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Artikel | saldo 7/2004

Der wunde Punkt beim sportlichen Velofahren

Die meisten Velofahrerinnen und Velofahrer sitzen auf dem falschen Sattel. Das kann zu Problemen im Genitalbereich führen.

Mindestens eine XT-Variante für die Schaltung, vorne und hinten eine verstellbare Federung, natürlich Scheibenbremsen - sportliche Velofahrerinnen und -fahrer wissen genau, welche Technik sie brauchen. Weit weniger Beachtung schenken Hobbysportlerinnen und -sportler dem Sattel - obwohl alle das Gefühl kennen, das sich vor allem bei längeren Ausfahrten einstellt: Taubheit im Genitalbereich.


Verkaufsberatung: Intime Fragen im Laden

Der Grund: Das Gesäss ist beim Radfahren ständig stark unter Druck. Auf ein paar wenigen Quadratzentimetern Fläche lastet mehr als die Hälfte des Körpergewichtes. Es drückt auf die Genitalien und führt mit der Zeit zu Schmerzen und Taubheit im Schambereich - bei Männern genauso wie bei Frauen.

«Allerdings redet man nicht gerne über Schmerzen im Genitalbereich; vielen ist dies zu intim», sagt Martin Wunderli, Geschäftsführer und Mitgründer der Velo Plus AG. Das Fahrradzubehörgeschäft verkauft nicht nur Velosättel, es entwickelt sie auch - speziell für Frauen. Das entspricht einem Bedürfnis, denn immer mehr Frauen betreiben Velofahren als Sport und satteln vom altgedienten Damenrad um auf moderne Hightech-Bikes; und sportliches Fahren belastet das Gesäss stärker (siehe auch Kasten). Bei Beratungsgesprächen im Laden hatte sich bei Velo Plus gezeigt, dass unbequeme Sättel bei den Fahrerinnen ein Hauptthema waren.

Ob der Schambereich beim Velofahren taub wird, hat viel mit dem Sattel zu tun. Das weist eine Studie der urologischen Klinik der Kölner Universität nach. Die Forscher wollten die immer wieder unter Männern kursierenden Schreckensmeldungen überprüfen, wonach der permanente Druck des harten Rennradsattels auf den Damm zu Impotenz führen soll. Die Mediziner haben deshalb 50 gesunde Sportler auf verschiedenen Sattelmodellen Rad fahren lassen und dabei die Durchblutung des Penis gemessen.


Radrennfahrer: Mehr Erektionsstörungen als andere Sportler

Die Resultate sind eindeutig: Beim schmalen Rennradsattel verringerte sich die Durchblutung des Penis um 80 Prozent. Am besten schnitt der extrem breite, sogenannte Damenrocksattel ab, der aussieht wie eine kleine Bank: Die Durchblutung des Penis verringerte sich nur um 20 Prozent; für Sportliche ist dieser Sattel allerdings keine Alternative, da er keinen ausreichenden Halt bietet. Fazit der Untersuchung: je schmaler der Sattel, desto grösser der Druck und umso schlechter die Durchblutung.

Die Durchblutung des Penis nimmt laut der Studie schon nach wenigen Minuten ab. «In den meisten Fällen normalisiert sich das wieder innerhalb von ein paar Minuten, sobald man vom Velo steigt», sagt Werner Hochreiter, Oberarzt an der Urologischen Klinik des Inselspitals Bern. «Aber wenn das längere Zeit andauert und immer wieder vorkommt, kann das theoretisch zu bleibenden Erektionsstörungen führen.» Wissenschaftlich nachgewiesen ist dies zwar nicht, es gibt aber handfeste Indizien. Eine Befragung von 1800 Radrennfahrern, die 300 Kilometer pro Woche auf dem Velosattel zurücklegen, ergab: Sie litten doppelt so häufig unter Potenzproblemen als andere Sportler.


Bequemlichkeit: Form ist wichtiger als das Polster

Aber auch Amateurradler klagen. Dazu Werner Hochreiter: «Es wurde festgestellt, dass etwa 60 Prozent der Amateurvelofahrer angeben, sie hätten Probleme mit Taubheitsgefühlen oder Gefühlsstörungen in Intimbereich - vor allem nach längeren Velotouren.»

Sitzbeschwerden treten aber nicht nur bei Männern auf. Gemäss Martin Wunderli von Velo Plus leiden genauso viele Frauen darunter.
Auch bei ihnen führt ein falscher Sattel zu Taubheitsgefühlen im Genitalbereich; dazu kommen geschwollene Schamlippen und Entzündungen der Haarwurzeln. «Bei einer Umfrage, die wir bei 400 Frauen gemacht haben, gaben 80 Prozent Probleme im Genitalbereich an.» Darauf hat Velo Plus zusammen mit einem italienischen Hersteller einen entsprechenden Frauensattel entwickelt. Der Sattel ist hinten relativ breit, wird aber bei den Schenkeln sehr schnell schmaler: So scheuert die Fahrerin sich weniger wund.

Für einen guten Sattel gilt sowohl für Männer wie für Frauen: Er muss hinten breit genug sein, damit die Sitzbeinhöcker des Gesässes gut aufliegen und den Hauptteil des Gewichts tragen. In der Mitte - im Genitalbereich, wo die Arterien und Nerven durchlaufen - sollte eine Aussparung oder Vertiefung mit oder ohne Gel für Druckentlastung sorgen.

Für Frauen empfiehlt sich zudem eine schmale Sattelnase, um den äusserst empfindlichen aussen liegenden Genitalbereich zu schonen. Einen Wundersattel für jeden und jede gibt es jedoch nicht. «Jeder Mensch ist anders», so Martin Wunderli von Velo Plus. Ausprobieren geht auch hier über studieren.


Gute Produkte schon für wenig Geld erhältlich

Die Fahrradindustrie ist in den letzten Jahren verstärkt auf die Bedürfnisse ihrer Kunden eingegangen. Firmen wie Specialized oder Selle Royal haben spezielle Sättel für Frauen und Männer, Hobbyfahrer, ambitionierte Bikerinnen und Rennfahrer entwickelt. Wer sich ein bequemeres Sitzgefühl auf dem Velo verschaffen will, muss nicht unbedingt tief in die Tasche greifen: Die Preisspanne guter Velosättel reicht von 25 bis 250 Franken.



So finden Sie den richtigen Sattel

Wer falsch auf dem Velo sitzt, riskiert eine Reihe von gesundheitlichen Beschwerden: Schmerzen am Gesäss, verspannter Nacken und schmerzende Hand- und Kniegelenke.

Beim Sattel ist nicht die Polsterung, sondern die Form entscheidend. Wer unter Taubheitsgefühlen leidet, sollte - ob Mann oder Frau - auf einen Sattel umsteigen, der hinten relativ breit ist. So sind die Sitzknochen gut abgestützt (siehe auch Kasten Sattelformen). Ein guter Sattel muss ferner richtig eingestellt sein. Er sollte horizontal liegen, oder der Sattelwinkel sollte ein bis zwei Grad nach unten geneigt sein.

Bei Rennrädern und Mountainbikes sollten Sattel und Lenker etwa auf der gleichen Höhe liegen. Citybikes mit ihren höher gestellten Lenkern erlauben eine fast aufrechte Haltung; diese ist besser als die vornüber geneigte Fahrposition. Sie beugt Rückenschmerzen vor; ausserdem sitzt der Fahrer oder die Fahrerin stärker auf den Sitzknochen, der Genitalbereich wird entlastet.

Auch die richtige Rahmengrösse verhindert Verspannungen in der Rückenmuskulatur. Hier gilt die Faustregel: Schrittlänge minus 30 Zentimeter.

Radfahrer sollten grundsätzlich öfter die Position verändern und aus dem Sattel in die stehende Position wechseln. Studien haben gezeigt, dass ein Wechsel beim Radfahren in die stehende Position eine signifikant bessere Durchblutung der Genitalien bewirkt. Daher empfehlen die Mediziner, regelmässig die Körperstellung zu wechseln. Das Gesäss schonen gepolsterte Velohosen ohne Naht.

Auch die Sattelhöhe muss stimmen: Dazu setzt sich der Fahrer auf das Rad und stellt einen Fuss mit der Ferse aufs Pedal. Das Bein sollte durchgestreckt sein, das Becken darf nicht zur Seite kippen.

Neu gibt es Sitzcremes: Denn trotz perfektem Sattel und gepolsterter Velohose kann das Gesäss nach langen Touren schmerzen. Die Creme pflegt die Haut, reduziert die Reibung und hilft, Hautrötungen und -risse zu verhindern.



Bei Schmerzen umsatteln

Frauensattel: Vorne kurz, hinten breit, Vertiefung in der Mitte. Speziell für Frauen entwickelt. Beispiel von Velo Plus, zwischen Fr. 35.- und Fr. 45.-

Sportlersattel: Vorne schmal, hinten relativ breit, wenig gepolstert, trotzdem bequem für Mountainbiker und Rennvelofahrer. Beispiel Flite ab Fr. 100.-

Lochsattel mit Gelkissen: Flexible Gelmasse hinten für Sitzhöcker, Loch im Dammbereich zur Druckentlastung. Modell von Specialized ab Fr. 60.-

Kernledersattel: Einziger Sattel, der sich dem Gesäss anpasst und Schweiss aufnehmen kann. Muss eingefahren werden. Beispiel Brooks ab Fr. 100.-

14. April 2004 | Peter Basler, Bennie Koprio


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