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Roche will, dass Xenical durch die Kassen bezahlt wird - nicht nur bei schwer Übergewichtigen, sondern auch bei Diabetikern. Kritiker befürchten eine massive Zunahme der Verschreibungen.
Der Pharmamulti Roche hats schwer mit der Anti-Fett-Pille Xenical: Die Krankenkassen müssen sie nur den schwer Übergewichtigen bezahlen. Falls zudem die Patienten nach sechs Monaten nicht mehr als 10 Prozent ihres Körpergewichts verloren haben, stoppen die Kassen die Bezahlung wieder. Kein Wunder, will sich die Roche weitere Patientenkreise erschliessen. Im Visier hat sie die Diabetiker vom Typ 2, dem Altersdiabetes. Tatsache ist: Übergewichtigen Diabetikern geht es besser, wenn sie an Gewicht verlieren. Roche fordert nun, dass die Kassen auch leicht Übergewichtigen die Pille bezahlen muss - falls sie an Diabetes leiden.
Doch Fachleute äussern sich kritisch. Puls-Tipp-Arzt Thomas Walser: «Das ist ein Trick der Pharmaindustrie, um Xenical bei weiteren Schichten der Bevölkerung unterzubringen.» Auch Markus Fritz von der Schweizerischen Medikamenten-Informationsstelle Basel befürchtet, dass zu viele Ärzte künftig Xenical verschreiben könnten: «Die Kassen müssten die Ärzte genau kontrollieren, damit diese nicht einfach allen leicht Übergewichtigen das Medikament verschreiben.»
Die Befürchtungen kommen nicht von ungefähr: Heute muss ein Patient mit einer Grösse von 1 Meter 70 über 104 Kilogramm wiegen, damit ihm die Kassen Xenical bezahlen. Das entspricht einem Body-Mass-Index (BMI, siehe Kasten) von 35. Mit der von Roche geforderten neuen Regelung würde ein BMI von 28 genügen. Das heisst: Dem gleichen Patienten würde die Anti-Fett-Pille schon mit 82 Kilogramm bezahlt.
«Man muss die Lebensführung umstellen»
Für den Stoffwechsel-Spezialisten Professor Ulrich Keller vom Universitätsspital Basel hat Xenical zwar einen Platz in der Diabetestherapie, weil es eine günstige Wirkung auf Blutzucker, Cholesterin und Blutdruck habe. Dennoch sieht er Xenical bei Diabetes lediglich als Medikament zweiter Wahl. Professor Arthur Teuscher, Diabetes-Spezialist am Lindenhofspital in Bern, würde Xenical nicht verschreiben. Es gebe bei fast allen Medikamenten gegen Diabetes gewisse Anfangserfolge - bevor die Wirkung wieder nachlasse. Teuscher: «Es kommt immer der Punkt, an dem man die Lebensführung massiver umstellen muss und sich nicht mehr auf die Medikamente allein verlassen darf.»
Roche-Sprecher Alexander Klauser verweist auf sieben Studien, die die Wirksamkeit von Xenical bei Typ-2-Diabetikern nachgewiesen hätten. Klauser: «Wir gehen davon aus, dass die Ärzte Xenical gemäss Zulassung verschreiben, und zwar bei Fettleibigkeit oder Übergewicht mit begleitenden Risikofaktoren.» Die Ärzte würden auch anstreben, mit der Xenical-Therapie den Lebensstil der Patienten zu ändern.
Tipps, um den Diabetes in den Griff zu kriegen
- Reduzieren Sie Fett und Eiweiss auf dem Teller.
- Essen Sie Kohlenhydrate, die den Blutzucker nur langsam steigern: Obst, Gemüse, Vollkornbrot, Kartoffeln, Teigwaren, Hülsenfrüchte.
- Geniessen Sie Alkohol mit Mass (ein Glas Rotwein am Tag).
- Bewegen Sie sich: Bereits forsches Gehen reduziert den Blutzucker sofort.
- Falls Medikamente nötig sind: Entscheiden Sie zusammen mit Ihrem Arzt.
Body-Mass-Index (BMI): Körpergewicht in kg geteilt durch Grösse in m2.
14. Mai 2003 | Tobias Frey - tfrey@pulstipp.ch
