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Experten vermuten, dass Light-Zigaretten eine besonders tückische Form von Lungenkrebs auslösen.
Bei Carl Müller begann es mit Kopfschmerzen. Als diese sich verschlimmerten, wurde nach der Ursache gesucht. Der niederschmetternde Befund: Hirntumor. Dann zeigte sich, dass der Tumor gar nicht im Kopf entstanden war. Die Diagnose für den 44-Jährigen: Lungenkrebs mit Metastasen im Gehirn. Dabei hatte er bislang nicht einmal Husten gehabt. Die Ärzte schätzten seine Lebenserwartung auf sechs bis acht Monate.
Fast 30 Jahre lang hatte Müller Zigaretten geraucht - zunächst starke, dann die Light-Variante, die weniger Teerstoffe enthält. Light hielt er für ein Zugeständnis an seine Gesundheit: Wenn schon rauchen, dann Zigaretten mit weniger Schadstoffen - sie schaden ja weniger. Ein fataler Irrtum. Das Lungenkrebsrisiko der Raucher ist gleich, egal ob sie ultralight, light oder medium rauchen, das zeigt eine Studie aus Boston USA.
Von der Tabakindustrie als gesunde Alternative lanciert
Die Zigarettenindustrie - heute extrem in der Defensive - betont diesen Sachverhalt mittlerweile sogar in ihren eigenen Anzeigen: Light-Zigaretten sind nicht weniger schädlich. So aufklärerisch war die Industrie nicht immer. Laut dem bekannten «British Medical Journal» beweisen interne Dokumente der US-Tabakindustrie, dass Light-Zigaretten mit weniger Teergehalt bewusst als gesunde Alternativen zu den anderen Marken lanciert wurden - wider besseren Wissens. «Die Bezeichnung "light" ist vielleicht der skandalöseste Betrug aller Zeiten am Vertrauen der Konsumenten», sagt Clive Bates, Leiter von US-Action on Smoking and Health.
Die fatale neue Botschaft für Light-Raucher: Wahrscheinlich erzeugt das Rauchen von Light-Zigaretten eine besonders heimtückische Form von Lungenkrebs. Experten vermuten, dass wegen des verminderten Nikotingehalts der Rauch tiefer inhaliert wird. Thomas Cerny, Krebsspezialist am Kantonsspital St. Gallen: «Das Gemeine ist, dass nun der Lungenkrebs viel später erkannt wird. Der Patient hat bereits bei der Diagnosestellung Spätmetastasen, sodass keine Heilung mehr möglich ist.»
Und der erfahrene Krebsmediziner betont eine weitere unangenehme Nebenerscheinung der durch Light-Zigaretten veränderten Krebsentwicklung. Cerny: «Die Lebensqualität dieser Patienten in den letzten Monaten ist deutlich schlechter als bei dem bis vor einigen Jahren vorherrschenden Typ des Lungenkrebses.»
Die Bezeichnung «light» soll verboten werden
Das Bundesamt für Gesundheit beantragt ein Verbot der Bezeichnung «light». Doch davon wird Carl Müller nicht mehr profitieren. In der ihm verbleibenden Zeit werden die Ärzte zwar für weitgehende Schmerzfreiheit sorgen. Gegen Lähmungen, Sprachstörungen und Denkzerfall durch die Hirnableger gibt es jedoch keine Therapie.
04. Februar 2004 | Ernst Jünger
