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Artikel | Haus & Garten 3/2003

Wenn Davos in der Zentralschweiz liegt

Welche Reisebuch-Reihe ist die beste? SPEZIAL wollte es wissen und verglich von elf Serien die Ausgaben zur Schweiz. Einige Führer vermitteln ein schiefes Bild, enthalten aber neben amüsanten Infos auch Wissenswertes für Einheimische.

Lal...l...l...lal-lal-la-hi-o-o!» Der erste jodelnde Sennenbub erhielt zur Belohnung einen Franken, der zweite nichts mehr, und allen anderen bezahlte Mark Twain im Jahr 1879 beim Aufstieg auf die Rigi einen Batzen, damit sie Ruhe gaben. Bei seiner Reise durch die Schweiz vertraute der Vielgereiste auf den «Baedeker».

Die Beschreibung der Rigi-Wanderung, die Twain unter die Füsse nahm, stammte von Verlagsgründer Karl Baedeker persönlich, der um 1840 im Rigi-Kulm-Hotel logiert hatte. Twain schrieb Baedeker einen empörten Brief. Denn der Amerikaner hatte als starker Raucher für den Aufstieg drei Tage statt der angegebenen drei Stunden gebraucht - und vor Erschöpfung gar den «weltberühmten» Sonnenaufgang verschlafen.


Grotesk: «Drogenszene ist zwischen Zürich und Aarau»

Dank unzähliger Verbesserungsvorschläge von Reisenden haben Baedeker-Reiseführer im Lauf von 180 Jahren eine einzigartige Faktendichte erreicht. Kein Wunder hat die Ausgabe zur Schweiz im SPEZIAL-Test am besten abgeschnitten. Mithalten kann nur der englischsprachige «Rough Guide to Switzerland». Beide eröffnen dem Leser auf ihren jeweils rund 650 Seiten einen vertieften Zugang zu Land und Leuten, ohne Naturschönheiten, Architektur, Museen und praktische Tipps zu Bahn und Bus zu vernachlässigen. Ein präzises Inhaltsverzeichnis, Register und Karten machen die zwei Bücher zu äusserst nützlichen Reisebegleitern.

Ganz anders siehts am hinteren Ende der Tabelle aus. Der englischsprachige «Insight Guide Switzerland» etwa lockt mit ganzseitigen Fotos ohne Seitennummerierung - was das Blättern nach Infos schwierig macht.

Und schwammige Erläuterungen zum öffentlichen Verkehr, dürftige Angaben zu Unterkunft und Verpflegung - kombiniert mit absurden Szeneninfos - treiben Reisende zur Verzweiflung. Touristen werden die Predigerkirche und das Zunfthaus zur Meisen als «Evening life» («Abendleben») empfohlen. Und die Agglomeration zwischen Zürich und Aarau wird groteskerweise im Abschnitt «The Drug Scene» («Die Drogenszene») abgehandelt.

Kaum besser fahren Touristen mit dem französischsprachigen «Petit Futé Suisse». Dieser Führer ist zudem zur Hauptsache mit Gratisfotos der Promotionsagentur Schweiz Tourismus bestückt.

Viel Ungereimtes findet sich im Marco-Polo-Reiseführer; er landete deshalb auf dem letzten Platz. Die Wintersportorte Davos und St. Moritz zum Beispiel sind im Kapitel Luzern/Zentralschweiz erwähnt. Appenzell bezeichnet der Autor gar als ein Ausflugsziel «in der Umgebung» von Zürich.
Der kleine Führer ist aber nicht nur ungenau: Er serviert auch dümmliche Sprüche wie «Versuchen Sie nicht, den krächzenden Ton des Schweizerdeutschen nachzuahmen». Oder: «Versuchen Sie nicht, einem Schweizer zu erklären, was Demokratie ist.»


«Guide Routard»: Gute Tipps und Infos fürs kleine Budget

Zwischen den Alleskönnern und den Totalversagern liegt das breite Mittelfeld. Der viertplatzierte Führer «Reise Know-how Schweiz» etwa ist ein viel versprechender Newcomer. Die erste Auflage ist zwar noch nicht top: Vor allem Kartenmaterial und Ausflugsvorschläge sind eher mager. Falls die Autoren am Ball bleiben, könnte sich «Reise Know-how» aber als dritter allgemeiner Führer neben «Baedeker» und «Rough Guide» etablieren.

Der drittplatzierte «Guide Routard Suisse» wendet sich vor allem an Nicht-Autofahrer: Auf den 600 Seiten liefert er auch zahlreiche Tipps für preisgünstige Angebote. Gerade für jüngere Reisende, die viel Zeit, aber wenig Geld haben, ist dieses Reisebuch dank genau recherchierter Infos eine gute Alternative zum «Lonely Planet Switzerland». Dieser in Englisch abgefasste Reiseführer setzt zu einseitig auf Billigtourismus und enthält Falsch-Infos: So wird behauptet, dass man von Basel aus mit dem Zug und mit einem gelben Bus zum Flughafen fahren könne - beides stimmt nicht.

Qualität in einzelnen Bereichen bietet «Der Grüne Reiseführer» von Michelin. Er richtet sich an Autofahrer, die das Land nicht berasen, sondern bereisen wollen. Wer nebst der Schweiz auch Österreich, München und Prag besuchen will, ist mit dem «Let's go Travel Guide Austria & Switzerland» gut bedient.

Und dann gibts noch immer die Möglichkeit, die Schweiz auf den Spuren Mark Twains zu entdecken: «Bummel durch Europa» heisst das witzige Werk. Einige der beschriebenen Hotels und Gasthöfe sind noch heute in Betrieb. Und auch Ausflugstipps, Schiffs- und Bahnlinien haben sich seit Twains Zeiten nicht allzu stark verändert.



Reiseführer: Diese Kriterien hat Spezial bewertet

Getestet wurden Übersichtlichkeit, Einsatzmöglichkeit und Informationsgehalt - auch zum öffentlichen Verkehr (ÖV).

Übersichtlichkeit

Findet man Infos einfach? Hilft bei der Suche ein detailliertes Inhaltsverzeichnis, ein präzises Register, ausführliches Kartenmaterial, Gestaltung und wie aktuell sind die Fotos?


Einsatzmöglichkeit

Stichprobenartig wurden Öffnungszeiten und Telefonnummern von Museen, Tipps für Unterkunft, Restaurants und Ausflüge überprüft, dazu auch Hinweise zum Service public und zu Naherholungsgebieten.


Öffentlicher Verkehr

Neben allgemeinen Angaben zum Eisenbahnnetz gehören zu einem guten Reiseführer Informationen zu Spezialtickets, besonderen Routen und städtischen Bus- und Tramnetzen. Punkten konnten die Reisebücher ferner mit präzisen ÖV-Hinweisen zu Ausflügen.

24. Juni 2003 | Elias Kopf


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