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Salate sollen McDonald's vom Fettmacher-Image wegbringen. Doch Fachleute kritisieren: Die neuen Produkte sind nicht gesünder - und erst noch teurer. Eine Pulstipp-Stichprobe zeigt zudem, dass Kunden weiterhin auf Hamburger setzen.
Seit kurzem werben zwei gertenschlanke Sportlerinnen für Fast Food von McDonald's. Die Triathletin Nicola Spirig und die Schwimmerin Nicole Zahnd verkünden öffentlich, dass es nun ganz einfach sei, sich bei McDonald's «richtig» und «bewusst» zu ernähren. Der Anlass für diese Behauptung: Aus einer kleinen Kühlvitrine können die Kunden neu auch ein Salatmenü und Früchtedesserts wählen. Ausserdem gibt es ein Pouletbrust-Sandwich als Alternative zum Hamburger.
Doch das neue Fast-Food-Angebot stösst bei Fachleuten auf heftige Kritik. Franziska Widmer von der Kantonalen Ernährungsberatung Bern kritisiert: «Das Pouletbrust-Sandwich unterscheidet sich nur wenig vom Big-Mac-Hamburger. Unter dem Strich ist es nicht wesentlich gesünder.» Der Grund: Es ist kaum kalorien- oder fettärmer. Und wie beim Big Mac fehlen dem Sandwich Nahrungsfasern, weil es mit Weissbrot zubereitet ist.
Gegen die neuen Salate hätte Ernährungsberaterin Franziska Widmer zwar nichts einzuwenden. Nur: Als ausgewogenes Mittagsmenü allein bieten sie zu wenig - mindestens ein Brötchen würde dazugehören. Und hier sieht Franziska Widmer das nächste Problem. «Bei McDonald's findet man keine Stärkelieferanten mit wenig Fett und viel Nahrungsfasern wie zum Beispiel ein Vollkornbrötchen», bemängelt die Fachfrau. Ihr Fazit: «Jemand, der sich gesundheitsbewusst ernähren will, müsste das Brötchen zum Salat an einem anderen Ort kaufen.»
Zudem: Wer bei McDonald's gesünder essen will, muss tiefer in die Tasche greifen. So kostet das kleine Komplett-Menü mit Hamburger, Pommes frites und einem 4-Deziliter-Getränk Fr. 9.90. Ein Salat mit Getränk hingegen Fr. 13.20.
Kaufen McDonald's-Konsumenten deshalb überhaupt Salate? Der Pulstipp machte die Stichprobe. Er befragte Kunden mittags um zwölf vor dem Ausgang der McDonald's-Filiale an der Neuengasse in Bern. Das Resultat:
- 27 von 30 Gästen assen entweder Hamburger, Pommes frites oder Chicken-Nuggets. Dazu tranken sie Cola oder Eistee.
- 18 der 30 befragten Gäste ergänzten ihren Mac mit einer Portion Pommes frites.
- Nur 3 haben einen der neuen Salatteller gekauft.
- Gar niemand hatte eines der neuen Früchtedesserts gewählt.
Experiment mit fatalen Folgen: 30 Tage nur McDonald's-Food
Der 19-jährige McDonald's-Kunde Emanuel begründete - stellvertretend für viele Befragten - sein Essverhalten so: «Als ich letzte Woche einmal den Salat probierte, hatte ich noch Hunger. Deshalb nehme ich lieber ein Big-Mac-Menü.» Doch bereits die mittelgrosse Variante dieses Menüs liefert 1200 Kilokalorien - das ist die Hälfte des Tagesbedarfs. Die 42 Gramm Fett dieser Mittagsmahlzeit decken zwei Drittel der empfohlenen Tagesration.
Der Pulstipp konfrontierte McDonald's Schweiz mit dem Ergebnis der Stichprobe. Pressesprecherin Franzisca Ellenberger hält fest, dass die neue Linie «exzellent und gemäss unseren Erwartungen gestartet ist». Zahlen über den Umsatz der neuen Produkte will die Firma aber nicht nennen.
Recherchen des Pulstipp haben allerdings ergeben: McDonald's Schweiz rechnet gar nicht damit, mit den neuen Produkten grosse Geschäfte zu machen. Das Unternehmen erwartet einen Umsatz von 20 bis 30 Millionen Franken. Das sind gerade mal vier bis sechs Prozent des Gesamtumsatzes von einer halben Milliarde Franken.
McDonald's-Presseprecherin Ellenberger räumt ein, dass McDonald's nach wie vor kein ausgewogenes Mittagsmenü anbietet. Doch sie hält fest: «Essen bei McDonald's ist nur ein Teil der täglichen Ernährung und darf nicht isoliert betrachtet werden. Niemand verpflegt sich von morgens bis abends nur bei uns.»
Einer, der dies doch getan hat, ist der amerikanische Filmemacher Morgan Spurlock: 30 Tage lang hatte er sich ausschliesslich bei McDonald's ernährt. Das Experiment hat er im Dokumentarfilm «Supersize me» festgehalten. Der Film kommt Ende Juli in die Schweizer Kinos.
Nach 30 Tagen war Spurlock 12 Kilo schwerer, hatte krankhafte Leber- und Cholesterinwerte und litt unter Depressionen. Er kam kaum mehr die Treppen hoch, und die Lust auf Sex war ihm vergangen.
Zwei Drittel der Bevölkerung in den USA sind übergewichtig
McDonald's will keinen Zusammenhang erkennen zwischen dem übergewichtigen Spurlock und seinen Produkten. Pressesprecherin Ellenberger: «So geht es allen, die über längere Zeit ohne körperliche Bewegung zu viel essen. Und zwar nicht nur bei McDonald's, sondern auch in der Betriebskantine, im Spitzenrestaurant oder zu Hause.» Deshalb, fügt Ellenberger hinzu, werbe McDonald's auch für einen gesunden Lebensstil mit viel Bewegung.
Die Werbekampagne belegt in der Tat, dass McDonald's fieberhaft am neuen Bild in der Öffentlichkeit arbeitet. Die neuen Produkte seien «eine Antwort auf die veränderten Kundenbedürfnisse», behauptet Franzisca Ellenberger.
Doch dies ist nur eine Sicht der Dinge. Eine andere: In den USA drohen dem Fast-Food-Anbieter McDonald's ruinöse Klagen von übergewichtigen Menschen. Ähnlich wie die Zigarettenproduzenten Milliarden an die Folgekosten des Tabakkonsums beisteuern müssen, könnten Übergewichtige die Fast-Food-Ketten künftig für die Folgekosten der Fettsucht zur Kasse bitten. Die Gerichte haben zwar die Klagen eines 120 Kilo schweren New Yorkers und von zwei schwergewichtigen Teenagern abgewiesen. Doch in den USA leiden 64 Prozent der Menschen an Übergewicht. Da ist es nur eine Frage der Zeit, bis weitere Betroffene mit Klagen an die Gerichte gelangen.
09. Juni 2004 | Esther Diener-Morscher - redaktion@pulstipp.ch
