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Artikel | K-Geld 1/2003

Europas Wirtschaft wächst im Osten

Der grosse Knall findet am 1. Mai 2004 statt: Zehn Länder schliessen sich der Europäischen Union an. Für Anleger eröffnen sich interessante Perspektiven.

Pat Cox reiste im Frühling letzten Jahres als frisch gewählter Präsident des Europäischen Parlaments nach Warschau. Er erzählte den Polen von der Erfolgsgeschichte seiner Heimat Irland. Die Grüne Insel am Rande des Kontinents war lange Zeit das Armenhaus Europas gewesen. Unzählige wanderten aus. Wie Polen heute, litt Irland noch 1986 unter einer Arbeitslosenrate von 18 Prozent.

Heute gehört Irland zu den reichsten Ländern der EU und liegt beim Wirtschaftswachstum schon seit Jahren regelmässig an der Spitze. Die Arbeitslosigkeit liegt nicht nur weit unter dem EU-Durchschnitt, die Republik hat sich inzwischen sogar zum Einwanderungsland gewandelt. Viele Söhne und Töchter von Exil-Iren, die einst vor der Armut geflohen sind, kehren heute auf die Insel zurück.

Von einem wirtschaftlichen Aufschwung, von der Überwindung der gegenwärtigen Misere träumen auch die Polen. Knapp 39 Millionen Einwohner zählt das grösste Land unter den EU-Beitrittskandidaten. So gross wie das Land sind die Probleme. Jeder Fünfte ist arbeitslos, jeder Vierte arbeitet in der Landwirtschaft. Die Schwerindustrie ist defizitär. Doch Polen-Kenner wie der einheimische Historiker und Ex-Aussenminister Bronislaw Geremek sind optimistisch: «Was mit Sicherheit eintreten wird, ist eine Entwicklung wie in Irland oder Portugal, die der EU als recht arme Gesellschaften beigetreten sind und einen grossen Sprung gemacht haben.»

Im Dezember 2002 haben die 15 Staats- und Regierungschefs der Europäischen Gemeinschaft grünes Licht für die Aufnahme von zehn weiteren Staaten gegeben. Die grösste Erweiterung in der Geschichte des europäischen Bündnisses bringt acht Länder Osteuropas sowie die Mittelmeerinseln Zypern und Malta in die Union. Schon am 1. Mai des nächsten Jahres soll der Schritt vollzogen werden, gerade rechtzeitig, dass die neuen Mitglieder sich an der Wahl des Europäischen Parlamentes beteiligen können. In den neuen Grenzen wird die EU auf über 450 Millionen Einwohner anwachsen.

Doch dabei wird es nicht bleiben. Als weiterer Erweiterungschritt ist für 2007 die Aufnahme von Rumänien und Bulgarien vorgesehen. Schliesslich wird die EU im Dezember 2004 prüfen, ob die Türkei die Kriterien für eine Aufnahme in die Union erfüllt. Falls die Türkei diese Prüfung besteht, würde die EU in acht bis zehn Jahren rund 550 Millionen Einwohner zählen.

Die zehn Länder, die am 1. Mai 2004 der EU beitreten werden, liegen gegenüber der heutigen Union wirtschaftlich weit zurück. Zurzeit erreichen sie pro Kopf der Bevölkerung im Durchschnitt nur rund 40 Prozent des Bruttoinlandproduktes der EU. Das Wohlstandsgefälle innerhalb der EU wird also riesig sein - so gross wie noch nie seit ihrem Bestehen. Doch daraus ergeben sich auch vielfältige Chancen: Der Hunger nach Investitionen in die Infrastruktur und die Güterproduktion ist in den Oststaaten gross. Zudem verbessern sich mit dem EU-Beitritt die Absatzchancen für exportorientierte Branchen in Osteuropa. Dies lässt Kapital und Technologie in die Beitrittsländer fliessen. Mit der Integration in die EU steigt zudem die Rechtssicherheit in den Ländern des Ostens. Osteuropa wird deshalb in den nächsten Jahren als Produktionsstandort zunehmend attraktiv.

Diese Entwicklung ist heute schon in vollem Gang. Schweizer Unternehmen haben in den Beitrittsländern schon über sechs Milliarden Franken investiert und dabei über 80 000 Arbeitsplätze in Osteuropa geschaffen.

Die steigende Kaufkraft der Bevölkerung Osteuropas lässt die Nachfrage steigen. Tatsache ist, dass der Handel mit Osteuropa sowohl für die EU-Staaten als auch für die Schweiz immer wichtiger wird.

Deutschland registriert seit Jahren einen stark wachsenden Warenaustausch mit den Oststaaten. Für Länder wie Polen, Ungarn, Tschechien und die Slowakei ist Deutschland inzwischen zum Lieferanten Nr. 1 geworden. Deutschland exportiert in die Osterweiterungsländer inklusive Rumänien und Bulgarien schon rund 10 Prozent seiner Ausfuhren - fast so viel wie in die USA.

Rund 100 000 Jobs hängen alleine in Deutschland von diesen Exporten ab. Der Verband der deutschen Industrie bezeichnet Osteuropa als wichtigsten Wachstumsmarkt für die deutsche Exportwirtschaft. Gleichzeitig kaufen die Deutschen immer mehr Waren aus Osteuropa.

Die Schweiz liegt im Handel mit Osteuropa gegenüber Deutschland zurück: Nur rund 2,5 Prozent des Aussenhandels wickelt sie derzeit mit den Kandidatenländern ab, doch seit Mitte der 90er-Jahre ist das Wachstum überdurchschnittlich. Zwar ist die Handelsbilanz deutlich positiv zugunsten der Schweiz, doch die Importe steigen stark. Die Schweiz führt vor allem Maschinen, Fahrzeuge, Textilien, Bekleidung, Möbel und landwirtschaftliche Produkte aus Osteuropa ein und exportiert hauptsächlich Maschinen und pharmazeutische Produkte.

Nach dem Beitritt zur EU bildet die Währungsunion den nächsten Schritt im wirtschaftlichen Integrationsprozess. Die Einführung des Euros wird das Währungsrisiko für Investitionen in den Beitrittsländern innerhalb der EU ausschalten. Die Währungsunion kann frühestens zwei Jahre nach dem Beitritt in Kraft treten. Vorher müssen die Kandidatenländer Mindest-Anforderungen bezüglich Preisstabilität, Zinsdifferenz zu den Euroländern und Zustand der Staatsfinanzen erfüllen.

Während zweier Jahre dürfen die Wechselkurse eine Schwankungsbreite von plus/ minus 15 Prozent gegenüber dem Euro nicht überschreiten. Ein Hindernis für die Währungsunion könnte die Teuerung sein, da stark wachsende Länder eine tendenziell höhere Teuerung aufweisen.

Ökonomisch nähern sich die EU-Beitrittsländer schon seit längerer Zeit an. Seit die EU an ihrem Gipfel in Nizza im Dezember 2000 den Fahrplan für die Erweiterung der Union bestätigt hat, wurde die Zinsdifferenz zwischen Ländern wie Polen, Tschechien oder Ungarn und der Europäischen Union zunehmend kleiner. Auch die Teuerungsraten sind gesunken. Die Beitrittskandidaten befinden sich in einem wirtschaftlichen Aufholprozess, der erst begonnen hat und noch Jahre benötigen wird. Doch Osteuropa steigert seine Wirtschaftsleistung schnell. Trotz der Flaute der Weltwirtschaft legten die Länder Osteuropas im vergangenen Jahr mit Wachstumsraten zwischen 2,2 und 5,5 Prozent zu.

Am schlechtesten schnitt das krisengeschüttelte Polen ab, das nur ein Wachstum von 1,2 Prozent aufwies. Länder wie Deutschland mit plus 0,2 Prozent oder die Schweiz mit minus 0,2 Prozent stagnierten dagegen. Die Prognosen für das laufende Jahr zeigen dasselbe Bild. Für die Länder Osteuropas wird ein Wachstum von durchschnittlich über 4 Prozent erwartet, über fünfmal mehr als für Deutschland oder die Schweiz.



Estland

Einwohner: 1,4 Millionen
BIP pro Kopf: 4848 Euro
Monatslohn: 414 Euro
Arbeitslosenrate: 12,5 %



Lettland

Einwohner: 2,44 Millionen
BIP pro Kopf: 3515 Euro
Monatslohn: 281 Euro
Arbeitslosenrate: 8,0 %



Litauen

Einwohner: 3,7 Millionen
BIP pro Kopf: 4228 Euro
Monatslohn: 345 Euro
Arbeitslosenrate: 12,0 %



Polen

Einwohner: 38,6 Millionen
BIP pro Kopf: 4994 Euro
Monatslohn: 540 Euro
Arbeitslosenrate: 17,4 %



Slowakei

Einwohner: 5,4 Millionen
BIP pro Kopf: 4635 Euro
Monatslohn: 311 Euro
Arbeitslosenrate: 18,3 %



Slowenien

Einwohner: 1,98 Millionen
BIP pro Kopf: 11 033 Euro
Monatslohn: 1033 Euro
Arbeitslosenrate: 11,5 %



Tschechien

Einwohner: 10,3 Millionen
BIP pro Kopf: 6942 Euro
Monatslohn: 512 Euro
Arbeitslosenrate: 9,2 %



Ungarn

Einwohner: 10,1 Millionen
BIP pro Kopf: 6493 Euro
Monatslohn: 496 Euro
Arbeitslosenrate: 5,8 %



Malta

Einwohner: 0,39 Millionen
BIP pro Kopf: 12 660 Euro
Monatslohn: keine Angaben
Arbeitslosenrate: 7,7 %



Zypern

Einwohner: 0,65 Millionen
BIP pro Kopf: 19 120 Euro
Monatslohn: keine Angaben
Arbeitslosenrate: 4,3 %

31. Januar 2003 | Meinrad Ballmer


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