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Artikel | saldo 12/2004

Wenn der Grillspass zum Drama wird

Die Holzkohle will nicht richtig brennen, dabei warten alle hungrig auf die Würste. Ungeduldig greift man zum Sprit. Das Resultat: Grillunfälle mit Verbrennungen.

Nichts ist schöner, als an einem lauen Sommerabend noch ein paar Würste auf den Grill zu legen und den Tag so ausklingen zu lassen. Auch Roger Kundert steht im Sommer gern und viel vor seinem Gartencheminée. Vor acht Jahren allerdings mit fatalen Folgen.

Zurück von einer Mountainbike-Tour wollte sich der ehemalige Spitzenfussballer des FC Zürich mit dem Grillieren besonders beeilen. Um der Glut im Cheminée auf die Sprünge zu helfen, nahm er kurzerhand die Flasche mit Brennsprit und spritzte in die Briketts. «Natürlich wusste ich, dass das gefährlich ist. Aber ich glaubte, die Situation im Griff zu haben.»

Was folgte, belehrte ihn eines Besseren. Es gab einen fürchterlichen Knall, die Spritflasche explodierte. Sofort fingen seine Haare und die synthetische Kleidung Feuer. «Ich brannte lichterloh», erinnert sich Roger Kundert. Er schrie und riss sich blitzschnell das Leibchen vom Körper.


Grossflächige Verbrennungen zweiten Grades

Auch seine Frau reagierte geistesgegenwärtig. Sie stellte ihren Mann sofort unter die kalte Dusche und liess gleichzeitig die Badewanne mit kaltem Wasser ein. Bis zum Eintreffen der Sanität lag Roger Kundert fast eine halbe Stunde im kalten Wasser: «Der perfekten Reaktion meiner Frau habe ich viel zu verdanken. Ohne sie wäre mein Gesicht heute entstellt.» Erst der Blick in den Spiegel vor dem Transport ins Spital machte Roger Kundert das Ausmass der Katastrophe bewusst: «Alles war schwarz, die Hautfetzen hingen runter.»

Der ehemalige Fussballer erlitt so schwere Verbrennungen, dass er ins Verbrennungszentrum des Unispitals Zürich gebracht wurde. Jedes Jahr endet der Feierabendspass für mehr als ein Dutzend Grillfans hier - auf einer Spezialabteilung für Verbrennungen. Der behandelnde Arzt Walter Künzi: «Dabei landen hier nur die ganz schlimmen Fälle.» Die tatsächliche Zahl schwerer Grillunfälle dürfte weit höher liegen.

Die ersten Tage waren besonders hart. Der Arzt Walter Künzi konnte für Roger Kundert keine sichere Prognose stellen. «Er hatte grossflächige Verbrennungen zweiten Grades. An Hals und Arm reichten die Verbrennungen noch tiefer ins Gewebe. Da muss man immer mit Narbenbildung rechnen.» Wiederholt mussten die Ärzte verbrannte Haut entfernen, eine Tortur für alle Beteiligten. «Schliesslich haben wir vom Kopf Haut entnommen und an Hals und Oberarm transplantiert», erinnert sich Walter Künzi an die weitere Behandlung.


Grillieren: Nur noch mit der nötigen Vorsicht

Nach fast vier Wochen konnte Roger Kundert wieder nach Hause. Und gleich am ersten Tag hat er wieder grilliert:
«Erstens wollte ich den Unfall so verarbeiten, und zweitens bin ich ein leidenschaftlicher Grillfan.» In Zukunft allerdings mit der nötigen Vorsicht: «Ein solcher Grillunfall passiert mir garantiert nie mehr!»



Erste Hilfe

Das ist zu tun:
- Brennende Kleider löschen.
- Kleidung, sofern möglich, ausziehen.
- Betroffene Stellen sofort mit Wasser kühlen - mindestens 15 Minuten lang. Achtung: Kein Eiswasser verwenden, das kann zu Erfrierungen führen. Bei Kindern droht schnell eine Unterkühlung.
- Wenn möglich Puls, Blutdruck und Atmung kontrollieren. Allenfalls Schock-lagerung vornehmen.

Das ist zu unterlassen:
- Eingebrannte Kleidungsstücke dürfen nicht losgerissen werden.
- Brandblasen nicht aufstechen, es droht Infektionsgefahr.
- Hände weg von Mehl, Puder, Salben oder Gelees: nie auf Brandwunden geben!
- Feuerlöscher nicht auf das Gesicht richten.
- Keine feste Nahrung vor dem Transport ins Spital einnehmen. Trinken ist aber erlaubt.



Forscher arbeiten an der künstlichen Haut

Ernst Reichmann, Leiter der Forschungsabteilung der Chirurgischen Klinik des Universitäts-Kinderspitals Zürich, zur Entwicklung eines künstlichen Hautersatzes.

Puls: Welche Vorteile versprechen Sie sich von der künstlichen Haut?
Ernst Reichmann: Wir hoffen, dass zur Transplantation der künstlichen Haut nur noch eine einzige Operation notwendig sein wird. Wir versprechen uns weiter, dass mit diesem Hautersatz grosse Körperflächen schnell zu decken sind. Wir möchten ausserdem die für Verbrennungen so typischen Narbenbildungen, die mit Funktionseinschränkungen wie Spannungsgefühl verbunden sind, reduzieren oder gar verhindern.
Was machen Sie genau im Labor?
Wir haben eine hautähnliche Trägersubstanz entwickelt, eine sogenannte Matrix. Darauf lassen wir menschliche Hautzellen wachsen, ein Gemisch aus Oberhautzellen, das auch adulte Stammzellen enthält.

Wozu braucht es adulte Stammzellen?
Diese Zellen sind notwendig, damit sich die menschliche Haut ständig erneuern kann. Unsere schwierigste Aufgabe besteht darin, diese Zellen zu identifizieren und zu isolieren. Das ist nicht ganz einfach.

Wie geht es nach dem Labor weiter?
Dann folgt der Moment der Wahrheit. Wir testen, wie sich diese Kunsthaut auf einem lebenden Organismus entwickelt. Dazu transplantieren wir ein Stück der gezüchteten Haut auf den Rücken einer Ratte.
Wir beobachten, ob die Kunsthaut mit dem lebenden Gewebe des Tieres zusammenwächst, ob beispielsweise Blutgefässe einwachsen und ob sich schliesslich eine dauerhafte und funktionsfähige Haut entwickelt.

Sind Sie mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden?
Ich bin tatsächlich sehr zufrieden. Es sieht einfach aus, aber wir haben sehr lange daran gearbeitet, bis wir zu der jetzigen Lösung gekommen sind.

Wann wird die künstliche Haut in der klinischen Praxis zur Verfügung stehen?
Zum jetzigen Zeitpunkt der Forschung ist es noch nicht möglich, zuverlässig vorauszusagen, ob und wann dieses Produkt bei der Behandlung von Verbrennungsopfern angewendet werden kann.

23. Juni 2004 | Susy Schär


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