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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2004

Über Nacht gibts keine Wunder

Spezielle Linsen sollen Kurzsichtigkeit über Nacht korrigieren. Doch das «Wegschlafen» der Dioptrien eignet sich nicht für alle. Die Linsen sind teuer und der Heilungseffekt nur vorübergehend. Zudem ist unklar, ob die Linsen nicht sogar schaden.

Tragen Sie Ihre Linsen über Nacht und sehen Sie tagsüber deutlich ohne!» Der Werbespruch wirbt für neue Kontaktlinsen, mit denen Kurzsichtige ihr Leiden über Nacht angeblich wegschlafen können. Bei Kurzsichtigkeit ist die Hornhaut des Auges zu stark gewölbt. Die harten Nachtlinsen flachen die Wölbung über Nacht ab, sodass die schlafende Person tagsüber ohne Linsen oder Brille wieder scharf sehen kann. Die Werbung verspricht ein Leben ohne Brille und Tageslinsen.

Doch was einfach klingt, ist in Wahrheit aufwändig und teuer. Das Anpassen kostet Zeit und Geld, im ersten Jahr sind viele Kontrollen durch den Optiker notwendig. Insgesamt hat man im ersten Jahr Kosten von etwa 2000 Franken zu gewärtigen. Danach müssen die Linsen jedes Jahr ausgewechselt werden, was jeweils erneut zwischen 600 und 800 Franken kostet. Gemäss Herstellerangaben wirken die Linsen nach drei bis zwölf Nächten. Die Korrektur hält ungefähr 16 Stunden an. Sobald man die Linsen absetzt, kommt der Sehfehler wieder zum Vorschein.


Nachtlinsen eignen sich nur für schwach Kurzsichtige

Rudolf Pfarrer vom Schweizer Fachverband für Kontaktlinsen bezeichnet die Nachtlinsen als Nischenprodukt. «Sie sind längst nicht für alle geeignet», sagt er. Denn sie können nicht jeder Augenform angepasst werden. Und Optiker Eduard Bosshard aus Zürich ergänzt: «Es kommt ganz auf die Beschaffenheit der Hornhaut an.»

Die Methode funktioniert nicht bei Weitsichtigen, Menschen mit starker Hornhautverkrümmung oder krankhaften Augenveränderungen.

Nachtlinsen seien höchstens geeignet für Menschen mit schwacher Kurzsichtigkeit, die tagsüber keine Brille und keine Kontaktlinsen tragen wollen oder können. «Die Grenze liegt bei minus 6 Dioptrien», sagt Bosshard. Die Herstellerfirma Techno-Lens aus Lausanne gibt sogar noch vorsichtigere Werte an. «Bei mehr als minus 4,5 Dioptrien ist der Effekt nicht mehr gewährleistet», sagt Direktor Bruno Fantony.

Die Linsen eigneten sich höchstens für ganz bestimmte Voraussetzungen, ergänzt Optiker Eduard Bosshard. «Für Menschen, die sehr oft Motorrad fahren, tauchen, surfen oder Ski fahren, können Nachtlinsen gut sein.» Auch Linsenträger, die beim Arbeiten am Computer unter trockenen Augen leiden, könnten unter Umständen davon profitieren.

Isaak Schipper, Chefarzt an der Luzerner Augenklinik, äussert sich kritisch. «Man kann alle Komplikationen bekommen, die auch sonst bei Linsen auftreten können», sagt er. «Auch der Pflegeaufwand ist gleich gross.» So können Linsen bei ungenügender Desinfektion gefährliche Entzündungen auslösen, das Auge austrocknen oder ein unangenehmes Traggefühl erzeugen.


Über Langzeitschäden weiss man bisher nichts

Den grössten Nachteil sieht Schipper allerdings darin, dass noch keine Langzeitstudien über die Unbedenklichkeit der Linsen existieren. «Man hat keine Ahnung, ob die Hornhaut nach fünf bis zehn Jahren Schaden nimmt oder nicht», sagt der Augenarzt. «Ich hätte Bedenken, diese Linsen jahrelang zu tragen.»

Verbandspräsident Rudolf Pfarrer sind keine Langzeitschäden bekannt. «Die Korrekturen hinterlassen auf der Hornhaut keine bleibenden Schäden», behauptet er. Bruno Fantony von Techno-Lens verweist auf die langjährige Praxis in den USA, Australien und im Fernen Osten. «Dort sind Nachtlinsen bereits seit den 60er-Jahren bekannt», sagt er. «Sie weisen unserer Erfahrung nach nicht mehr Komplikationen auf als andere Hartlinsen.» An Langzeitstudien werde noch gearbeitet.

21. Januar 2004 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch


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