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Artikel | K-Geld 1/2003

Was Anleger aus der Jomed-Pleite lernen können

Im Januar stürzte der Aktienkurs des Medizinaltechnik-Unternehmens Jomed innert weniger Tage um über 80 Prozent ab. «Wir sehen heute genauer hin», sagen Analysten. Sie empfehlen Kleinanlegern heute grosse Zurückhaltung.

Was Anleger aus der Jomed-Pleite lernen können

Die Geschichte von Jomed klingt unglaublich. Da greift der Finanzchef ohne Hemmungen in die Trickkiste und verbucht Umsätze, die noch gar nicht getätigt wurden. Ziel war es, die ohnehin wohlmeinenden Kapitalmärkte noch ein wenig mehr zu beeindrucken.



Hat der CEO des Unternehmens, Tor Peters, der selbst erheblich an der Firma beteiligt und deshalb an einem hohen Börsenkurs interessiert war, seinen Buchhalter gedeckt? Oder war der Chef so inkompetent, dass er von den Umsätzen der Firma keine Ahnung hatte?



Die gut bezahlten Wirtschaftsprüfer der inzwischen untergegangenen Revisionsgesellschaft Arthur Andersen nahmen die Rechnung ab und gaben ihre Unterschrift. Mittlerweile ist bekannt, dass mindestens vier Jomed-Mitarbeiter wissentlich falsche Buchungen vornahmen und so die Firma in Schieflage brachten. Ob die Revisoren davon wussten, bleibt offen.



Als alles aufflog, sah man allenthalben sehr betretene Gesichter. Rücktritte, Entschuldigungen - und schon eine Woche später den Gang zum Konkursrichter.



Die einst von der Finanzpresse und den Analysten hochgejubelte Aktie geriet innert Stunden zum Non-valeur und zog weitere, gänzlich unbeteiligte Gesellschaften in den Sog nach unten. Das Vorzeigeunternehmen, einst mit mehr als 2,5 Milliarden an der Schweizer Börse SWX bewertet, gilt derzeit nur noch 40 Millionen Franken. Für die geprellten Anleger ein einziges Trauerspiel.





Vieles, was Jomed versprach, stimmt wohl auch heute



Nun fragt sich mancher: «Wie konnte es dazu kommen?» Waren es die gern zitierten Gesetze von «Greed and Fear», von «Gier und Angst», die den Finanzchef und seine Mitwisser zu den Luftbuchungen verleiteten? Trieb kriminelle Energie die Fehlbaren an? Oder steckt hinter dem Jomed-Skandal womöglich System? Eine Analogie zu den weit spektakuläreren Fällen in den USA wie Enron oder Worldcom drängt sich auf.



Für Thomas Thaler, Analyst bei der Bank Julius Bär, gab es «keine Anzeichen» für eine solche Katastrophe. «Wir müssen uns auf die revidierten Geschäftsabschlüsse verlassen können», sagt der promovierte Biochemiker, der das Unternehmen schon seit längerem begleitet. In früheren Jahren hatte Thaler Jomed positiv beurteilt. Auch im Nachhinein sagt er: «Die uns vorgelegten Zahlen klangen plausibel.»



Und vieles, was Jomed versprach, stimmt wohl auch heute: Fokussierung auf die so genannt minimal invasiven Technologien, mit denen sich Kosten sparen und Patienten beglücken lassen, weil nur geringe Eingriffe nötig sind. Das Unternehmen zeichnete sich durch eine besondere Flexibilität am Markt, eine solide Finanzierung und hohe Wachstumsraten aus. Die Kunden - in erster Linie Spitäler -attestierten dem Unternehmen eine stets gute Zusammenarbeit. Heute weiss man: Das allein macht noch keine Vorzeigefirma.



«Die Kontrollmechanismen wären da gewesen», sagt Christoph Gubler, Analyst bei der Genfer Privatbank Lombard Odier Darier Hentsch. Aber sie hätten in diesem Fall nicht gegriffen. Gubler hält die Verfehlungen für «unentschuldbar». Zwar hofft Gubler, dass Jomed eine Ausnahme bleibt. Doch nach den jüngst publik gewordenen Mauscheleien bei der Firma EMTS - auch sie einst hochgelobt - steht schon der nächste Kandidat auf der Abschussliste.



Bei Lombard Odier jedenfalls ist man gewarnt: «Wir sehen heute genauer hin und prüfen bei vielen Firmen, wer dort die Revision vornimmt und ob die Revisionsgesellschaft gewechselt wurde», berichtet Gubler.



Auch in der Analyseabteilung der Deutschen Bank in Zürich, die Jomed über Jahre beobachtete, ist man vorsichtiger geworden. «Vor allem bei den so genannten Erfolgsstorys hinterfragen wir heute vermehrt die Fakten», sagt eine leitende Analystin. Die Anleger sollten sich der Risiken bewusst sein, die sie bei einem Engagement in solche Wachstumstitel eingehen.



Noch weiter geht Patrick Laager, Branchenspezialist bei der Bank Sarasin. Er rät gar, von den «kleinen» Unternehmen, im Jargon auch Small und Mid Caps genannt, die Finger zu lassen.



«Private Anleger ohne genügende Risikobereitschaft sollten im Moment gar nicht investieren», sagt Laager. Er geht heute bei der Analyse von Unternehmen noch detaillierter über die Bücher und zieht zusätzliche Kennziffern wie den Debitorenbestand oder eine Lagerveränderung hinzu.





Anlagefonds und Indexaktien bevorzugen



Ein Hoffnungsschimmer für Anleger sind die neuen, verschärften Buchungsregeln, die im Nachhall zu den grossen Affären weltweit diskutiert und wohl auch eingeführt werden.



Doch weder die Profis noch die Kleinanleger sind gegen Bilanztricksereien à la Jomed gewappnet. Aber zumindest die Bilder von Finanzchefs und CEOs in Handschellen dürften auf mögliche Nachahmer eine abschreckende Wirkung haben.



Analog zu den Ratschlägen seiner Kollegen lautet Patrick Laagers Fazit:



- Diversifizieren, so weit es geht. Ein ausgewogenes Portfolio braucht nicht nur eine gesunde Mischung von grossen und kleinen Gesellschaften. Auch bei den Sektoren soll der Investor breit streuen.



- Wer - wie die meisten Kleinanleger - nicht in der Lage ist, die Entwicklung von einzelnen Titeln im Auge zu behalten, sollte Anlagefonds oder aber Indexaktien den Einzelaktien vorziehen.







1991 bis 2003



Aufstieg und Fall der Jomed



- 1991 Gründung der Jomed in Deutschland als Forschungsunternehmen für Medizinaltechnik.



- 1994 Die ersten künstlichen Herzklappen kommen auf den Markt.



- 1995 Übernahme durch Investoren aus Schweden, der neue Geschäftsführer Tor Peters gehört dazu. Start der Entwicklung von Produkten für «minimal invasive Interventionen». Wichtigstes Produkt werden Stents (maschendrahtartige Stahlröhrchen) - diese stabilisieren die Erweiterung verengter Gefässe.



- 1996 Stents für Herzkranzgefässe kommen auf den Markt, Umsatz boomt.



- 1997 Ausbau der Produktpalette auf Anwendungen bei Armen, Beinen, Halsschlagadern etc.



- 1998 Neue Produktionsstätte in Rangendingen (D) mit 350 Arbeitsplätzen. Logistik in Maastricht (NL).



- 1999 Ausbau der Produktion, Holdingsitz wird nach Beringen SH verlegt.



- 2000 Jomed geht an die Börse. Akquisition von US-Firmen, die komplementäre Produkte herstellen.



- 2001 Umsatz verdoppelt sich. Verkauf von nun 2300 Produkten in 70 Länder.



- 2002 Kurs sinkt, Wachstumsraten auch. Erste Zweifel an der Erfolgsstory.



- 2003 Am 7. 1. gibt Finanzchef Antii Ristinmaa Unregelmässigkeiten in der Erfolgsrechnung bekannt und tritt zurück. Eine Woche später muss Peters gehen. Aktienkurs stürzt ins Bodenlose. Strafanzeige folgt. Am 23. 1. beantragt Jomed Gläubigerschutz. Ein Sachwalter wird bestimmt. Das Unternehmen wird zum Übernahmekandidat.

31. Januar 2003 | David Strohm


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