregern verschliessen sie die Augen: Die verantwortlichen Behörden suchen Flüsse und Seen erst gar nicht danach ab. Obwohl Experten in der Schweiz dies seit Jahren fordern und es von EU-Richtlinien bereits empfohlen wird. Nicht ohne Grund: Wenn Kinder nur wenige Tausendstelliter des verseuchten Badewassers schlucken, müssen sie erbrechen. Jetzt zeigt eine Stichprobe des Pulstipp: In jeder dritten Flusswasserprobe hat es solche Darmgrippeviren (siehe Seite 16).

Mehr noch: Die Behörden kontrollieren gar nicht überall die Wasserqualität der Flüsse und Seen. Weder auf Krankheitserreger noch auf die verbreiteten Fäkalbakterien. Beispiel Kanton Bern: Messungen abgeschafft. Ebenso Basel-Stadt. Oder St. Gallen: Messungen nur noch alle drei Jahre. Der Grund: Die Kantone sparen. Auch das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft nimmt künftig verschmutzte Flüsse in Kauf. Es kürzt die Gelder für Abwasser- und Abfallanlagen um 39 Millionen jährlich. Auch hier der Grund: Sparmassnahmen.

Das kann sich in der Zukunft bitter rächen. Reisende bringen Erreger in die Schweiz, die wir nicht oder nicht mehr kennen. Ein Teil der Keime gelangt in die Kläranlagen. Starke Unwetter nehmen mit der Klimaerwärmung zu. Und sie sind es, die Kläranlagen zum Überlaufen bringen. Krankheitserreger und Fäkalbakterien gelangen so vermehrt in Flüsse und Seen. Das heisst: Wer bei den Abwässern spart, gefährdet die Gesundheit der Badenden. Oder zwingt sie, künftig aufs Flussbad zu verzichten. Denn in einer Kloake will keiner mehr baden.

30. Juni 2004 | Tobias Frey


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