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Bereits 5-Jährige mit Übergewicht zeigen Vorstufen von Altersdiabetes. Nur wenn sie ihr Verhalten ändern, können sie die Krankheit noch abwenden.
Bis zu seinem dritten Lebensjahr ass der heute 13-jährige Michael Mühlematter nicht besonders gern. Dann kam seine Schwester zur Welt. Eifersucht zeigte der Junge zwar nicht. Doch seine Mutter bemerkte, dass Michael begann, immer mehr zu essen. Als Erstklässler verschlang er manchmal mehr am Tisch als sein Vater. «Michael kam mit so einem Heiss-hunger von der Schule, dass er während dem Essen schlotterte», sagt Irene Mühlematter. Der Bub wurde dick. Mit gut 12 Jahren wog er 64,5 Kilogramm bei einer Körpergrösse von 150 Zentimetern.
Ärzte an der Berner Medizinischen Kinderklinik des Inselspitals fanden schliesslich heraus: Michaels Blutzuckerspiegel war zu hoch. Sein Körper war nicht in der Lage, den Zucker richtig aufzunehmen und zu verarbeiten. Obwohl die Bauchspeicheldrüse genügend Insulin produzierte, konnte es nicht mehr genügend wirken. Michael war insulinresistent. Primus Mullis, Hormonexperte und Diabetologe an der Kinderklinik Bern: «Michael leidet an einer Vorstufe von Altersdiabetes.» Die Eltern waren schockiert: «Das bekommen doch nur alte Leute.»
Doch Michael Mühlematter ist kein Einzelfall. «Ich sehe jede Woche ein bis zwei Kinder, welche die Vorstufe zu Altersdiabetes aufweisen, darunter bereits fünfjährige», sagt Primus Mullis. Alle Betroffenen sind mehr oder weniger stark übergewichtig.
Diabetes 2 kann zu schweren Langzeitschäden führen
Das Fatale: Leiden die fettleibigen Kinder nicht unter dem sozialen und psychischen Druck, spüren sie nichts von der drohenden Krankheit. Doch irgendwann wird der Körper die erhöhten Blutzuckerwerte nicht mehr unter Kontrolle halten können - Altersdiabetes bzw. Diabetes Typ 2 droht.
In den USA und in Japan ist Altersdiabetes bei Kindern mittlerweile fast so häufig wie Diabetes Typ 1, der so genannte Jugenddiabetes, bei dem die Bauchspeicheldrüse zu wenig Insulin produziert. «Wir sind auf dem besten Weg, amerikanische Verhältnisse zu erreichen», warnt Mullis. Denn die Kinder in der Schweiz werden immer dicker. Eine Studie des ETH-Instituts für Humanmedizin Zürich zeigt: Jedes vierte Mädchen und jeder vierte Bub zwischen sechs und zwölf Jahren ist zu schwer. Jedes vierte der fettleibigen Kinder ist massiv übergewichtig - und läuft damit Gefahr, bereits in jungen Jahren Altersdiabetes zu bekommen.
«Das ist alarmierend», sagt Primus Mullis. «Wir sitzen auf einer Zeitbombe.» Die Krankheit kann schwerwiegende Langzeitschäden verursachen. Besonders gefährdet sind Augen, Nieren und Nerven. Zudem kann es zu Ablagerungen in den Gefässen kommen. Die Folge können dann Herz-, und Kreislaufstörungen sowie Bluthochdruck sein. Diese Langzeitschäden können später, wenn sie nicht therapiert werden, zum Tod führen.
Doch die jungen Patienten haben eine Möglichkeit, dem Altersdiabetes zu entgehen. «Ein Kind, das lernt, sein Gewicht zu kontrollieren, hat eine echte Chance», sagt Mullis. Dies sei nicht nur die beste und einfachste, sondern auch die wirksamste Behandlung. Medikamente, die das Insulin besser wirken lassen, setzen Ärzte nur unterstützend ein. In vielen Fällen reiche es aus, wenn es einem Kind gelinge, sein Gewicht zu halten. «Durch das fortschreitende Wachstum normalisiert sich das Gewicht von selbst, falls das Kind nicht mehr zunimmt.»
Erfolgreiche Therapie nur mit Unterstützung der Eltern
Doch um dies zu schaffen, brauchen Kinder und Jugendliche Hilfe. So bietet die kantonale Ernährungsberatung in Bern Verhaltenstrainings für übergewichtige Kinder und ihre Eltern an. Das Betreuungsteam besteht aus Ernährungsberaterinnen, Psychologinnen und einer Sportlehrerin. Ziel der Kurse: Die Kinder sollen ihr Essverhalten verstehen und verändern lernen. Zudem sollen sie Freude an der Bewegung entdecken und ein gesundes Verhältnis zum Körper entwickeln.
Ziele, die nicht einfach zu erreichen sind, wie Fachstellenleiterin Corinne Mury-Spahr bestätigt. Viele Kinder würden mit dem Essen Frustration, Stress und Langeweile kompensieren. Die Werbung und das Angebot der Nahrungsmittelindustrie würden dazu beitragen, dass Übergewicht bei Jugendlichen zunimmt. Auch der Gruppendruck an den Schulen sei nicht zu unterschätzen. «Es ist nicht populär, mit einem Apfel in der Pause zu erscheinen, wenn die meisten Kinder Milchschnitten und Snacks auspacken», sagt die Ernährungsberaterin. Viele Kinder essen zu wenig Grundnahrungsmittel wie Brot und Früchte - dafür zu viele fettige Snacks. Und die Kids trinken zu viele vermeintliche Light- und Süssgetränke.
Kinder leiden oft unter den sozialen Folgen des Dickseins: Sie werden gehänselt, fühlen sich ausgestossen und unansehnlich. Damit die Verhaltensänderung gelingt, muss das Kind wollen und von seiner Familie unterstützt werden. «Dies ist die Grundvoraussetzung für eine erfolgreiche Therapie», sagt Mury-Spahr.
Auch Michael Mühlematter litt unter dem Gehänsel der Kameraden und wollte deshalb abnehmen. Mit Hilfe der Ernährungsberaterin entwickelte der Junge - zusammen mit seinen Eltern - Strategien gegen übermässigen Hunger. Bei der Gartenarbeit mit seinem Vater bekommt er zudem die nötige Bewegung. Heute hat er den Blutzucker im Griff und hält sein Gewicht. Der 13-Jährige ist auf dem besten Weg, dem drohenden Altersdiabetes ein Schnippchen zu schlagen.
So lernen Kinder ein gesundes Essverhalten
- Lassen Sie Ihr Kind nur bei Tisch essen, nicht vor dem Fernseher.
- Lassen Sie nicht zu, dass es Esswaren hortet.
- Geben Sie Ihrem Kind täglich eine Süssigkeit.
- Wenn ein Kind nicht gerne frühstückt, soll es ein Glas Milch trinken und in der Schulpause ein Vollkornbrötli mit etwas Butter oder einen Apfel essen.
- Kochen Sie ausgewogene Mahlzeiten mit viel Gemüse.
- Gesunde Zwischenmahlzeiten helfen Heisshungerattacken zu vermeiden.
- Das Nachtessen sollte immer einen Frucht- oder Gemüseanteil enthalten.
- Kinder sollen selbst schöpfen.
- Reflektieren Sie Ihr Essverhalten. Kinder orientieren sich an Ihnen!
Weitere Informationen:
- Club Minu/Trap www.minu.ch
- Freiberufliche Ernährungsberaterinnen:
Schweizerischer Verband dipl. Ernährungsberaterinnen Oberstadt 11
6204 Sempach-Stadt
Bitte ein frankiertes Antwortcouvert beilegen.
«Wir sitzen in der Schweiz auf einer Zeitbombe»
Primus Mullis, Hormonexperte und Diabetologe, Zürich
02. Juli 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch
