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Nach den Kursverlusten der jüngsten Vergangenheit scheinen Versicherungsaktien derzeit günstig zu sein. Doch die Krise der Branche ist noch nicht ausgestanden.
Was noch vor wenigen Jahren kaum denkbar war, ist eingetroffen. Versicherungsaktien haben eine rasante Talfahrt hinter sich.
Die gesamte Branche ist in massive Turbulenzen geraten, die nur nebenbei auch noch mit der Zunahme von Naturkatastrophen zu tun haben. Und wie immer, wenn der tobende Sturm vorüber zu sein scheint, stellt sich die Frage, ob jetzt die Zeit für einen Neubeginn gekommen ist. Noch deutet allerdings einiges darauf hin, dass es noch nicht soweit ist.
«Auf den ersten Blick sind Versicherungsaktien im Moment günstig», sagt Stefan Schürmann, auf Versicherungstitel spezialisierter Analyst bei der Genfer Privatbank Pictet & Cie. Er warnt aber vor zu raschem Handeln: «Die Krise der Branche ist noch nicht ausgestanden.»
Die Titel der Rentenanstalt etwa haben in den letzten fünf Jahren mehr als 90 Prozent ihres Wertes verloren, 80 Prozent jene der Zürich, und selbst die Papiere der Schweizer Rück, des Urgesteins der Schweizer Assekuranz, sind heute nur noch halb so viel wert wie im März 1998. Warum sind die einst als grundsolide Anlagen gerühmten Versicherungsaktien so abgestürzt?
Swiss Re hat nur begrenzte Chance auf Wachstum
Zum einen ist die allgemeine Börsenlage schuld, denn Versicherungen legen einen rechten Anteil ihrer Reserven und Rücklagen in Aktien an. In Zeiten steigender Kurse hat ihnen diese Anlagestrategie fette Gewinne und dicke Reservepolster verschafft. Jetzt, wo die Märkte Boden suchen, rächt sich ein hoher Aktienanteil im Portefeuille einer Versicherungsgesellschaft. Gesunken sind damit auch die verfügbaren Mittel. Die Schadenfälle jedoch treten - völlig losgelöst vom Auf und Ab an den Börsen - nach versicherungsmathematischer Wahrscheinlichkeit ein.
Zum anderen ist es die steigende Zahl von Unwettern und Katastrophen, die den Sachversicherern hohe Kosten bescheren. Diese sichern sich bei den Rückversicherern ab, welche wiederum höhere Prämien einfordern. Naturkatastrophen sowie durch Menschen verursachte Schäden schlugen 2002 bei den Nichtleben-Versicherern mit 13,5 Milliarden Dollar zu Buche. Dies das Fazit der jüngsten Sigma-Studie des Rückversicherungskonzerns Swiss Re. Wer soll das bezahlen?, lautet da die berechtigte Frage der Besitzer von Versicherungsaktien.
Kurioserweise ist dies aber nicht das Hauptproblem der Gesellschaften. «Im Nichtleben-Bereich kann man heute einfacher Geld verdienen als mit Lebensversicherungen», sagt ein Branchenspezialist der Privatbank Lombard Odier Darier & Hentsch. In der Tat scheinen die Rückversicherer als Folge zunehmender Schadenereignisse auch im Sachversicherungsbereich höhere Prämien durchsetzen zu können.
Vor allem die heute eigenständige Converium, die früher den Rückversicherungsbereich der Zürich bildete, legt in diesem Segment stark zu. Der Titel wird deshalb allgemein zum Kauf empfohlen. Bei der noch viel stärker in diesem Geschäftsfeld engagierten Swiss Re setzen viele Analysten aber bestenfalls auf Halten. Die Swiss Re hat als einer der weltweit grössten Rückversicherer nur noch begrenzte Wachstumschancen.
Auch die Aktien der Nr. 1 in diesem Markt, die Münchener Rück, beurteilen viele Fachleute mit Skepsis.
Versicherungsfirmen mit erheblichen Engagements im Leben-Bereich - beispielsweise die Swiss Life/ Rentenanstalt und die Bâloise - kämpfen mit grösseren Problemen. Zum einen beeinflusste die dramatische Entwicklung an den Börsen das Finanzergebnis. Zum anderen ist der Garantiezins, der von vielen Lebensversicherern erwirtschaftet werden muss, im heutigen Umfeld kaum noch zu holen.
Versicherungstitel: Analysten raten Investoren ab
Während das so genannt technische Ergebnis - also die Differenz zwischen Prämieneinnahmen und zu bezahlender Schadenssumme - für Sachversicherungen positiv ausfallen kann, scheint das derzeit im Leben-Bereich nicht möglich. Hier sollte ein Teil der Rendite durch die Depotrendite erwirtschaftet werden.
Bei den rekordverdächtig tiefen Zinssätzen kann praktisch nichts mehr hinzuverdient werden. Auf den Zinsertrag wären die Lebensversicherer aber angewiesen, da in den Depots die Aktienpositionen hinuntergefahren wurden und nicht damit gerechnet wird, dass sich in absehbarer Zeit mit Dividendenpapieren wirklich Geld verdienen lässt.
Grundsätzlich unterscheiden sich die Schwierigkeiten, mit denen die schweizerische Assekuranz kämpft, nicht von denen der ausländischen Konkurrenz. Europas grosse Gesellschaften wie etwa Allianz, Axa und Generali leiden ebenso unter der Börsenflaute wie der Versicherungsplatz Schweiz.
Branchenprimus AIG, der US-Versicherungsgigant, spielt allerdings in einer anderen Liga und kann nur schon aufgrund seiner Finanzkraft bessere Bedingungen am Kapitalmarkt aushandeln.
Die von K-Geld befragten Analysten raten daher mehrheitlich davon ab, jetzt in Versicherungstitel einzusteigen. Eine Trendwende könne erst dann einsetzen, wenn die lahmende Konjunktur wieder auf Touren kommt und das allgemeine Zinsniveau wieder steigt, heisst es.
Um das Einzelrisiko zu senken, böte sich ein Engagement in Fonds an, wobei es auf dem Markt keine reinen Versicherungsfonds gibt. Aber selbst von den gemischten Bank-Versicherungs-Fonds raten die Fachleute derzeit ab. Zwar ist das Risiko noch breiter gestreut. Auf der anderen Seite halten sich positive und negative Entwicklungen in dem einen oder anderen Unternehmen die Waage und neutralisieren so das Potenzial.
Abwarten, heisst daher die Devise. Investoren bleibt nicht viel mehr, als den Markt zu verfolgen, um den richtigen Augenblick für den Einstieg nicht zu verpassen. Die im Verlauf des Aprils angekündigten Quartalsergebnisse dürften mehr Licht in die tatsächlichen Verhältnisse bringen.
Das in der Branche gern zitierte Wort, wonach Versicherungsgesellschaften nicht zwingend bei jeder Katastrophe dabei sein müssen, gilt für Anleger offenbar erst recht.
Garantierter Verlust mit Vorsorgegeldern
Kaum ein Bereich macht den Versicherungsgesellschaften derzeit so viel Bauchweh wie das Geschäft mit den Vorsorgegeldern der 2. Säule, die in Lebensversicherungen stecken.
Grund: Die vom Staat festgelegte Mindestrendite für Anlagen - derzeit 3,25 Prozent - ist aktuell auch bei geschickten Anlagestrategien nicht zu erwirtschaften. Folge: Der für die Versicherungsnehmer vorteilhafte Garantiezins bewirkt einen ebenso garantierten Verlust bei den Versicherern.
Besonders viel Verlust macht die Swiss Life, die wohl ihren alten Namen Rentenanstalt und in die Schusslinie geratene Top-Manager hinter sich gelassen hat, nicht aber die hohe Abhängigkeit von diesem Segment. Mehr als 15 Milliarden Franken haben Versicherungsnehmer bei der Swiss Life deponiert. Zwar hat die Schweizer Nummer 1 in diesem Geschäft ihren Aktienanteil drastisch auf zwei Prozent reduziert. Doch auch mit festverzinslichen Papieren kommt momentan nicht viel mehr herein.
Bundesobligationen etwa werfen eine Rendite von gerade mal 2 Prozent ab, die risikoreicheren Unternehmensanleihen etwas mehr. Nur dank dem umfangreichen Liegenschaftenbesitz kann Swiss Life ihre Verluste einigermassen begrenzen. Analysten schätzen diese allein bei den Vorsorgeanlagen auf mehrere 100 Millionen Franken pro Jahr. Und weil das Wachstumspotenzial in absehbarer Zeit begrenzt bleibt, bleiben auch die roten Zahlen.
«Die meisten Schweizer Lebensversicherer sind heute in einer verzwickten Lage», sagt Rolf Biland vom VZ Vermögenszentrum. «Zuerst mussten sie ihre Aktienanlagen massiv reduzieren, weil ihre Risikofähigkeit das Kursrisiko nicht mehr zuliess. Kaum haben sie die schmerzlichen Kursverluste bei den Aktien realisiert, stehen sie der fast unlösbaren Aufgabe gegenüber, mit ihrem nun hohen Anteil an festverzinslichen Anlagen die Mindestverzinsung von 3,25 Prozent zu erreichen. 10-jährige Bundesobligationen rentieren nur 2,5 Prozent.»
Auch die anderen Versicherer, die ein starkes Standbein bei den BVG-Geldern haben - darunter die Zürich, Basler und die Winterthur - stehen vor diesem Problem.
Die Bank Leu rät daher Investoren: Finger weg von Titeln, die in diesem Bereich stark engagiert sind. Eine Erkenntnis, welche die Investoren bereits befolgen: Die laufenden BVG-Verluste dürften für den herben Kursrückschlag der Swiss- Life-Aktien zumindest mitverantwortlich sein.
02. April 2003 | David Strohm
