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Die Anästhesie hat grosse Fortschritte gemacht. Betäubung und Schmerzbehandlung gehen dabei Hand in Hand.
Die 73-jährige Lucia Basilico hört über Kopfhörer ganz entspannt Musik. Dabei liegt sie nicht auf dem heimischen Balkon, sondern bei vollem Bewusstsein auf dem Operationstisch. Über dem Gesicht hat sie sterile Tücher. Und obwohl sie wach ist, spürt sie von der Operation fast nichts. Was sie merkt, ist das Hämmern und die Erschütterungen, während die Ärzte ihre Schulter herausnehmen und eine Prothese einsetzen. «Das ist nicht jedermanns Sache», gibt der Anästhesist Alain Borgeat zu.
Jahrelang litt Lucia Basilico unter starken Schmerzen in der Schulter. In den letzten fünf Monaten lähmte die Arthrose ihren Arm regelrecht. Eine Operation war schliesslich unumgänglich. Wegen einer Lungenkrankheit und ihrem angegriffenen Herz schien dem Narkosearzt eine Vollnarkose zu riskant. Eine spezielle Form der Regionalanästhesie, die Plexusanästhesie, liess den Eingriff trotzdem zu. Der Arm kann bei dieser Art der Narkose, die in der Schweiz erst seit den 90er-Jahren angewendet wird, isoliert betäubt werden.
Nur Schulter und Arm werden betäubt
Noch vor zwanzig Jahren hätte allein die Narkose für die 73-jährige Patientin ein hohes Risiko dargestellt. Es gab praktisch nur Vollnarkosen. «Eine Operation, vor allem mit der damals üblichen Gasnarkose, war für die Patienten eine nicht zu unterschätzende Belastung», weiss Borgeat. Und nach der Narkose liess deren Wirkung nur langsam wieder nach. Sogar zwei bis drei Tage nach der Operation fühlten sich viele Patienten noch benebelt.
Keine Spur davon bei Lucia Basilico nach ihrer Teilnarkose. Nach zwei Stunden ist die Operation vorbei und sie wird direkt in ihr Krankenzimmer gefahren. Unmittelbar nach der Operation könnte sie sogar bereits mit der Krankengymnastik beginnen.
Doch nach dem Eingriff hat sie zunächst noch Schmerzen. Früher dauerte es bis zu einem Monat, bis sich die Patienten nach orthopädischen Operationen wieder schmerzfrei fühlten. Heute ist das anders: Eine gezielte Schmerztherapie setzt gleich nach der Operation ein. Der Anästhesist betreut Lucia Basilico weiterhin und bespricht mit ihr die Schmerzbehandlung. «In Zukunft wird man in der Anästhesie noch bessere Therapiemöglichkeiten entwickeln, um die Schmerzen nach Operationen besser behandeln zu können», ist er überzeugt.
Schmerztherapie beginnt gleich nach der Operation
Die 73-Jährige kann die Infusion von Schmerzmitteln über einen Katheter selber regulieren. Für die schmerzhafte, aber wichtige Physiotherapie kann sie die Dosis also eigenständig erhöhen. Das Resultat ist erstaunlich: Bereits drei Tage nach der Operation kann Lucia Basilico ihre Schulter wieder so weit bewegen, dass sie sich selber anziehen kann. Fünf Tage nach der Operation ist sie wieder zu Hause - schmerzfrei. «Ich bin sehr zufrieden», sagt sie abschliessend.
Marion Friedrich
Verschiedene Narkosearten
Der Begriff «Narkose» umfasst grundsätzlich zwei Arten: Die Vollnarkose und die Regionalanästhesie.
- Die Vollnarkose: Der Patient erlebt die Operation in einem schlafähnlichen Zustand. Die Bewusstlosigkeit wird durch die Kombination von verschiedenen Medikamenten erzeugt. Diese werden entweder in die Vene gespritzt oder über einen geeigneten Beatmungsschlauch eingeatmet. Der Anästhesist überwacht während der gesamten Operation die Dosierung der Medikamente, die Narkosetiefe und alle wichtigen Körperfunktionen. Wenige Minuten nach Operationsende ist der Patient wieder wach.
- Die Regionalanästhesie: Bei vielen Operationen besteht die Möglichkeit, nur den betroffenen Körperabschnitt unempfindlich zu machen, ohne dass der Patient das Bewusstsein verliert.
- Spinal- und Periduralanästhesie: Die Narkosemittel werden in die Nähe der Rückenmarksnerven gespritzt. Sie wirken in der unteren Körperhälfte. Geeignet vor allem für Operationen an den Beinen, den Hüften oder im Beckenbereich (Kaiserschnitt).
- Plexusanästhesie : Grosse Nervenbahnen werden gezielt betäubt. Vor allem für Operationen an Schulter, Arm, Hand und Fuss.
- Lokalanästhesie: Ein Betäubungsmittel wird direkt in das betroffene Gewebe gespritzt, wodurch die örtliche Umgebung betäubt wird (etwa beim Nähen kleiner Wunden).
Af
"Narkosen an sich sind nicht gefährlich"
Viele Patienten haben mehr Angst vor der Narkose als vor der Operation. Hansjörg Gerig, Facharzt für Anästhesie am Kantonsspital St. Gallen, beantwortet die häufigsten Fragen.
Puls: Warum sollte man vor einer Operation nichts essen oder trinken?
Hansjörg Gerig: Bei eingeschränktem oder ausgeschaltetem Bewusstsein sind wichtige Reflexe wie Schlucken, Husten und Erbrechen vermindert. Dadurch könnte Mageninhalt in die Lungen gelangen und zum Beispiel eine schwere Lungenentzündung hervorrufen.
Was ist gefährlicher, die Operation oder die Narkose?
Von einzelnen speziellen Operationen abgesehen, sind weder Operationen noch Narkosen an sich gefährlich. Gefahr entsteht durch vorbestehende Krankheiten (zum Beispiel Gefässleiden, Zuckerkrankheit usw.) und durch einen eingeschränkten Allgemeinzustand des Patienten.
Kann es vorkommen, dass man während einer Vollnarkose aufwacht?
Dieser äusserst unangenehme Zwischenfall kommt trotz bester Überwachung in sehr seltenen Fällen tatsächlich vor. Meistens handelt es sich nur um ein Wachsein, extrem selten werden auch Schmerzen empfunden.
Was spürt man während einer Regionalanästhesie von der Operation?
Der Patient spürt keine Operationsschmerzen, empfindet aber in der Regel die vorgenommenen Manipulationen am Körper. Auf Wunsch wird dem Patienten ein Beruhigungs- oder ein leichtes Schlafmittel angeboten.
Kann es vorkommen, dass nach einer Periduralanästhesie Lähmungen zurückbleiben?
Diese Komplikation ist bekannt, kommt jedoch äusserst selten vor.
Wie steht es mit Übelkeit und Erbrechen nach der Narkose?
Übelkeit und Erbrechen nach Narkosen sind ein bekanntes, aber seltener gewordenes Phänomen. Es stehen heute gute Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung zur Verfügung.
03. März 2004
