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Bei vielen Babys flacht der Hinterkopf in den ersten Monaten einseitig ab. Ein spezieller Helm soll den kleinen Kopf wieder richten. Doch jetzt üben Ärzte und Therapeuten massive Kritik: Dieser Helm kann das Wachstum des Schädels beeinträchtigen.
Die wenigsten Eltern realisieren sofort, dass ihr Kind auf der Strampeldecke immer auf dieselbe Seite schaut. Nach ein paar Wochen oder Monaten aber ist das Entsetzen gross: Der Hinterkopf des Babys ist nicht mehr wohlgeformt, sondern abgeschrägt.
Ein möglicher Grund: Durch die immer gleiche Liegeposition kann sich der Kopf verformen. Denn er ist noch weich und am Zusammenwachsen. Das Abflachen des Hinterkopfs kann allerdings mehrere Ursachen haben (siehe Kasten).
Helm verunsichert besorgte Eltern zusätzlich
Um den Kopf wieder in Form zu bringen, greifen Ärzte vermehrt zu einer neuen Methode: einer Art Eishockeyhelm für Babys. Der Helm kommt aus den USA und wurde vor wenigen Jahren entwickelt. Er soll die abgeflachte Stelle am Kopf entlasten und ihn wieder rund formen. Die Kleinen müssen dafür aber zwischen zwei und acht Monate alt sein und den Helm während 22 Stunden täglich tragen - und das für einige Monate.
Eugen Boltshauser, Professor und Leiter der Neuropädiatrie am Kinderspital Zürich, hat mit seinem Team den Helm bereits mehrere Dutzend Male verschrieben. «Wird der Helm professionell angepasst und kontrolliert, sind die Erfahrungen damit positiv», sagt der Professor.
Doch diese Methode stösst auf heftige Kritik. Viele Ärzte und Therapeuten sind empört, dass Kollegen an den Unikliniken Zürich, Bern und Lausanne Säuglingen einen Helm verschreiben: «Das ist eine klassische Idee der Klinikärzte», ärgert sich Hannes Geiges, Schul- und Kinderarzt aus Rüti ZH. «Ich habe hunderte von Kindern gesehen, deren Köpfe abgeflacht waren. Alle haben sich mit der Zeit erholt. Denn die Natur gleicht mit der Zeit die Abflachung aus.» Die Kritik des Kinderarztes: Die Wahrnehmung wie auch die Entwicklung der Sinne sei gerade bei Babys immens wichtig - und mit einem Helm werde dies empfindlich gestört. Zum Helm gibt es Alternativen: Mit Physiotherapie oder Behandlungen beim Chiropraktiker oder Osteopathen können verkürzte Halsmuskeln gedehnt und Blockaden gelöst werden.
«Zudem verunsichert ein Helm die ohnehin schon besorgten Eltern», erklärt Geiges. «Gerade in der ersten Lebensphase kann dies die wichtige Eltern-Kind-Beziehung stark beeinträchtigen. Das für beide Seiten sehr wichtige Schmusen wird in dieser bedeutenden ersten Zeit durch einen Fremdkörper wie den Helm deutlich erschwert.»
Die auf Kinder spezialisierte Osteopathin Sandra Bartu aus Zürich hält einen Helm sogar für «sehr gefährlich». Gerade bei Säuglingen sei der Schädel besonders heikel. Bartu: «Wir gehen davon aus, dass sich die 26 Schädelknochen untereinander bewegen müssen. Fixiert man diese, ergeben sich Störungen, die früher oder später zu anderen Problemen führen.»
Helm war als Behandlung für seltene Störung gedacht
Die Bedenken seiner Kollegen will Eugen Boltshauser nicht teilen. «Wir fixieren keine Knochen», entgegnet er. «Der Helm gestattet bloss eine bessere Lagerung des kindlichen Kopfes. Auch nach einer Manualtherapie sieht man wiederholt sehr ausgeprägte Abflachungen.» Er könne zudem nicht nachvollziehen, wie ein Helm die Eltern-Kind-Beziehung beeinträchtigen solle: «Wir begleiten Eltern und Kind während der ganzen Behandlung und wissen, dass der Helm von Eltern und Kindern akzeptiert wird.»
Boltshauser betont, dass der Baby-Helm erst dann eingesetzt werde, wenn andere Mittel ausgeschöpft seien - wenn also eine andere Lagerung des Kindes nicht möglich ist und es weder auf Physiotherapie noch auf die Behandlung eines Chiropraktikers angesprochen hat.
Für den Zürcher Chiropraktiker Bruno Maggi ist der Helm «eine amerikanische Problemlösung».
Maggi erklärt: «Neurochirurgen aus Baltimore haben den Helm entwickelt, um damit eine seltene Wachstumsstörung bei Säuglingen zu behandeln. Mittlerweile setzen ihn Ärzte aber vorwiegend bei abgeschrägten Babyköpfen ein. Man verfährt nach dem Motto: Der Kopf ist krumm, der Helm kommt drauf, und dann ist alles wieder gut.» Maggis Erfahrung nach verringert sich das Problem vom abgeflachten Hinterkopf nach einer Manualtherapie. «Der Kopf wächst danach symmetrisch weiter.»
Tipps für Eltern: Säuglinge richtig hinlegen und tragen
Flacht ein Babykopf hinten oder an der Seite ab, kann dies folgende Ursachen haben:
- Das Baby schläft in der immer selben Position.
- Das Kind hat Probleme mit der Halsmuskulatur und legt den Kopf deshalb immer auf die eine, einfachere Seite. Es handelt sich dabei um eine Blockade oder um einen Schiefhals. Bei einem Schiefhals ist der Halsmuskel auf der einen Seite leicht verkürzt. Jedes 12. Kind leidet nach der Geburt darunter. Grund: Der Fötus lag im Bauch der Mutter lange in derselben Stellung.
Das kann man dagegen tun:
- Ist das Baby wach: auf den Bauch oder auf die Seite legen.
Bei Schiefhals oder Blockade:
- Das Kind von der Seite her ansprechen, auf die es nicht spontan schaut.
- Das Baby stundenweise abwechselnd auf die linke und rechte Seite legen. Wichtig: Achten Sie auf eine leicht korrigierende Kopfposition.
- Je früher man das Kind richtig hinlegt und trägt, desto rascher kann die Korrektur einsetzen.
- Das Kind durch Fachleute behandeln lassen: einen Physiotherapeuten, eine Chiropraktikerin oder einen Osteopathen.
17. März 2004 | Gabriela Braun - gbraun@pulstipp.ch