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Artikel | K-Tipp 14/2003

Das stinkt zum Himmel

Beim kräftigen Tritt aufs Gaspedal schalten viele Dreiwege-Katalysatoren ab. Das verpestet die Luft unnötig - doch den Autoherstellern ist das egal.

Das stinkt zum Himmel

Greenpeace Deutschland schlägt Alarm. Vermeintlich saubere Katalysator-Autos verwandeln sich oft - und ohne dass es ihre Besitzer wissen - in wahre Dreckschleudern. Immer dann, wenn die Fahrer sportlich beschleunigen oder auf der Autobahn 120 km/h deutlich überschreiten, quittieren viele Katalysatoren den Dienst. Das vor allem bei schwach motorisierten Autos, die schnell an ihre Leistungsgrenzen stossen.

Was dann aus dem Auspuff raucht, sind Atemgifte wie Stick- und Kohlenmonoxyd sowie Krebs erregendes Benzol und Ammoniak - und das in beinahe so grossen Mengen wie zu Zeiten ohne gesetzlich vorgeschriebene Abgasreinigung.

Dass die Warnung von Greenpeace ernst zu nehmen ist, bestätigt Axel Friedrich, Bereichsleiter Verkehr beim Deutschen Umweltbundesamt UBA in Berlin. Was ihn besonders stört, ist, dass «die Autoindustrie diese völlig unnötige Luftverschmutzung bewusst in Kauf nimmt».

Das darf sie, denn ihre Katalysatoren erfüllen alle die europaweit vorgeschriebene Abgasnorm - aber häufig nicht mehr als das. Fahrten am Leistungslimit und mit mehr als 120 km/h kennt der Abgastest nämlich nicht.


Jede Lücke wird schamlos ausgenutzt

Der europäische Verband der Automobilhersteller gibt denn auch unumwunden zu, dass die elektronische Motorensteuerung oft so programmiert ist, dass diese den Katalysator in Fahrsituationen ausserhalb der Testvorgaben ausschaltet. Das Argument der Autobauer: Diese Praxis sei, etwa bei rasanten Überholmanövern, ein «Beitrag zur Verkehrssicherheit». Ohne Katalysator gewinnt der Motor nämlich einige zusätzliche Pferdestärken. Davon profitieren jene Fahrer, die auch mit schwach motorisierten Wagen gern Gas geben. Das Nachsehen hat die Umwelt.

Für Axel Friedrich ist das ein «Riesenskandal», für den Touring Club der Schweiz jedoch nichts Neues. «Wir machen seit 1985 unabhängige Fahrzeug- und Abgastests und wissen das», sagt TCS-Experte Beat Wyrsch, der die Sachlage aber weniger dramatisch einschätzt als der Berliner Umweltbeauftragte. Grund: «Im Gegensatz zum umliegenden Ausland verkaufen sich untermotorisierte Fahrzeuge in der Schweiz schlecht.» Extreme Dreckschleudern seien hierzulande deshalb eher die Ausnahme.

Für Kurt Egli vom Verkehrsclub der Schweiz VCS ist das aber kein Grund, sich nicht über die Praxis der Autohersteller zu entsetzen. Besonders ärgert ihn, dass die Autoindustrie freiwillig keinen echten Beitrag zum Umweltschutz leistet. Im Gegenteil: Wo immer das Gesetz wie bei den Katalysatoren Lücken offen lasse, würden diese schamlos ausgenutzt.

Als weiteres Beispiel für das umweltfeindliche Verhalten der Autobauer führt Egli die Diskussion um Dieselmotoren ins Feld. Diese werden - zu Recht - als verbrauchsarm beworben. Dass sie aber in grossen Mengen Krebs erregende Russpartikel in die Luft blasen, haben die Autohersteller so lange wie möglich heruntergespielt.

Und selbst jetzt, wo die Öffentlichkeit beginnt, auf das Thema sensibel zu reagieren, bieten sie so genannte Russpartikelfilter mit wenigen Ausnahmen erst zögerlich und häufig nur als aufpreispflichtige Sonderausstattung an. «Es gibt ja noch kein Gesetz, das solche Filter ausdrücklich verlangt», erklärt Egli.

Das beklagt auch Andrea Mayer, technischer Berater des Bundesamtes für Umwelt (Buwal). Zur Filter-, aber auch zur Katalysator-Problematik meint er, man müsse «dringend etwas unternehmen». Doch seien der Schweiz in diesem Bereich die Hände stark gebunden, weil sie weder eine eigene Autoindustrie hat noch EU-Mitglied ist.


Umweltexperten gegen Autoindustrie

Die Umweltverantwortlichen jener Länder aber, die in Europa etwas zu sagen haben, treffen sich aufgrund der Greenpeace-Kampagne nächste Woche zu einer Krisensitzung. «Das Thema ist so gravierend, dass wir zusammen mit US-Kollegen dringliche Massnahmen besprechen wollen», sagt Axel Friedrich. Vom Treffen erhofft sich der deutsche Umweltexperte viel, denn «die amerikanischen Experten haben in den letzten Jahren viel Erfahrung damit gesammelt, der eigenen Autoindustrie deutlich härtere Rahmenbedingungen für die Luftreinhaltung aufzuerlegen, als dies bei uns der Fall ist». In Europa hängt jeder fünfte Arbeitsplatz von der Autoindustrie ab - da würden die Politiker «lieber lange bitten, statt ein für alle Mal weit reichende Vorschriften zu erlassen».

03. September 2003 | Markus Kellenberger - mkellenberger@ktipp.ch


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