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Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will die «impfmüden» Schweizer aufrütteln - mit bedrohlichen Szenarien einer Masern-epidemie. Kritiker werfen dem BAG vor, einseitig zu informieren.
Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) zeichnet ein bedrohliches Bild: Epidemien in ganz Europa, schwere Hirnentzündungen, Kinder, die sterben. In seinem Bulletin meldet das BAG, dass in der Schweiz acht Personen im Spital seien. Die Gefahr heisst Masern. Jetzt befürchtet die Behörde eine Epidemie und rät, ungeimpfte Kinder möglichst bald gegen Masern, Mumps und Röteln impfen zu lassen. Kein Wunder, sind viele Eltern verunsichert.
«Es gibt keinen Grund zur Panik», erklärt Peter Klein, Berner Allgemeinarzt und Vertreter der «Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen». Für Kinder zwischen 2 und 12 Jahren seien Masern eine zwar ernsthafte, aber gutartige Krankheit. Es sei nicht zwingend nötig, bereits Kleinkinder zu impfen. «Erst nach der Pubertät gibt es häufiger schwerere Komplikationen», so Klein.
Bereits letzten November startete das BAG eine Impfkampagne. Ihr Ziel: die Masern auszurotten. Dafür müssten mindestens 95 Prozent der 2-Jährigen zweimal geimpft sein. In der Schweiz sinds aber nur 80 Prozent.
Um auch die «Impfmüden» - wie sie das BAG nannte - zu überzeugen, stellte es eine umfangreiche Liste von Argumenten zusammen. Dort steht, dass es «eine Kastastrophe wäre», wenn nicht mehr genügend geimpft würde. Das Impfen gehöre zur «sozialen Mitverantwortung». Nichtgeimpfte würden Kinder, ältere Leute, Schwangere und Kranke anstecken, deren «einzige Hoffnung ist, dass die Menschen um sie herum geimpft sind».
Die Ärzte für differenziertes Impfen kritisieren die BAG-Kampagne. Peter Klein: «Sie zielt auf die Ausrottung der Masern.» Das sei ein unrealistisches und langfristig problematisches Ziel. Klein: «Das BAG bemüht dafür auch die Moral, die Information ist nicht mehr neutral.»
Auf Nachfrage des Puls-Tipp distanziert sich das BAG von Panikmache: «Drohungen oder gar moralische Appelle sind völlig ungeeignet, Eltern vom Wert und Nutzen der Impfungen zu überzeugen», so Sprecher Jean-Louis Zurcher. Das BAG informiere aufgrund wissenschaftlicher Fakten.
Bei Masern können zwar schwere Komplikationen wie Lungen- und Hirnentzündungen auftreten. Doch die sind selten. Zudem ist der lebenslange Schutz der Erkrankten grösser als bei Geimpften. Kritische Ärzte sind überzeugt, dass Masern für die Entwicklung des Kindes wichtig sein und Allergien bessern können. Das BAG hält dies für nicht bewiesen.
Die Ärzte für einen differenzierten Impfentscheid sind nicht grundsätzlich gegen das Impfen. Peter Klein: «Eltern sollen sich aber ohne Druck über die Vor- und Nachteile informieren und selbst entscheiden können, wann und ob sie ihr Kind impfen lassen wollen.»
Masern, Mumps, Röteln: Wann ist eine Impfung sinnvoll?
- Masern: 12- bis 14-Jährige, die keine Masern hatten, sollten sich impfen lassen. Das Risiko von Komplikationen steigt ab der Pubertät.
- Mumps: 12- bis 14-jährige Buben, die noch nicht erkrankt sind, sollten sich impfen lassen.
- Röteln: 12- bis 14-jährige Mädchen, die noch nicht erkrankt sind, sollten sich impfen lassen. Röteln während der Schwangerschaft können das Baby schädigen.
Weitere Informationen: Broschüre der SKS: «Impfen, Grundlagen für einen persönlichen Impfentscheid», erhältlich für 10 Franken plus Versandkosten bei der Stiftung für Konsumentenschutz, Postfach, 3000 Bern 23, Tel. 031 307 40 40.
Arbeitsgruppe für differenzierte Impfungen: www.impfo.ch
16. April 2003 | Sonja Marti - smarti@pulstipp.ch
