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Artikel | saldo 9/2004

Alle Angaben ohne Gewähr

Im Laden muss die Herkunft von Früchten und Gemüse deklariert werden. Doch die Grossverteiler nehmen es damit nicht so genau.

Die Trauben kommen aus Chile, die Spargeln aus Mexiko. Äpfel und Birnen werden von Südafrika eingeflogen, die Bohnen am Nil geerntet. In den Gemüse- und Früchteabteilungen der Schweizer Detaillisten ist die Welt zu Hause. Die Konsumenten wollen wissen, woher die Ware stammt. Das belegt eine Umfrage des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) aus dem Jahr 2002.


Herkunftsangaben sind häufig widersprüchlich

Gut 70 Prozent der Kunden achten beim Einkauf immer oder meistens auf das Produktionsland. Sie haben auch einen rechtlichen Anspruch darauf, die Herkunft zu erfahren: Laut Lebensmittelverordnung muss das Produktionsland bei verpackter Ware immer deklariert sein. «Im Offenverkauf kann bei Früchten und Gemüse auf die schriftliche Angabe verzichtet werden, wenn die mündliche Auskunft gewährleistet ist», erklärt Christoph Spinner vom BAG.

So weit die Theorie. Die Praxis sieht anders aus, wie eine saldo-Stichprobe Anfang Mai gezeigt hat. In den 20 besuchten Filialen der Grossverteiler Carrefour, Coop und Migros brauchte es oft detektivisches Gespür, um die tatsächliche Herkunft von Früchten und Gemüse ausfindig zu machen.

Beispiel Chicorée: Im Bahnhof-Coop in Uster ZH gibt eine Tafel die Schweiz als Herkunftsland an - tatsächlich stammt die Ware aber aus Belgien, wie ein genauer Blick auf die Verpackung zeigt. Beispiel rote Trauben: Die Deklaration im Carrefour in Hinwil ZH lautet Südafrika, die Verpackung trägt den Aufdruck Chile. Beispiel Cherry-Tomaten: Auf dem Schild in der Migros Zürich-Stadelhofen heisst es Spanien, die Ware stammt aber aus der Schweiz.

Das sind keine Einzelfälle: Fast in jedem Laden finden sich mehrere Beispiele dafür, dass die auf den Tafeln genannten Produktionsländer nicht mit den Angaben auf der Verpackung übereinstimmen.

«Das verstösst gegen die Lebensmittelverordnung. Eine Frucht kann nicht gleichzeitig aus zwei Ländern stammen. Eine Angabe ist also offensichtlich falsch», stellt Christoph Spinner vom BAG klar.


Vorgedruckte Schilder aus der Migros-Zentrale

Bei der saldo-Stichprobe fiel zudem eine Praxis der Migros unangenehm auf: Doppel- und Dreifachnennungen auf einer Tafel. Bei den Spargeln heisst es grosszügig: USA/Spanien (Migros Zürich Löwenstrasse) oder Spanien/Griechenland/Deutschland (Migros Bremgarten AG). Die Tomaten stammen aus Marokko/Spanien, die Gurken aus Spanien/ Niederlande/Schweiz.

Lakonisch die Erklärung der Verkäuferinnen: «Die Ware kann jeden Tag aus einem anderen Land kommen. So müssen die Schilder nicht ausgewechselt werden. Die kommen übrigens vorgedruckt aus der Zentrale.»

Thomas Frey vom Kantonslabor Basel-Stadt empfindet Mehrfachnennungen als Zumutung. «Selbst wenn auf der Verpackung der Einzelportionen jeweils nur ein Land genannt ist, kann man nicht voraussetzen, dass die Kunden in den Kisten wühlen und nachforschen, was auf die Verpackung gedruckt ist.» Zumal eine Herkunftsüberprüfung oft unmöglich sei - etwa bei Gurken oder Melonen, die unverpackt in einer Kiste liegen.

Migros-Sprecherin Monika Weibel bezeichnet solche Mehrfachnennungen als «Ausnahmefall». «Lassen sich die benötigten Mengen nicht aus einem Land allein beschaffen, werden an der Tafel beide Provenienzen angegeben, da die Filialen teilweise gemischte Lieferungen erhalten.»


Beim Kauf spielt das Umweltbewusstsein eine wichtige Rolle

Ein Augenschein im Carrefour Hinwil zeigt, dass es auch ohne Mehrfachnennungen geht: Die Tomaten liegen säuberlich nach Herkunft getrennt in verschiedenen Kisten und sind mit drei separaten Schildern angeschrieben: Marokko, Italien, Holland.

Viele Konsumenten lassen sich laut der BAG-Umfrage bei ihren Einkäufen neben politischen auch von Umweltüberlegungen leiten. Während in einem Kilogramm europäischer Spargeln rund 0,4 Liter Erdöl stecken, birgt das Kilogramm aus Übersee 5 Liter Erdöl. Bei den Erdbeeren und Trauben fällt die Differenz ähnlich hoch aus. Jennifer Zimmermann vom WWF: «Wenn den Leuten solche Unterschiede schon wichtig sind, sollte man es ihnen nicht erschweren, umweltbewusst zu handeln.»



Sind Sie mit der Deklaration von Früchten und Gemüsen bei den Grossverteilern zufrieden? Sagen Sie uns Ihre Meinung: Redaktion saldo, Postfach 723, 8024 Zürich; E-Mail: redaktion@saldo.ch

12. Mai 2004 | Sigrid Cariola


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