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Artikel | Gesundheits-Tipp 1/2004

Aus dem Hallenbad mit angeätzten Lungen

Chlorverbindungen in Hallenbädern greifen die Lungen an und erhöhen das Risiko für Asthma. Jetzt zeigt eine Puls-Tipp-Stichprobe: Die Hälfte der untersuchten Bäder hatte zu viel Chlor und Chlorverbindungen im Wasser.

Aus dem Hallenbad mit angeätzten Lungen

Es ist ein Mittwochnachmittag im November, kurz vor 14 Uhr. Im Kleinhallenbad der Stadtzürcher Schulanlage Bungertwies steht Kinderschwimmen auf dem Programm. Bereits im Freien riecht es aus der Lüftung stark nach Chlor. Eine Wasserprobe aus dem Schwimmbecken bringt es dann an den Tag: Im Wasser hat es zu viel Chlor. Auch ätzende Chlorverbindungen, Chloramine, sind zu viele drin.

Kein Einzelfall, wie die Stichprobe in Zusammenarbeit mit dem Kantonslabor Baselland zeigt: 5 von 11 untersuchten Hallenbädern hielten die Chlorempfehlungen nicht ein (siehe Tabelle). Drei davon hatten zu hohe Werte an Chloraminen: Zürich-Leimbach, Muttenz BL und Zürich Bungertwies.

Vor allem die Chloramine gefährden die Gesundheit von Klein- und Schulkindern. Dies zeigte kürzlich der belgische Wissenschaftler Alfred Bernard von der Universität von Löwen. Er untersuchte rund 2000 Schulkinder, die regelmässig in Hallenbädern schwimmen. Der Befund: Chloramine entzünden und zerstören die Schleimhaut der Lungen. Bernard konnte dies mit einem Bluttest belegen: Er wies im Blut der Kinder Eiweisse von Lungengewebe nach. Diese waren aus den angeätzten Lungen freigesetzt worden und gelangten in die Blutbahn. Das Fatale: Wenn die Lungenschleimhaut angegriffen ist, steigt für die Schulkinder das Risiko, an Asthma zu erkranken. Der belgische Experte warnt: «Chloramine in Hallenbädern könnten ein wichtiger Grund sein für die Zunahme von Asthma und anderen Allergien in den Industrieländern.»

Hallenbäder desinfizieren üblicherweise das Wasser in den Becken mit Chlor. Verbindet sich das Chlor mit Komponenten aus Schweiss und Urin, entstehen ätzende Chloramine. Sie gelangen in die Luft, wo sie die Schwimmer einatmen. Der typische Chlorgeruch kommt von den Chloraminen. Je mehr Menschen im Schwimmbecken sind und je höher die Wassertemperatur ist, desto mehr Chloramine können sich bilden.

Doch die Schweizer Behörden haben für diese gefährlichen Chlorverbindungen keine Grenzwerte festgelegt. Industriefreundliche SIA-Normen «empfehlen» den Hallenbädern lediglich, den Richtwert von 0,2 Milligramm pro Liter Wasser einzuhalten. Erst wenn ein Toleranzwert von 0,3 mehrmals überschritten ist, müssen die Behörden aktiv werden. Anders in der EU: In Deutschland würden bereits bei Messwerten über 0,2 die Behörden eingreifen.


Nur eines der Hallenbäder räumt Probleme ein

Alle drei Hallenbäder mit den zu hohen Chloramin-Messwerten wiegeln deshalb ab. Heinz Weber, Geschäftsführer vom Hallenbad Zürich-Leimbach, schreibt dem Puls-Tipp: «Für uns sind die Toleranzwerte verbindlich, daher sind die von Ihnen gemessenen Werte gesundheitlich unbedenklich.» Christoph Heitz von der Gemeindeverwaltung Muttenz: «An jenem Nachmittag war ein aussergewöhnlicher Besucherandrang. Zudem erhöhten wir die Wassertemperatur für das Seniorenschwimmen.» Nur das Sportamt der Stadt Zürich, das für den Betrieb des Hallenbads Bungertwies verantwortlich ist, räumt Probleme ein. Abteilungsleiter Hermann Schumacher: «Das Einhalten der Richtwerte stellt für unsere 30-jährige Anlage tatsächlich eine Herausforderung dar. Für eine umfassende Sanierung fehlen leider die notwendigen Mittel.»

Der Puls-Tipp hat nicht nur die Chloramine, sondern auch das Chlor in den Schwimmbecken gemessen. Denn wenn zu viel davon im Wasser ist, können sich wiederum mehr Chloramine bilden. Wenn es hingegen zu wenig hat, überleben Krankheitskeime im Wasser. Das Resultat: 5 der 11 untersuchten Bäder hatten entweder zu viel oder zu wenig Chlor. Im Hallenbad Muttenz lag der gemessene Wert sogar deutlich über dem Toleranzwert. Für den Bäderspezialisten Alfred Besl vom Kantonslabor Zürich ein klares Indiz, dass «etwas mit der Chlorierung nicht stimmt». Die Gemeinde beharrte gegenüber dem Puls-Tipp, der Messwert liege innerhalb der Toleranzgrenze.

Auch die Hallenbäder Zürich- Altstetten und Zürich-Bungertwies hatten Chlor-Werte, die über dem Richtwert lagen. Die Werte der Bäder in Zürich-Leimbach und Mellingen wiederum waren zu tief. Das Hallenbad Leimbach begründete dies damit, dass man an jenem Tag den Behälter mit dem Chlorgranulat ausgewechselt hätte. Das Genossenschaft-Hallenbad Mellingen will nichts von zu tiefen Werten wissen. Präsidentin Monika Hirsiger behauptet gegenüber dem Puls-Tipp, bei den Messwerten handle es sich um «ideale» Werte.


Wo es stark riecht, sind meist Chloramine in der Luft

Gemäss Bernhard Aufdereggen, Präsident der «Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz», müssten Behörden und Bäder Konsequenzen ziehen: «Die Hallenbäder müssen die Chlorkonzentration so tief wie möglich halten, damit sie gerade noch desinfiziert.» Dies fordert auch Bäderspezialist Alfred Besl: «Die Zukunft gehört Hallenbädern, die nicht nur mit Chlor allein, sondern zusätzlich mit Ozon desinfizieren. So kann man den Chlorgehalt senken.»

Doch solche Anlagen sind sehr teuer - und damit für kleinere Gemeinden kaum erschwinglich. Eltern und Lehrer sind heute gezwungen, die Kinder selber vor den ätzenden Dämpfen zu schützen. Arzt Bernhard Aufdereggen hat immer wieder Kinder in seiner Praxis, die nach dem Besuch des Hallenbades über ein Brennen in Hals und Rachen klagen: «Lehrer und Eltern müssen diese Beschwerden ernst nehmen. Betroffene Kinder darf man nicht zum längeren Aufenthalt im Hallenbad zwingen. Wenn sie stark husten oder Atemnot haben, sollten sie das Hallenbad verlassen.»

Für den belgischen Experten Alfred Bernard gibt es einen einfachen Trick: «Wenn es in einem Hallenbad stark riecht, kann man davon ausgehen, dass zu viel Chloramine in der Luft sind.» Er rät: «Babys und empfindliche Kinder sollten solche Hallenbäder nicht zu oft besuchen, höchstens einmal in der Woche.»



Das können Eltern tun

Reklamieren Sie beim Bademeister wenn es stark nach Chlor riecht. Mehr Frischwasser im Schwimmbecken nützt.

- Verlassen Sie mit Ihren Kindern das Bad, wenn sie gereizte Atemwege bekommen.

- Duschen Sie intensiv, bevor Sie ins Wasser gehen. Lassen Sie Ihr Kind nicht ins Becken pinkeln. Schweiss und Urin bilden mit Chlor ätzende Verbindungen (Chloramine)

- Bleiben Sie nicht den ganzen Nachmittag im Hallenbad. Eine Stunde pro Woche reicht.

21. Januar 2004 | Tobias Frey - tfrey@pulstipp.ch


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