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Artikel | saldo 8/2003

Mit gezieltem Druck gegenGelenkblockaden

Sie drücken, bis es knackt. Chiropraktoren sind Spezialisten für Beschwerden am Bewegungsapparat. Ihre Behandlung ist aber mehr als reine Gelenkmanipulation.

Eine falsche Bewegung - und schon ist es passiert. Erfahrungen mit einem Hexenschuss oder Halsstarre hat praktisch jeder schon einmal gemacht. Cornelia Güdemann kann sich zwar an keinen solchen Auslöser für ihre Beschwerden erinnern, dennoch quälten sie wochenlang Schmerzen im Brustbereich. Auf Anraten ihrer Schwester nahm sie die Hilfe eines Chiropraktors in Anspruch.

Die 32-Jährige wusste wie viele andere nicht genau, was sie in der Chiropraxis erwarten würde. «Von unserer Arbeit kennt man vor allem die Manipulation», weiss Beatrice Wettstein, Chiropraktorin in Wädenswil ZH. «Viele Leute wissen aber nicht, dass wir umfassende medizinische Kompetenzen haben.»


Chiropraktoren behandeln alle Altersgruppen

Beim ersten Besuch befragt und untersucht Beatrice Wettstein ihre Patienten gründlich. Mit einer Röntgenaufnahme der Hals- und Brustwirbelsäule vervollständigt sie den Befund. Chiropraktoren behandeln alle Altersgruppen: von Kindern bis zu alten Menschen mit den unterschiedlichsten Beschwerden. Es gibt auch Spezialisten für Sport- oder Säuglingsbehandlungen.

Aufgrund der erstellten Diagnose entscheidet sich Beatrice Wettstein für eine erste Manipulation bei Cornelia Güdemann. Diese ist erstaunt, dass die Chiropraktorin vorerst ihre Brustwirbelsäule behandelt. Sie hätte nicht erwartet, dass ihre Brustschmerzen sozusagen «von hinten» kommen.

Noch mehr staunte die Patientin nach der Manipulation. «Der Knacks hat überhaupt nicht wehgetan, und jetzt fühle ich mich schon viel gelöster», sagt sie. Die rasche, mit einem genau dosierten Impuls ausgeführte Bewegung verursacht eine Veränderung des Drucks innerhalb des Gelenks. Dabei entsteht das bekannte, hörbare Knacken. Die Blockierung wird dabei gelöst - die Gelenkfunktion ist wiederhergestellt.


Auch Beratung und Prävention gehören zur Chiropraktik

Bevor Cornelia Güdemann die Praxis verlässt, bekommt sie von ihrer Chiropraktorin noch einige Tipps für ein rückenschonendes Verhalten im Alltag und eine Broschüre über Rückenbeschwerden. Schliesslich sind Beratung und Prävention weitere Elemente der Chiropraktik. Die junge Frau weiss jetzt, dass sie wieder kommen will, bis sie ihre Beschwerden im Griff hat.



Von Kopfschmerzen, Hexenschuss und Ischias bis zu Sportverletzungen

Wann empfiehlt sich der Gang zum Chiropraktor? Daniel Mühlemann ist Präsident der Schweizerischen Chiropraktoren-Gesellschaft und erklärt Möglichkeiten und Grenzen der Behandlung.

Puls: Was kann der Chiropraktor behandeln und was nicht?

Daniel Mühlemann: Typische Fälle in unseren Praxen sind Hexenschuss, Ischias, Diskushernie, Schleudertrauma, Kopfweh, Überlastungsschäden, Fehlhaltungen und Sportverletzungen. Wir sind spezialisiert auf Diagnose, Behandlung und Prävention von Schmerzen und Funktionsstörungen am Bewegungsapparat, inklusive Nervensystem. Wir behandeln keine Tumore, Knochenbrüche oder Infekte.


Vereinzelt hört man von Fehl- oder misslungenen Behandlungen: Was steckt dahinter?

Mir sind in der Schweiz keine Fälle bekannt, bei denen chiropraktische Behandlungen massive Komplikationen verursacht haben. Kleinere Reaktionen gibt es aber oft - wie bei jeder anderen medizinischen Behandlung. Die chiropraktische Behandlung der Wirbelsäule beeinflusst auch das vegetative Nervensystem. So kann es in Einzelfällen zu vorübergehenden Reaktionen wie Schweissausbrüchen, verstärkten Schmerzen oder Müdigkeit kommen. Viele Patienten erschrecken das erste Mal, wenn es knackst. Der Patient gibt sich voll und ganz in unsere Hände, muss also vollstes Vertrauen haben. Gute Aufklärung ist deshalb sehr wichtig. Das scheint zu gelingen, denn die Zufriedenheit unserer Patienten ist gemäss einer Studie sehr gross.


Was ist der Unterschied zwischen Chiropraktik und anderen manuellen Techniken aus dem schulmedizinischen oder alternativen Angebot?

Die Chiropraktik ist umfassend und wissenschaftlich abgestützt. Chiropraktoren durchlaufen eine Ausbildung, die sehr früh auf die Diagnostik und die Behandlung des Bewegungsapparats fokussiert ist.

Weil wir tagtäglich manuell behandeln, sind Erfahrung und Routine in der Technik unsere Stärken - neben der generellen medizinischen Ausbildung. Deshalb ist die Chiropraktik eine Alternative und Ergänzung zur herkömmlichen Medizin, aber keine alternative Methode.


Wie erkennt man einen anerkannten Chiropraktor?

«Dr. der Chiropraktik» ist in der Schweiz ein geschützter Titel. Wer sich so nennt, ist anerkannter Chiropraktor. Der Bund bestimmt die Ausbildung. Sie besteht aus einem einjährigen medizinischen Grundstudium in der Schweiz und anschliessend zehn Semestern an einer von der Eidgenossenschaft anerkannten Chiropraktoren-Hochschule in Kanada oder den USA. Erst nach weiteren zwei Jahren Assistenzzeit in einer Schweizer Praxis und einem mehrmonatigen Spitalpraktikum kann der Chiropraktor das interkantonale Diplom und damit die Zulassung für die selbstständige Praxistätigkeit erlangen. Die lange Ausbildungszeit im Ausland ist mit ein Grund, weshalb es nur etwa 250 anerkannte Chiropraktoren in der Schweiz gibt. Momentan sind Bestrebungen für einen Lehrstuhl für Chiropraktik an einer Schweizer Uni im Gang.



Krankenkasse zahlt

Eine chiropraktische Behandlung umfasst im Durchschnitt sieben bis acht Konsultationen. Eine Sitzung kostet 40 bis 50 Franken und dauert rund 12 Minuten. Länger dauert nur die erste Konsultation. Die Behandlung ist in der Grundversicherung enthalten. Für eine Behandlung beim Chiropraktor braucht es keine Überweisung vom Hausarzt.

Weitere Informationen:

- Schweizerische Chiropraktoren-Gesellschaft (SCG/ASC), Sulgenauweg 38, 3007 Bern, Tel 031 371 03 01, www.chirosuisse.info/d/html/scg.html

30. April 2003 | Claudia Steiner


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