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Mehr als die Hälfte der Bevölkerung leidet an Wetterfühligkeit. Wissenschafter rätseln über die Ursachen. Der Luftdruck scheint dabei eine Rolle zu spielen.
Adele Kunz spürt im Voraus, wenn Gewitter aufziehen, das Wetter kippt oder «wenn es schneien will, aber nicht kann». Ihr linkes Bein, das sie sich vor über zwanzig Jahren schwer verletzte, ist an solchen Tagen schwer, verkrampft, die Ferse wie eingeschlafen. Schmerz zieht die ganze Körperseite hoch, bis in den Rücken.
Ist das schlechte Wetter da, fühlt sich die 76-Jährige besser - ausser bei Wind. Dieser bereitet ihr die grössten Beschwerden. Sie erinnert sich noch genau an einen Tag Ende Dezember 1999: «Ich hatte furchtbare Schmerzen im Bein, trotz schönen Wetters, und dann kam der Sturm Lothar.» Wetterfühligkeit, wie Adele Kunz sie kennt, ist weit verbreitet. In einer repräsentativen Umfrage des Münchner Bio-Meteorologen Peter Höppe bezeichneten sich 54,5 Prozent der erwachsenen Deutschen als wetterfühlig. «Am meisten betroffen», so Höppe, «fühlten sich Frauen, über 60-jährige Menschen und Personen mit chronischen Krankheiten.» Die meistgenannten Symptome sind Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schlafstörungen, Gelenkschmerzen, Schwindel, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsstörungen, Gereiztheit und Narbenschmerzen. Weiter gaben die Befragten an, vor allem bei Sturm, Föhnwetter und Kälte Beschwerden zu spüren.
Peter Höppe will den Ursachen der Wetterfühligkeit auf den Grund gehen: «Bis heute zeigt keine Studie die genauen Ursache-Wirkungsmechanismen auf.» Wetterfühligkeit äussert sich meist als Vorfühligkeit. Wo sich die Betroffenen aufhalten, spielt dabei keine Rolle. Daher kommen nur Naturphänomene als Auslöser in Frage, die bestimmten Wetterlagen vorauseilen und unverändert in Innenräume eindringen.
Schwankender Luftdruck gilt als möglicher Auslöser
Elektromagnetische Impulse, so genannte Sferics, sind solche Naturphänomene. Sie gehen von Gewittern aus und verbreiten sich mit Lichtgeschwindigkeit. Sferics verursachen auch das bekannte Knistern im Radio. Zweiter möglicher Auslöser sind rasche Luftdruckschwankungen. Diese entstehen, wenn verschiedene Luftmassen aufeinander gleiten, wenn etwa warme Föhnluft über Kaltluftschichten weht.
Die Luftdruck-These hat ETH-Professor Hans Richner bereits in den 70er-Jahren aufgeworfen. Erst viel später führte der ukrainische Physiker Anatatolij Deljukow Laborversuche zu diesem Ansatz durch: Er setzte Versuchspersonen künstlichen Druckschwankungen aus. Bei «stürmischen Verhältnissen» litt die Konzentrationsfähigkeit der Probanden.
Ein Mittel gegen Wetterfühligkeit ist nicht in Sicht
Auslöser für die Wetterfühligkeit könnten Druckrezeptoren in der Halsschlagader sein, die auf Luftdruckschwankungen reagieren. Zu diesem Mechanismus plant Bio-Meteorologe Höppe weitere Experimente. Bereits laufen an seinem Institut Studien zu folgenden Fragen: Entsprechen die Tagebucheintragungen von Wetterfühligen dem Auftreten rascher Luftdruckschwankungen? Gibt es in München mehr Verkehrsunfälle, Rettungsdiensteinsätze und zahnärztliche Notfälle, wenn rasche Luftdruckschwankungen gemessen werden? «Wir sind gespannt auf die Ergebnisse», so Höppe, «und hoffen, bald mehr zu wissen über die Mechanismen, die Wetterfühlige leiden lassen.»
Ein Mittel gegen Wetterfühligkeit ist aber wohl noch in weiter Ferne. Adele Kunz kann also wie die meisten ihrer Leidensgenossen nur wenig gegen ihre Beschwerden unternehmen. Manchmal legt sie sich hin oder nimmt, wenn es ganz schlimm wird, eine Schmerztablette.
Auffällig viele Herzinfarkte bei stürmischem Wetter
Steigt das Herzinfarktrisiko bei bestimmten Wetterlagen? Dies wurde in einer Studie des Berner Inselspitals untersucht. Die Resultate: An Tagen mit hoher Windgeschwindigkeit, raschem Luftdruckwechsel und hohem Luftdruck verzeichneten alle Spitäler, die an der Studie teilnahmen, vermehrt Infarkt-Einweisungen. Kein Anstieg war feststellbar in Zusammenhang mit Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Föhn und Gewitter. Auffallend sind regionale Unterschiede: So gab es bei Schneefall im Mittelland mehr, in den Alpen und in der Südschweiz weniger Infarktfälle. Der Kardiologe Stefan Goerre, Koordinator der Studie, äussert sich zu den Ergebnissen.
Puls: Herr Goerre, ist stürmisches Wetter lebensgefährlich, wenn man ein schwaches Herz hat?
Stefan Goerre: Eine solche Schlussfolgerung wäre Panikmache. Unsere Studie belegt bloss eine statistisch auffällige Häufung der Infarktfälle bei bestimmten Wetterlagen. Was genau sich bei bestimmten Wetterlagen in den Herzkranzgefässen abspielt, zeigt die Studie nicht.
Gibt es vielleicht gar keinen Zusammenhang zwischen Herzinfarkt und Wetter?
Ich bin überzeugt, dass es Zusammenhänge gibt. Mein Praxisalltag zeigt, dass Herzkranke besonders sensibel auf das Wetter reagieren. Interessant ist, dass sich Herzinfarktpatienten meistens erstaunlich gut an das Wetter erinnern, das am Tag ihres Infarktes herrschte. Nur können wir diese Zusammenhänge noch nicht beweisen und erklären.
Der Föhn gilt doch als ein Hauptauslöser von Wetterfühligkeit. Spielt er in Ihrer Studie tatsächlich keine Rolle?
Unsere Studie zeigt keine Zunahme der Infarktfälle bei Föhn. Der Volksglaube wird aber möglicherweise insofern bestätigt, als Föhn automatisch auch hohe Windgeschwindigkeit und rasche Druckschwankungen impliziert.
Wie sind die regionalen Unterschiede betreffend Schneefall zu erklären?
Die Häufung der Infarktfälle bei Schneefall im Mittelland könnte mit dem Schneeschaufeln zu tun haben. Frühere Studien belegen einen Zusammenhang zwischen Schneeschaufeln und Infarkthäufigkeit. In den Alpen hingegen, wo mehr Schnee fällt, sind die Leute vermutlich fitter und daher weniger anfällig.
Weitere Informationen:
- www.uni-muenchen.de (Umfrage zur Wetterfühligkeit in Deutschland)
- www.meteoschweiz.ch (Biowetter-Prognose von Meteo Schweiz)
- «Wetterfest durch alle Jahreszeiten», Christa Kummer, NP-Verlag, Fr. 31.10
- «Klima und Krankheit», Hermann Trenkle, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Fr. 41.50
19. März 2003 | Martina Lichtsteiner
