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Artikel | saldo 15/2003

Leben mit der Angst vor Menschen

Schwitzen, Zittern und Schweissausbrüche, sobald andere Menschen in der Nähe sind: 5 bis 10 Prozent der Bevölkerung leiden an einer sozialen Phobie. Nur eine Modeerkrankung?

Eigentlich wollte ich Gesang studieren, doch das ist undenkbar.» Laura (Name geändert) könnte nie auf der Bühne stehen. Andere Menschen flössen ihr Angst ein. An der Uni, wo die 26-Jährige studiert, kennt sie niemanden. Menschen zu treffen, lässt sie bereits nervös werden. Sie kann ihrem Gegenüber kaum in die Augen blicken. Ihre Angst, bewertet zu werden oder etwas Falsches zu sagen, ist übermächtig. Auch beim Telefonieren fühlt sie sich unsicher und bekommt Herzklopfen, bevor sie die Nummer wählt. «Manchmal überlege ich es mir anders und rufe gar nicht erst an», sagt sie.

Alles begann schon während der Schulzeit: Sie fühlte sich von ihren Mitschülerinnen abgelehnt. «Ich hatte schreckliche Angst und verbrachte deshalb die Pausen oft auf der Toilette, wo mich keiner sah», erinnert sie sich. Laura zog sich immer mehr zurück. Nach und nach brach sie sämtliche sozialen Kontakte ab.


«Ich wollte um keinen Preis auffallen»

Eine Zeit der totalen Isolation begann. Über zehn Jahre lang war sie Aussenseiterin. Ihre beste und einzige Freundin war die Mutter, die selber wenig Kontakt zu ihren Mitmenschen pflegte. Laura merkte, dass mit ihr etwas nicht stimmte und suchte die Hilfe des Schulpsychologen. Er konnte ihr aber nicht helfen, weil, so Laura, er sie nicht ernst nahm.

Seit sie 18 ist, hat sich Lauras Angst vor den Mitmenschen noch weiter verstärkt. Ständig fühlte sie sich gemobbt. Als Reaktion versuchte sie, sich unsichtbar zu machen. Sie kleidete sich nur noch in bewusst unauffälligen Farben: «Ich wollte um keinen Preis auffallen.»

Der Leidensdruck wurde wieder so stark, dass sie die Hilfe von Psychotherapeuten suchte. Doch der erhoffte Erfolg blieb aus. Auch der Arzt, den sie anschliessend aufsuchte, konnte ihr nicht helfen. Die Medikamente, die er ihr verschrieb, zeigten unangenehme Nebenwirkungen: Laura bekam einen trockenen Mund, Schlafstörungen und Albträume. Gleichzeitig verstärkten sich die Angstzustände. Nach wenigen Monaten setzte sie die Medikamente von sich aus wieder ab.


Behandlungsart in Expertenkreisen umstritten

Die Studentin meidet Menschen nach wie vor. Dennoch ist es ihr mittlerweile gelungen, einen kleinen Bekanntenkreis aufzubauen: Übers Internet lernte sie andere Betroffene kennen.

Wann solche Beschwerden mit Medikamenten behandelt werden sollten und ob das Phänomen in der Gesellschaft zunimmt, ist auch unter Experten umstritten. Manche sind schlicht der Ansicht, es sei eine überbewertete Modeerscheinung, die viel zu häufig leichtfertig diagnostiziert wird.



Bücher zum Thema
- «Soziale Phobie und Soziale Angststörung», Ulrich Stangier und Thomas Fydrich, Verlag Psychologie Dr. C. J. Hogrefe, Fr. 60.60
- «Bammel, Panik, Gänsehaut: Die Angst vor den anderen», Christophe André und Patrick Légeron, Verlag Aufbau, Fr. 15.20

Adressen und Links
- Schweizerische Stiftung Pro Mente Sana, Hardturmstrasse 261, Postfach, 8031 Zürich - Beratungstelefon: 0848 800 858 (Mo und Di 9 bis 12 Uhr, Do 9 bis 12 Uhr, 14 bis 17 Uhr); erteilt Informationen und vermittelt Adressen bei psychischen Leiden
- www.medmedia.info Medizinische Infoseite; Informationen zum Thema sind über die Suchmaschine zugänglich
- www.sozphobie.org Webseite der Selbsthilfegruppe; bietet einen virtuellen Treffpunkt



Angst vor anderen Menschen, Furcht vor Kritik und öffentlicher Blamage

Klaus Bader, Leiter der ambulanten Verhaltenstherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik in Basel über Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten.

Puls: Was sind die Symptome einer sozialen Phobie?
Klaus Bader: Die Betroffenen haben eine anhaltende und unangemessene Angst vor anderen Menschen, die sie nicht kennen. Sie befürchten, kritisiert zu werden oder sich in der Öffentlichkeit zu blamieren. In Alltagssituationen, aber auch bei Partys, Konferenzen oder im Umgang mit Autoritätspersonen haben Betroffene oft Schweissausbrüche, Zitteranfälle, Herzklopfen, Blackouts oder Harndrang. Die Angst auslösende Situation kann aber auch zu einer Panikattacke führen. So oder so: Die Betroffenen empfinden ihre Angst selbst als übertrieben und vermeiden die entsprechenden Situationen. Das kann dazu führen, dass sie nicht mehr in der Gegenwart anderer sprechen, nicht in Restaurants gehen oder Partys besuchen. Ihr Leben ist stark eingeschränkt. Viele haben schon Angst, bevor die heikle Situation überhaupt eintritt, und sie machen sich im Nachhinein übertrieben Gedanken über ihr Verhalten.

Wie kann es zu einer solchen Angststörung kommen?
Mehrere Faktoren können dazu beitragen: Bei manchen spielt eine genetische Veranlagung zu Angststörungen eine Rolle. Und: Wenn die Eltern schon unter einer Angststörung litten, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass auch die Kinder daran erkranken. Zudem scheint ein Erziehungsstil, der die Kinder überbehütet aufwachsen lässt, eine soziale Phobie zu begünstigen. Auch fehlende Anerkennung kann zu dieser Kontaktangst führen. Dabei sind Schüchterne, Zurückhaltende oder Gehemmte eher betroffen. Oft kann auch ein Trauma wie Mobbing die Phobie auslösen.

Wie kann man die Phobie behandeln?
Vor allem durch kognitive Verhaltenstherapie: Dabei erfahren die Betroffenen, wie Gedanken und Gefühle verarbeitet werden und zu körperlichen Symptomen führen. Durch gezieltes Training lernen sie mit Angst auslösenden Situationen umzugehen und ein neues Verhalten einzuüben. Oft haben die Betroffenen eine überzogene oder unrealistische Erwartungshaltung an die jeweilige Situation und an sich selbst. Eine geringere Anspruchshaltung kann schon viel bewirken.

Auf der medikamentösen Ebene können Antidepressiva eine Verbesserung bewirken - allen voran die sogenannten selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer. Wenn die Angst so gross ist, dass der Betroffene in Panik gerät, helfen auch Medikamente aus der Gruppe der Benzodiazepine. Sie sollten jedoch nur im Notfall und nur kurze Zeit eingenommen werden, da sie abhängig machen können. Wichtig ist, dass die Erkrankung frühzeitig behandelt wird. Sonst kann sie einen chronischen Verlauf nehmen.

22. September 2003 | Marion Friedrich


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