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Artikel | Gesundheits-Tipp 6/2003

Streit um die Pflanzenmedizin

Für viele pflanzliche Arzneien fehle der Wirkungsnachweis. Dies kritisieren Ärzte wie Etzel Gysling. Sie fordern strengere Kontrollen. Die Hersteller der pflanzlichen Heilmittel wehren sich.

Dreimal die Woche setzt sich Rosmarie Pfau aus Aesch BL eine Spritze mit Mistelextrakt in den Bauch. Die 52-Jährige leidet an Lymphdrüsenkrebs. Eine faustgrosse Geschwulst im Becken hatte sich vor vier Jahren als bösartig herausgestellt (siehe auch Puls-Tipp 02/03).Trotzdem rieten die Mediziner Rosmarie Pfau ab, sich einer Chemotherapie oder Strahlenbehandlung zu unterziehen. Der Grund: Diese Art von Lymphdrüsenkrebs wächst nur langsam. Eine Chemotherapie im frühen Stadium bietet nur bei einem aggressiven Tumor Vorteile.

Doch Rosmarie Pfau wollte nicht tatenlos abwarten, ob der Krebs in ihr wächst. In Rücksprache mit ihrem Arzt begann sie, den anthroposophischen Mistelextrakt Iscador zu spritzen. Der Erfolg zeigte sich nach einem Jahr - die Tumore waren kleiner geworden. Geheilt ist Rosmarie Pfau zwar nicht. Aber es ist ihr gelungen, eine Chemotherapie bisher zu vermeiden. «Ich fühle mich nicht mehr so müde und deprimiert wie zu Beginn meiner Krankheit», sagt sie, «das gibt mir mehr Lebensqualität, Kraft und Zuversicht, weiter gegen den Krebs zu kämpfen.»


Sogar unter Verdacht, Tumorwachstum anzuregen

Wie Rosmarie Pfau setzt rund jeder zweite Krebspatient grosse Hoffnungen in die Mistelpflanze. Doch nun prangern Schweizer Wissenschaftler an, dass die Studien über das Strauchgewächs wissenschaftlich «unseriös» seien. Aber nicht nur der Mistelextrakt gerät unter Beschuss. Etzel Gysling, Arzt und Herausgeber der Fachzeitschrift Pharmakritik: «Über pflanzliche Heilmittel wie Echinacea, Ginkgo oder Johanniskraut existieren hauptsächlich komplizierte, teilweise fragwürdige und kaum nachvollziehbare Studien.»

Gyslings Forderung: «Phytotherapeutika müssen nach den gleichen strengen Kriterien beurteilt werden, wie sie für synthetische Medikamente gelten.» Dies fordert auch Professor Andreas Stuck vom Spital Bern-Ziegler. «Pflanzliche Heilmittel sind nicht frei von unerwünschten Wirkungen. Es gibt keine einleuchtenden Gründe dafür, weshalb man sie nicht nach naturwissenschaftlich einwandfreien Methoden beurteilen soll.» Pflanzliche Präparate sind in der Bevölkerung beliebt. Dies bestätigt eine kleine Umfrage des Puls-Tipp.

Das Mistelprodukt Iscador der Firma Weleda wird in der Schweiz am häufigsten verkauft. Es soll das Allgemeinbefinden verbessern, Tumorschmerzen lindern, das Immunsystem stärken und das Tumorwachstum hemmen. «Ein überzeugender Nachweis, dass Iscador wirksam und sicher ist, steht bis heute aus», sagt Etzel Gysling. Der Arzt bezieht sich dabei auf die Erkenntnisse der US-Krebsbehörde. Die Forscher haben die vorhandenen Studien zu Iscador ausführlich analysiert. Fazit: Praktisch alle Studien weisen bedeutsame Schwächen auf. Iscador steht sogar unter Verdacht, das Wachstum von Tumoren anzuregen. Die Produzenten wehren sich. Rainier Dierdorf, Forschungsleiter bei Weleda: «In experimentellen Untersuchungen konnte nachgewiesen werden, dass Iscador Tumore nicht stimuliert. Neuste Studien weisen sogar darauf hin, dass Iscador das Wachstum von Brustkrebszellen hemmen kann.» Unklar sei noch, auf welchem Weg Iscador diese Effekte bewirkt. «Weitere Untersuchungen dazu sind notwendig», räumt Dierdorf ein. Unbestritten sei, dass Iscador die Lebensqualität während einer Chemotherapie verbessern könne. Dies habe eine Studie an über 1000 Brustkrebspatientinnen einwandfrei gezeigt.

Ebenfalls im Kreuzfeuer der Kritik steht der Extrakt von Echinacea, dem Sonnenhut, der das Immunsystem stärken soll. «Dass Echinacea die Symptome oder Dauer von Erkältungen mindert, ist nicht nachgewiesen», sagt Etzel Gysling. Diese Präparate würden zwar kaum ein gesundheitliches Risiko darstellen, weil praktisch keine Nebenwirkungen bekannt seien. Sie würden jedoch zusätzliche Kosten verursachen. «Viele Patienten müssen nach erfolgloser Selbstmedikation doch zum Arzt, falls die Erkältung verschleppt wird», sagt Gysling. Andy Suter, Leiter der Abteilung Medizin bei Bioforce: «Anhand unserer placebokontrollierten Studien mit rund 250 Erkältungspatienten sind wir sicher, dass Echinacea zur Behandlung von Erkältungen sinnvoll, nützlich und sicher ist.» Beat Meier, Präsident der Medizinischen Gesellschaft für Phytotherapie: «Die meisten pflanzlichen Arzneien werden schon seit Jahrzehnten verwendet, so auch Echinacea. Wenn das daraus hergestellte Mittel wirkungslos wäre, würde man es längst nicht mehr verwenden.»


Widersprüchliche Resultate neuer Studien

Eine härtere Kontroverse tobt um Ginkgo biloba. Die Pflanze soll gegen Vergesslichkeit, Konzentrations- und Merkschwäche helfen. In Deutschland stellten Ginkgoextrakte im Jahr 2000 die am häufigsten verordnete Demenz-Behandlung dar. Gesamthaft sind zwar Daten vorhanden, die auf eine vorteilhafte Wirkung von Ginkgo schliessen lassen. Doch: «Neue Studien haben widersprüchliche Resultate ergeben», sagt Geriatriespezialist Andreas Stuck.

Unter Ginkgo seien Kopfschmerzen, Brechreiz, verschiedene Magen- und Darmbeschwerden und allergische Reaktionen beobachtet worden. Auch Einzelfälle von Blutungen würden mit Ginkgo in Verbindung gebracht. «Die Einnahme von Ginkgo kann dazu führen, dass wirksame Behandlungen im Alter hinausgezögert oder vernachlässigt werden. Deshalb halte ich es nicht für angebracht, Ginkgo zu verordnen», sagt Stuck.

Die Firma Bioforce verkauft in der Schweiz das Produkt Geriaforce. «Ginkgo kann die Hirnfunktionen günstig beeinflussen. Wir erheben jedoch nicht den Anspruch, mit dem Medikament Demenz behandeln zu können», sagt Andi Suter.


Oft ist unklar, welche Substanz wirkt

Ähnlich äussert sich die Schwabe AG in Küssnacht am Rigi, Herstellerin von Tebofortin. «Kontrollierte Therapiestudien haben ergeben, dass Ginkgo wirksam ist», sagt Firmensprecher Thomas Erzinger. Dem Verdacht, dass unter Ginkgo Blutungen auftreten könnten, sei die Firma nachgegangen. «Bisher gibt es keine schlüssigen Hinweise für einen Zusammenhang zwischen Blutungen und Ginkgo.»

Auch Phytotherapeutika, die mittlerweile breit anerkannt sind, müssen sich Kritik gefallen lassen. Johanniskraut gilt als pflanzliche Alternative zur Behandlung von leichten und mittleren Depressionen. «Die Extrakte enthalten viele mögliche Wirkstoffe und führen zu Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten», sagt Etzel Gysling. «Für den Patienten ist es schwierig einzuschätzen, wie schwer seine Depression ist. Deshalb sind synthetische Antidepressiva rezeptpflichtig. Auch die Behandlung mit Johanniskraut muss unter ärztlicher Kontrolle stattfinden.»

Die Herstellerin des in der Schweiz häufig verkauften Produktes Jarsin glaubt, dass eine ausreichende Kontrolle bereits gewährleistet ist. «Die Swissmedic hat entschieden, dass einzig Apotheken Johanniskraut verkaufen dürfen», sagt Heinz Bosshard, Marketingleiter der Schweizer Firmenvertretung. Johanniskraut sei gegen Beschwerden wie «gedrückte Stimmung», «Antriebsmangel», «Unausgeglichenheit» zugelassen. Dazu Beat Meier: «Die Wirkung von Johanniskraut ist genau bekannt. Bei schweren Depressionen wirkt es zu wenig.»

Jede Arznei, die auf den Markt soll, muss vom Schweizerischen Heilmittelinstitut Swissmedic zugelassen werden. «Pflanzliche Mittel durchlaufen die gleich strengen Qualitätskontrollen wie synthetische Produkte», sagt Karoline Mathys, Leiterin der Abteilung Komplementär- und Phytoarzneimittel. Ausnahme: Arzneimittel mit bekannten Wirkstoffen oder niedrigem Risikopotenzial, darunter viele Phytotherapeutika. «Erfahrung und Tradition sind in der Phytotherapie ebenso ausschlaggebend wie klinische Studien. Auch diese sollte man fördern», sagt Beat Meier. «Letztlich entscheidet die Anwendungspraxis über die Wirksamkeit einer pflanzlichen Arznei.» Grund: Pflanzen sind Gemische aus vielen Stoffen. Anders als bei einem einfachen chemischen Wirkstoff lässt sich nicht klar definieren, welche Substanz für die Wirkung verantwortlich ist. «Alle Inhaltsstoffe eines Extraktes tragen mehr oder weniger dazu bei», sagt Sabine Hockenjos Zogg vom Schweizerischen Verband für komplementärmedizinische Heilmittel SVKH. Den Vorwurf mangelhafter Studien weisen Meier und Hockenjos Zogg zurück. «Alle neueren von Schweizer Firmen durchgeführten Studien wurden gemäss internationalem Qualitätsstandard durchgeführt.»


Vorsicht mit Phytopharmaka vor Operationen

Seit der Einführung des neuen Heilmittelgesetzes 2002 muss die Swissmedic die Qualitätssicherung der pflanzlichen Heilmittel neu regeln. Hersteller von Phytopharmaka fordern erleichterte Zulassungsbedingungen für Arzneien, deren Wirkstoffe seit Jahrzehnten bekannt sind. Swissmedic und die Hersteller sind sich bisher nicht einig geworden. «Ziel muss sein, die Sicherheit der Patienten zu gewährleisten und die Vielfalt der pflanzlichen Heilmittel zu erhalten», sagt Hockenjos Zogg. Was aber sollen die Patienten tun? «Besonders bei leichteren Krankheiten eignen sich pflanzliche Heilmittel gut zur Selbstmedikation», sagt Puls-Tipp-Arzt Giovanni Ruffo. «Man muss aber beobachten, wie das Heilmittel wirkt, und Nebenwirkungen dem Arzt melden.» Vorsicht sei vor Operationen und bei Schwangerschaft geboten. «Pflanzliche Heilmittel können das Risiko von Komplikationen erhöhen, namentlich Echinacea, Ginkgo biloba und Johanniskraut. Patienten sollten sich mit einer Fachperson beraten, welche pflanzlichen Heilmitttel empfehlenswert sind», sagt Ruffo.



Heilpflanzen: Worauf Sie achten sollten

- Fragen Sie den Apotheker oder Drogisten nach Nebenwirkungen.

- Kaufen Sie nur registrierte Fertigprodukte. Kaufen Sie keine Produkte ohne Inhaltsangabe.

- Sagen Sie Ihrem Arzt, welche pflanzlichen Heilmittel Sie einnehmen. Das ist wichtig, um Wechselwirkungen zu vermeiden.

- Die Grundversicherung übernimmt die Kosten der Phytotherapie.



Richard Hubatka, 82, Zürich

«Mir gibt meine Frau Klosterfrau Melissengeist. Das hilft beim Einschlafen und tut der Verdauung gut. Unser Arzt ist Spezialist für Heilpflanzen. Meine Erfahrungen damit sind super!»


Silvia Hagedorn, 36, Zürich

«Im Winter kaufe ich mir in der Drogerie Echinaforce gegen Erkältungen. Nehme ich es regelmässig, bin ich geschützt. Vergesse ich es mal drei, vier Tage lang, erwischt es mich sofort umso heftiger.»


David Künzi, 19, Bassersdorf ZH

«Pflanzliche Heilmittel? Kenne ich kein einziges. Ich bin auch selten krank, und wenn, dann schlucke ich - wenn immer möglich - überhaupt nichts.»


Remo Christen, 33, Zürich

«Um Erkältungen vorzubeugen, nehme ich Echinacea. Ich bin froh, wenn ich keine Chemie brauche. Fühle ich mich unwohl, lasse ich mich in der Drogerie über pflanzliche Mittel beraten.»


Doris Staiger, 57, Zürich

«Ich benütze viel lieber pflanzliche Heilmittel, etwa Mariendistel wegen Leberbeschwerden. Damit habe ich gute Erfahrungen gemacht. Chemische Medikamente haben viele Nebenwirkungen.»

11. Juni 2003 | Regula Schneider - rschneider@pulstipp.ch


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