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Artikel | K-Tipp 19/2003

Gratisbus? Nein danke!

Le Locle will Gratisbusse einführen - doch viele Einwohner sind dagegen, und selbst grüne Verkehrsspezialisten sind dem Experiment gegenüber skeptisch.

Pünktlich ab Neujahr 2004 hätten im neuenburgischen Städtchen Le Locle die vier Ortsbus-Linien gratis für die Bevölkerung unterwegs sein sollen. Vier Jahre lang, so hatte ein zu zwei Dritteln besetztes Stadtparlament Anfang Oktober mit 15 zu 14 Stimmen beschlossen, sollte das von den lokalen Grünen angeregte Experiment dauern und die Steuerzahler jährlich eine Viertelmillion Franken kosten. Die FDP hat dagegen das Referendum ergriffen.

«Die Idee eines Gratisbusses an sich ist gut», sagt Philippe Aubert, Präsident des Referendum-Komitees. Aber: «Erstens sind wir Mitglied in einem Verkehrsverbund mit La Chaux-de-Fonds.» Daraus könne man sich nicht einfach so lösen. «Und zweitens», fährt er fort, «wurden die Kosten für den Versuch nicht seriös berechnet.»


Kaum einer gibt dem Versuch eine Chance

Für die Grünen hingegen stimmt die Rechnung. Sie wollen, wie sie der Presse mitteilten, vor allem ortsansässigen Autofahrern das Umsteigen auf den Bus erleichtern. Zudem können sie sich vorstellen, dass sich auch andere Städte für die Idee eines kostenlosen öffentlichen Verkehrs (ÖV) begeistern.

Doch die Umweltschützer aus Le Locle habens nicht leicht. Zwar stösst ihr Anliegen rundum auf Sympathie. Doch weder der Schweizerische Städteverband noch die verschiedenen Verkehrsverbände räumen ihm eine echte Chance ein. «Ähnliche Versuche in Deutschland und Holland haben den erhofften Umsteigeeffekt nicht gebracht», meint dazu beispielsweise der Verband öffentlicher Verkehr (VÖV).

Auch Christian Jarisch von der Interessengemeinschaft öffentlicher Verkehr (Igöv) ist zurückhaltend. «Eine gute Leistung soll entsprechend bezahlt werden», sagt er. Ein Gratis-ÖV könne höchstens als zeitlich begrenzter «Zünder» benutzt werden, um Neukunden zu gewinnen. Gelinge das Experiment, würden die Betriebskosten aber massiv steigen.

Denn: Benützen dank eines Gratisangebotes mehr Leute als vorher den ÖV, braucht es zusätzliche Parkplätze für Umsteiger, neue Haltestellen und rasch auch grössere Fahrzeuge und vielleicht sogar einen dichteren Fahrplan. «Sonst ist der Umsteigeeffekt nicht von Dauer», erklärt VCS-Verkehrsspezialist Jürg Tschopp. «Bei ständig überfüllten Bussen oder schlechten Verbindungen springen durch solche Aktionen gewonnene Kunden wieder ab.»


2000 Unterschriften gegen Gratisbus

Dieser Meinung ist auch Milenko Vrtic vom Institut für Verkehrsplanung der ETH Zürich. Zudem glaubt er im Gegensatz zu den Gratis-ÖV-Befürwortern nicht, dass die Mehrkosten durch Einsparungen im Strassenunterhalt, beim Personal oder beim Umweltschutz wettgemacht werden könnten. «Das ist reines Wunschdenken», sagt er. «Genaue Berechnungen dazu gibt es nicht.»

Vielleicht wird Le Locle diese Wissenslücke füllen. Allerdings nicht wie vorgesehen ab dem 1. Januar. Rund 2000 der 10 500 Einwohner haben das Referendum unterzeichnet, doppelt so viele wie nötig. Nun müssen erst die Stimmbürger entscheiden, ob sie gratis Bus fahren wollen. Die Abstimmung soll im kommenden Februar stattfinden.

12. November 2003 | Markus Kellenberger - mkellenberger@ktipp.ch


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