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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2004

Fettes Geschäft mit dicken Kindern

«Mein Kind hat Übergewicht - haben Sie ein Mittel dagegen?» Auf diese Frage hin verkaufte jede zweite Apotheke teure Diät-Präparate. Fachleute warnen: Schlankmacher für Kinder sind unnütz und können sogar schaden.

Zweimal am Tag habe ich mit Pulver und Wasser einen Diät-Drink angerührt. Nach einiger Zeit habe ich mich vor dem künstlichen Essen so geekelt, dass ich sogar erbrechen musste. Ich habe die Diät abgebrochen. Bald darauf wog ich vier Kilo mehr als vorher.» So erinnert sich Martin Keller (Name geändert) an seine ersten Bemühungen, abzunehmen. Damals war er 13-jährig, 1,60 Meter gross und wog 82 Kilo.

Heute ist Martin Keller 16 Jahre alt und noch immer nicht schlank. Aber er hat 12 Kilo abgenommen und sein Gewicht einigermassen im Griff. Geholfen haben ihm ein verändertes Essverhalten, mehr Bewegung und ein grösseres Selbstvertrauen. Auf diese drei Säulen - Ernährung, Bewegung und Psyche - bauen alle seriösen Therapieprogramme für übergewichtige Kinder.

Doch davon wollen viele Apotheken nichts wissen: Sie verkaufen auch für Kinder Schlankmacher. Dies hat jetzt eine Stichprobe bei 10 Apotheken ergeben. Zwei Puls-Tipp-Mitarbeiter gaben sich als Eltern eines übergewichtigen 12-jährigen Sohnes aus. Sie fragten: «Haben Sie ein Mittel gegen das Übergewicht?» Resultat: 5 von 10 Apotheken verkauften Schlankheitstropfen, Diätmahlzeiten und Quellmittel, die den Magen füllen und von übermässigem Essen abhalten sollen. Nur 5 rieten von den Mitteln ab. Korrekt wäre: Grösse und Gewicht abklären, zu mehr Bewegung und anderen Ernährungsgewohnheiten raten oder gar an den Arzt verweisen.

Experten sind vom Resultat der Stichprobe entsetzt. «Bei Kindern haben Schlankheitsmittel nichts zu suchen», sagt Josef Laimbacher, stellvertretender Chefarzt am Kinderspital St. Gallen. «Das ist schon fast ein Kunstfehler, so etwas abzugeben», lautet sein Urteil. Laimbacher hält die Mittel nicht nur für unnütz: «Sie setzen falsche Signale, weil sie keine langfristige Änderung im Essverhalten bewirken.» Und: «Sie können sogar gefährlich sein, weil die Kinder noch im Wachstum sind und unbedingt eine ausgewogene Ernährung brauchen.»
Der Zürcher Ernährungspsychologe Robert Sempach spricht Klartext: «Apotheken, die Schlankheitsmittel für Kinder verkaufen, müssen ihre Geschäftstüchtigkeit noch zügeln lernen.»

Die Apotheken wiegeln ab: «Ein Diätmittel kombiniert mit einem Vitamin- und Mineralstoffmittel kann durchaus einen psychologisch motivierenden Effekt haben», meint die Basler St. Jakobs-Apotheke in ihrer Stellungsnahme. Christine Kock-Hecht, Verwalterin der Odeon-Apotheke in Zürich: «Unsere Apothekerin kam zum Schluss, dass das Kind durch zu viel Essen zugenommen hat und somit als erste Massnahme ein Einschränken des Hungergefühls mit einem Quellmittel in Frage kam.»
Roger Wolf von der Hirschengraben-Apotheke in Bern behauptet sogar: «Das verkaufte Quellmittel ist unschädlich und auch für Kinder geeignet. Es kann eine Hilfe sein.» Ähnlich argumentiert auch die Zürcher Bahnhof-Apotheke. Und Manuela Bloch von der Zürcher Bellevue-Apotheke sagt: «Ich habe vor allem Ratschläge zur Verhaltensänderung gegeben. Die pflanzlichen Tropfen können allenfalls einen Anstoss geben, das Problem anzugehen.»

Andreas Bächlin, Basler Schularzt und Initiant des Fachvereins Adipositas im Kindes- und Jugendalter, kann bei allen Mitteln vor allem einen negativen psychologischen Effekt feststellen: «Wer lernt, solche Produkte zu essen, lernt nie, richtig zu essen.» Und Ernährungsberaterin Corinne Mury-Spahr sagt: «Schlankheitsmittel schaden nur. Kinder fühlen sich mit solcher Spezialernährung gegenüber normal Essenden ausgeschlossen.» Diätprodukte sind oft angerührte Pulver und schmecken nicht unbedingt gut. Mury-Spahr: «Sie vermitteln dem Kind das Gefühl, essen sei kein Genuss.»

So weit wollte es die 17-jährige Aniko Schmid aus Zürich nicht kommen lassen. Mit 12 Jahren wog sie bei einer Grösse von 1,57 Meter 70 Kilo. Doch eine Diät hätte sie «nie im Leben» gemacht und von Schlankheitsmitteln hält sie nichts. Ihr hat ein mehrmonatiger Kurs des Klub Minu geholfen. «Ich habe noch immer keine perfekte Figur», räumt sie ein. «Aber ich fühle mich heute total wohl, so wie ich bin.»


Einem Kind beim Abnehmen zu helfen, ist Knochenarbeit

«Langjährige Knochenarbeit» sei es, einem Kind beim Abnehmen zu helfen, hat Brigitte Schneiter, Mutter einer übergewichtigen Tochter, festgestellt. Die ganze Familie absolvierte in Bern einen 18 Monate dauernden Kurs der kantonalen Ernährungsberatung - mit messbarem Erfolg. «Natürlich wäre es einfacher, dem Kind Medikamente zu geben», sagt sie. «Aber Kinder müssen lernen, Verantwortung zu tragen. Nur so klappt das Abnehmen auch längerfristig.»
Dies bestätigt der Ernährungspsychologe Robert Sempach: «Junge Menschen können ihr Ernährungs- und Bewegungsverhalten sehr wohl selber ändern, wenn sie entsprechende Hilfe erhalten.» Diese Unterstützung könne von den Eltern oder von Fachpersonen kommen - etwa vom Kinderarzt, von der Ernährungsberaterin oder durch ein Gruppenprogramm für übergewichtige Kinder, sagt Sempach.

Solche Programme können schöne Erfolge bringen. Dies zeigt eine Studie der kantonalen Ernährungsberatungsstelle des Ausbildungszentrums Insel zum Adipositaskurs Wim: 21 der 25 untersuchten Jugendlichen hatten nach dem Kurs deutlich weniger Fett, mehr Muskeln und einen tieferen Body-Mass-Index (siehe Tabelle unten).

Von einer Apotheke erwartet Sempach vor allem eine kompetente Beratung zu gesunder Ernährung und ausreichender Bewegung. Zudem einen Hinweis auf weitere Beratungsmöglichkeiten. Sempach: «Ich finde es unhaltbar, Kindern eine einseitige Diät oder irgendwelche Präparate zu verabreichen.»

Allerdings nimmt der Druck der Pharmaindustrie zu. Denn die Zahl übergewichtiger Kinder steigt massiv - und wird damit zum potenziellen Markt für die Gesundheitsindustrie. Eine Studie in der Deutschschweiz an 600 6- bis 12-Jährigen zeigt: Jedes dritte Kind leidet an Übergewicht. Mehr als jedes zehnte ist so dick, dass es bereits als fettsüchtig gilt.


Pharmafirma erprobt Mittel gegen Altersdiabetes bei Kids

Zwar preisen Pharmafirmen ihre Schlankmacher nicht speziell für Kinder an. Noch nicht. Doch auch Novartis arbeitet an Medikamenten gegen die Folgen des Übergewichts: Die Firma erprobt derzeit Cholesterin senkende Mittel an Kindern. Weiter forscht sie an einem Medikament zur Behandlung von Altersdiabetes, der zunehmend auch bei übergewichtigen Kids vorkommt.

Sind die Kinder erst einmal 18 Jahre alt, dürfen ihnen Ärzte auch die Schlankheitspille Xenical und den Appetitzügler Reductil verschreiben. Und diese Mittel sind einträglich für die Hersteller: Denn sie wirken nur gerade so lange, wie man sie nimmt - man muss sie also dauernd schlucken.



Infos über Abnehm-Programme:
Schweizerischer Fachverein Adipositas im Kindes- und Jugendalter (akj), Postfach, 8031 Zürich, Tel. 012772178.

21. Januar 2004 | Esther Diener-Morscher - redaktion@pulstipp.ch


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