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Artikel | K-Tipp 6/2003

Nutzloser Chemie-Cocktail in Putzmitteln

Antibakterielle oder desinfizierende Putzmittel sind nicht besser als herkömmliche.
Zudem sind sie ein Gesundheitsrisiko.

Hygienische Sauberkeit im Haus und die Beseitigung von 99,9 Prozent aller Bakterien verspricht Ajax Antibakteriell. Ins gleiche Horn stösst die Firma Sagrotan. Desinfektionsstoffe im Küchenreiniger würden zuverlässig Bakterien, «sogar Salmonellen» beseitigen.

Auch der Textilauffrischer Febreze, der Maschinenpfleger Somat, das Geschirrspülmittel Danny, die WC-Ente und der Javel Citron-Textilreiniger verheissen antibakterielle Sauberkeit.

«Pure Augenwischerei» nennt Franz Daschner, Leiter des Instituts für Umweltmedizin und Krankenhaushygiene der Uniklinik Freiburg im Breisgau, die Versprechungen der Industrie.


Im Test reinigten alle Produkte gleich gut

Als antibakteriell und desinfizierend angepriesene Putzmittel seien, so Daschner, nicht wirksamer als konventionelle Haushaltsreiniger. Dies gelte auch für Geschirrspülmittel, Allzweck- und Sanitärreiniger sowie Waschmittel. «Die dauerhaft bakterienfreie Küche gibt es nicht», sagt der Hygiene-Experte.

Jürgen Moritz, technischer Manager beim Ajax-Hersteller Colgate Palmolive Deutschland, kontert: «Unsere nach Euronorm produzierten antibakteriellen Reiniger beseitigen die Bakterien besser als herkömmliche.»
Franz Daschner machte die Probe aufs Exempel. Er verunreinigte drei Flächen auf einer Küchen-Arbeitsplatte mit Bakterien. Danach wurde - nach Herstellerangaben - mit verdünnten Produkten gründlich gereinigt.

Dabei verwendeten die Forscher Haushaltsdesinfektionsmittel, normalen Allzweckreiniger und antibakteriellen Reiniger. Ergebnis: Auf allen drei Stellen waren die Keime nach dem Wischen nicht mehr nachweisbar. Vier Stunden später waren alle gereinigten Stellen erneut und völlig identisch durch Keime verunreinigt.

Selbst eine professionelle Desinfektion kann Bakterien nicht aus der Küche entfernen. So gehört beispielsweise Staphylococcus aureus zur Körperflora jedes Menschen und somit auch zum Wohnbereich. Die Sporen von Bacillus cereus, einer anderen Bakterienart, sind überall vorhanden und weitgehend resistent gegen Desinfektionsmittel.

Unser Immunsystem wird mit solchen Umgebungskeimen normalerweise spielend fertig. Gefährlich sind jedoch die ausgesprochenen Krankheitserreger, die aber fast ausschliesslich aus den Lebensmitteln selbst stammen. Meist sind dies Salmonellen oder Campylobacter.

Keimträger ist vor allem rohes Fleisch. Zur Gefahr werden diese Keime erst, wenn sie sich auf Speisen unkontrolliert vermehren oder bei der Zubereitung nicht abgetötet werden.


«Die Küche darf nicht zum OP-Saal werden»

Andreas Baumgartner von der Abteilung Lebensmittelsicherheit, Sektion Mikrobiologie und Biotechnologie am Bundesamt für Gesundheit (BAG): «Lebensmittelvergiftungen treten vor allem durch unsachgemässe Verarbeitung in der Küche auf.» Das BAG hat deshalb einen Hygieneleitfaden für Konsumenten (siehe Kasten Seite 29 Irrweg zum Schutzraum) entworfen.

Auch Baumgartner beurteilt den Einsatz von Desinfektionsmitteln im Haushalt kritisch. «Die Küche darf nicht zum OP-Saal werden.»

Daschner bemängelt zudem das Fehlen exakter Angaben zu Dosierung, Einwirkzeit und Haltbarkeit der Reiniger. Von einer korrekten Anwendung durch Laien könne keine Rede sein.

Bedenklich ist zudem, dass in antibakteriellen oder desinfizierenden Produkten meist aggressive oder allergisierende Zusatzstoffe enthalten sind. Daschner fordert deshalb eine vollständige Deklaration der Inhalts-stoffe in Reinigern.

Das BAG untersuchte kürzlich Desinfektionsmittel-haltige Schneidebrettchen aus Plastik. Ergebnis: Die mit dem Wirkstoff Triclosan behandelten Produkte zeigten «keinerlei Wirkung». Zwar konnte keine Gesundheitsgefährdung durch die Triclosan-Brettchen belegt werden. Das BAG merkt jedoch an, dass Produkthinweise auf desinfizierende und damit krankheitsverhütende Wirkungen zweifelhaft seien.

«So gesehen stellt sich die Frage, ob Desinfektionsmittel-haltige Schneidebrettchen überhaupt zulässig sind», schreibt das BAG. Coop hat die Triclosan-Brettchen mittlerweile aus dem Sortiment genommen.


Auch Ärzte lehnen zu viel Hygiene ab

Auch in der Statistik zeigt sich, dass Reinigungsmittel zu den problematischen Haushaltschemikalien zählen. Pro Jahr gehen beim Toxikologischen Informationszentrum mehrere tausend Anfragen zu Wasch- und Putzmitteln ein.

Auch Mediziner stehen Desinfektionsmitteln in der Küche skeptisch gegenüber. «Den Haushalt keimfrei zu halten ist unbegründet», sagt Brunello Wüthrich, Allergologie-Chefarzt am Unispital Zürich. Durch übertriebene Sauberkeit entstünden im Gegenteil neue Gefahren. «Steril aufwachsende Kinder sind später allergiegefährdeter als Kinder, die in Kontakt mit Keimen kommen.»



Risiko für Allergiker

Diese gesundheitsgefährdenden und umweltschädlichen Substanzen können in «antibakteriellen» Haushaltsreinigern vorkommen:

- Benzalkoniumchlorid: Wird bei Allergiepatienten häufig als Auslöser für allergische Reaktionen diagnostiziert.

- Chlore: Belasten das Abwasser stark und sind gefährlich für Haut und Augen.

- D-Limonen: Vor allem in antibakteriellen Handspülmitteln. Beim Zersetzen entstehen allergieauslösende Zwischenprodukte.

- Geraniol: Natürlicher Pflanzeninhaltsstoff mit teilweise allergieauslösender Wirkung.

- Schwermetalle: Silber-, Zinn-, Arsen- oder Quecksilberverbindungen belasten die Umwelt stark.

- Triclosan: Steht im Verdacht, Antibiotika-Resistenzen auszulösen. Umweltbelastend und gilt als mögliche Dioxinquelle.

Problematisch für Allergiker ist, dass für antibakteriell wirksame Stoffe in Reinigungsmitteln oder Textilien keine Deklarationspflicht besteht.



Hygiene statt Desinfektions-Mittel

Hygiene-Tipps des Bundesamtes für Gesundheit:

- Hände und Fingernägel vor und nach dem Umgang mit rohem Fleisch mit Warmwasser und Seife reinigen. Zum Trocknen der Hände ein sauberes Tuch verwenden.

- Offene Wunden an den Händen sauber abdecken.

- Rohes Fleisch kühl lagern. Fleischsaft darf nicht auslaufen.

- Verschiedene Fleischsorten nicht gemeinsam verpackt lagern.

- Hackfleisch innerhalb eines Tages verarbeiten, anderes rohes Fleisch innerhalb von zwei bis drei Tagen.

- Marinade nicht als kalte Sauce weiterverarbeiten. Marinade nicht an den Fingern ablecken.

- Hackfleisch, Poulet und Geflügelprodukte vollständig garen oder durchbraten.

- Halbierte Lebern während zwei bis drei Minuten braten, dann zwei bis drei Minuten stehen lassen.

- Rohes Fleisch auf separater Unterlage bearbeiten, Messer und Brett nach jeder Anwendung mit Warmwasser und Seife waschen.

- Rohen Fleischsaft mit einem Einwegtuch oder Haushaltspapier aufsaugen.

- Putzlappen häufig wechseln und bei mindestens 60 Grad waschen.

26. März 2003 | Bernhard Matuschak - redaktion@ktipp.ch


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