|
(0) |
Chemische Süssstoffe sind seit langem umstritten. Viele Experten halten sie für bedenklich. Ersatz böte der Stevia-Strauch. Den süssen Wirkstoff gibts aber nur in wenigen Drogerien zu kaufen.
Acht Jahre lang lebte Kurt Näf in Thailand. Dort süsste er jeden Morgen seinen Kaffee mit den getrockneten Blättern der Stevia-Pflanze anstatt mit Zucker. Er fürchtete, an Diabetes zu erkranken, und wollte auch nicht zunehmen.
Stevia ist der Süssstoff des Südens. Die Strauchpflanze aus dem südamerikanischen Regenwald hat Blätter, die 15-mal süsser sind als Zucker. Und sie haben keine Kalorien. Neuere Studien zeigen ausserdem: Stevia verursacht kein Hungergefühl. Das ist entscheidend für Menschen, die abnehmen wollen.
Doch in der Schweiz ist Stevia schwer erhältlich. Anders als in Japan und den USA dürfen nur Drogerien und Apotheken den Süssstoff - der als Puder, Kräuterextrakt, Tropfen oder Blätter erhältlich ist - verkaufen. Der Grund: Fehlende Studien. Wer in der Schweiz kalorienfrei süssen will, greift meist zu den chemischen Tafelsüssstoffen Aspartam, Cyclamat und Saccharin. Doch diese sind umstritten:
Cyclamat und Saccharin haben in sehr grossen Mengen im Tierversuch Blasenkrebs ausgelöst. Sie werden häufig miteinander gemischt, weil Saccharin einen bitteren, metallischen Nachgeschmack hinterlassen kann. Saccharin durfte wegen des Krebsverdachts in den USA lange Zeit nur mit einem Warnhinweis verkauft werden. Cyclamat ist dort sogar seit 1969 verboten.
Jetzt wollen EU-Experten den Süssstoff in Bonbons und Kaugummis ebenfalls verbieten. Die WHO empfiehlt, täglich nicht mehr als 11 Milligramm Cyclamat pro Kilo Körpergewicht zu sich zu nehmen. Diesen Wert will die EU auf 7 Milligramm senken. Das bedeutet: Kinder zwischen vier und acht Jahren sollten nicht mehr als zwei Gläser einer mit Cyclamat gesüssten Limonade trinken. Für Erwachsene wäre bei fünf Gläsern Schluss.
Das Bundesamt für Gesundheit hält es allerdings nicht für notwendig, der EU-Empfehlung zu folgen, solange sie dort nicht Gesetz ist. Die Firma Sanaro aus Vouvry VS, Schweizer Verarbeiter der beiden Süssstoffe, will die Kontroverse nicht kommentieren. Sie beruft sich darauf, dass sowohl Cyclamat als auch Saccharin in der Schweiz zugelassen sind.
Auch Aspartam ist umstritten. Von 166 Studien, die bis zum Jahr 2000 zu Aspartam veröffentlicht wurden, stuften 83 den Stoff als problematisch ein. Wer an der Stoffwechselkrankheit Phenylketonurie (PKU) leidet, muss diesen Süssstoff meiden. Denn er enthält Phenylalanin. Der Körper der Kranken kann diese Aminosäure nicht verarbeiten. In der Schweiz betrifft das immerhin einen von 10 000 Menschen. PKU kann unbehandelt zu Schwachsinn führen.
Kinder erreichen die WHO-Höchstmengen im Nu
Aspartam steht vor allem im Verdacht, das Gehirn zu schädigen. Es könne auch zum Entstehen von Hirntumoren beitragen, warnte 1996 der amerikanische Neuropsychiater John Olney. Die Firma Nutrasweet aus Zug, einer der Hersteller von Aspartam, stützt sich in ihrer Stellungnahme auf EU-Experten ab, die im letzten Jahr die Unbedenklichkeit von Aspartam erneut bestätigten. Olney äussere «lediglich Vermutungen», sagte ein Firmenvertreter.
Für alle drei Süssstoffe hat die WHO Höchstmengen empfohlen. Grössere Mengen sollte man nicht zu sich nehmen (siehe Tabelle). Der Haken: Diese Höchstmengen richten sich nach dem Körpergewicht eines Erwachsenen. «Kinder geraten schon in die Nähe dieser Werte, wenn sie jeden Tag einen Liter eines Light-Getränks konsumieren», warnt Ernährungsfachfrau und Puls-Tipp-Beraterin Carine Buhmann. Bei Cyclamat liegt die Grenze sogar unter einem Liter.
Statt künstlichem Süssstoff Süssmost in den Tee
Hinzu kommt: Die Süssstoffe sind noch in vielen anderen Nahrungsmitteln enthalten (siehe Tabelle). Wer neben den Light-Getränken zum Beispiel noch Bonbons oder Pudding isst, überschreitet den Höchstwert noch schneller. Carine Buhmann empfiehlt daher: «Kinder sollten von Getränken, die mit künstlichen Süssstoffen versetzt sind, entwöhnt werden.» Der beste Weg sei, die künstliche durch natürliche Süsse zu ersetzen, etwa durch Tee mit Süssmost oder Apfelschorle.
Doch in den Kaffee passt Süssmost nicht. Deshalb stand der Schweizer Kurt Näf vor einem Problem, als er vor vier Jahren aus Thailand in seinen Heimatort Schönbühl BE zurückkehrte. Notgedrungen nahm er Zucker anstelle des nur in sehr wenigen Drogerien und Apotheken erhältlichen Stevia. Vor zwei Jahren kam dann die gefürchtete Diagnose: Näf erkrankte an Diabetes. «Stevia hat mir in Thailand gut getan», sagt er. «Ich verstehe einfach nicht, weshalb ich es hier nicht im Laden kaufen kann.»
08. Oktober 2003 | Claudia Peter - cpeter@pulstipp.ch
