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Zuckerkrankheit kann jeden treffen - oft schon im Kindesalter. Es gibt weder Vorbeugen noch Heilen.
Als Claudia Meister vor fünf Jahren erfahren hat, dass ihre Tochter Lea, damals 8, Diabetes hat, hat sie viel weinen müssen. «Es war schrecklich.» Und Vater Daniel Meister bestätigt: «Es war ein Schock für die ganze Familie. Auch für Dario, Leas 2-jährigen Bruder, der gerade reden gelernt hatte. Er begann plötzlich heftig zu stottern.»
Eine «Familienkrankheit» nennt Urs Zumsteg, Diabetologe am Universitäts-Kinderspital beider Basel den Kinderdiabetes denn auch: «Die nahe Umgebung leidet häufig mehr als der Diabetiker selbst.» Meist rücke das diabetische Kind in den Mittelpunkt der Familie. Und dann zieht er eine Zeichnung hervor, die der Bruder eines diabetischen Jungen gemalt hat: Ein Haus, daneben übergross mit schwarzem Hut der kranke Bruder; die Eltern schon viel kleiner, in der offenen Haustüre der Vater, beim Staubsaugen die Mutter. Sich selber hat der gesunde Junge undeutlich und winzig ins Abseits gesetzt - in einen kleinen Anbau am Haus.
Eine Krankheit für den Rest des Lebens
Noch immer ist wissenschaftlich nicht ganz geklärt, weshalb die Bauchspeicheldrüse allmählich immer weniger Insulin produziert, bis sie eines Tages ganz damit aufhört. Betroffen von dieser Form der Zuckerkrankheit sind rund 4 von 1000 Menschen. Bei der Hälfte davon bricht die Krankheit schon vor dem 18. Lebensjahr aus.
«Ich habe erst gar nicht geschnallt, was eigentlich los ist», erinnert sich Lea. Und auch nicht, dass sie von nun an nie mehr würde ohne Spritzen leben können. Heute piekst sie sich viermal täglich für die Blutprobe in die Fingerkuppe, und mindestens viermal spritzt sie sich Insulin unter die Haut: Für Lea ist ihr Diabetes längst zur Routine geworden.
«Diabetikerkinder können ein vollkommen normales Leben leben», sagt ihr Arzt Urs Zumsteg. «Nur tragen sie zusätzlich einen kleinen Rucksack mit sich herum.» Für Lea trifft das zu: Sie macht Leichtathletik, spielt Basketball, geht normal zur Schule, immer dabei das Blutzuckermessgerät, die Insulinspritze und ihre Notration. Denn gerade beim Sport hat man sich schnell einmal verkalkuliert. Der Zucker fällt gefährlich ab. Und beim Essen muss sie aufpassen: Passen Insulinmenge und Zuckergehalt der Nahrung nicht zusammen, dann drohen gefährliche Unterzuckerungen. Deshalb muss die 13-Jährige ohne fremde Hilfe die Kohlehydrate in ihrer Nahrung bestimmen und die dazu passende Insulinmenge berechnen können. «Aber von den meisten Sachen kenne ich die Werte, da muss ich nichts mehr ausrechnen.»
Kontrolle: Wichtiges Gebot für jeden Diabetiker
Leas Eltern sind vor allem nachts in Sorge. Denn es ist schon mehrfach vorgekommen, dass Lea wegen Unterzuckerung bewusstlos geworden ist. «Das ist schlimm, es ist wie ein epileptischer Anfall», erzählt ihre Mutter Claudia Meister. «Es kommt vor, dass wir uns nachts in Leas Schlafzimmer wiederfinden», sagt Daniel Meister. «Die Angst lässt uns nicht mehr los.»
Aber das geschieht immer seltener. Mit den heutigen Therapien sei die Behandlung sicherer geworden, so Urs Zumsteg. «Wenn es gelingt, einen ausgeglichenen Stoffwechsel hinzubekommen, können Spätfolgen herausgezögert oder sogar ganz verhindert werden. Die Kinder haben dann eine normale Lebenserwartung.»
Disziplin gehört deshalb zum A und O für Diabetiker. Für Lea das Einzige, was ihr «wirklich stinkt». Jede Blutprobe und jede gespritzte Menge Insulin muss genau in einem Büchlein protokolliert werden. Nur so kann der Arzt bei den regelmässigen Kontrollen feststellen, ob die Einstellung stimmt. «Ansonsten», so Lea, «lebe ich eigentlich ganz gut damit.»
Daran erkennt man die Zuckerkrankheit:
- Übermässiger Durst
- Häufiges Wasserlassen
- Trockene Schleimhäute
- Appetitlosigkeit
- Übelkeit
- Gewichtsverlust
- Azetongeruch
Auswirkungen falsch kalkulierter Insulinmengen:
- Zu wenig Insulin und damit zu hoher Blutzucker ist tückisch, weil der Betroffene es kaum spürt. Die Langzeitfolgen aber sind bedrohlich: Nierenversagen, Blindheit, verengte Gefässe. Deshalb ist die engmaschige Kontrolle so wichtig.
- Zu viel Insulin und damit zu niedriger Blutzucker ist ebenfalls gefährlich, macht aber deutliche Symptome: Schwindel, wacklige Beine, plötzliche Stimmungsveränderung. Deshalb haben Diabetiker immer einen zuckerhaltigen Saft oder schnell wirkenden Traubenzucker dabei.
21. Januar 2004 | Lilo Wicki
