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Artikel | K-Geld 6/2002

Börsenfrust: Abwarten - oder Hypothek reduzieren?

Die Börsenkrise hat auch viele Eigenheimbesitzer verunsichert. Sie haben ihre Aktien verkauft. Soll man mit dem Kapital die Hypothek abzahlen? K-Geld sagt, wann sich das lohnt.

Vor drei Jahren hat Isabelle Schmid (40) von ihren Eltern 370 000 Franken geerbt. Damals war das Geld auf einem Sparkonto angelegt. Die ehemalige kaufmännische Angestellte und Mutter zweier Kinder wollte eine bessere Rendite erzielen und investierte auf Empfehlung ihres Anlageberaters in Aktien und Aktienfonds. Damals schien der Vermögenszuwachs viel versprechend.

Mittlerweile ist das Wertschriftendepot nur noch 300 000 Franken wert. Die Kurse würden sich erholen, meinte ihr Anlageberater. Aber: Isabelle Schmid und ihr Mann haben vor ein paar Jahren ein Haus gekauft und mit einer variablen Hypothek
finanziert. Jetzt fragt Schmid das K-Geld-Ratgeberteam: «Soll ich die Wertschriften verkaufen und die Hypothek reduzieren?»

Isabelle Schmid ist kein Einzelfall. Die Börsenkrise hat eine Vielzahl von Kleinanlegern zum Ausstieg aus dem Aktienbesitz bewogen. Dass das Reduzieren der Hypothekarschuld eine lohnenswerte Variante sein kann, zeigt der Kasten rechts. Im Falle der Familie Schmid gilt es Folgendes zu überlegen:

Für 300 000 Franken zahlen die Schmids bei einem variablen Hypothekarzins von 3,75 Prozent 11 250 Franken Hypothekarzinsen pro Jahr. Diese können sie vom steuerbaren Einkommen abziehen. Liegt der Grenzsteuersatz der Familie Schmid bei 25 Prozent, so beträgt die effektive Hypothekarbelastung noch 8437 Franken.
Die Hypothek um 300 000 Franken reduzieren hiesse für die Schmids beim heutigen Zins jährlich 8437 Franken einsparen. Damit Isabelle Schmids Aktienanlagen nach Steuern ebenfalls 8437 Franken abwerfen, müssten sie eine jährliche Rendite nach Steuern von 2,8 Prozent erzielen.

Vertraut Isabelle Schmid auf eine höhere Rendite ihrer Aktienanlagen und braucht sie in absehbarer Zeit das Geld nicht - etwa für die Ausbildung ihrer Kinder -, rät ihr K-Geld: Wertschriften nicht verkaufen. Die höchste Rendite hat man bis anhin nämlich mit langfristigem Aktienbesitz erzielt. Wer mindestens acht Jahre in breit diversifizierte Aktienanlagen investiert bleibt, kann mit einer Durchschnittsrendite von jährlich rund 7 Prozent rechnen. Nach Steuern und nach Abzug der 8437 Franken Hypozins blieben der Familie Schmid immerhin noch ansehnliche 11 063 Franken. Dagegen bieten heute weder ein Sparkonto noch Anlagen in sichere Obligationen eine Rendite nach Steuern von über 2,8 Prozent.

Das Sparkonto bringt Isabelle Schmid derzeit 2250 Franken Ertrag - nach Steuern. Angesichts der Hypothekarbelastung von 8437 Franken würden Schmids hier einen Verlust von 6187 Franken einfahren.

Genauso unattraktiv sind Obligationenanlagen. Auch hier müssten Schmids unter dem Strich immer noch 1687 Franken draufzahlen.

Die Varianten Sparkonto und sichere Obligationen - das zeigt das Beispiel der beiden Erwerbstätigen (Kasten) - sind auch für Steuerpflichtige mit hohem Grenzsteuersatz ein Verlustgeschäft. Man kann zwar mit einem hohen Grenzsteuersatz etwas mehr Steuern sparen. Unter dem Strich lohnt sich diese Variante auch hier nur dann, wenn man mit den Anlagen eine genügend hohe Verzinsung erreichen kann.

Aktien behalten und ausharren - diese Losung gilt trotzdem nicht für alle. Peter Bannwart vom Hypothekenzentrum Zürich rät: «Wer langfristig nicht an einen Börsenerfolg glaubt oder Probleme hat, vorübergehende Kursverluste zu ertragen, soll besser seine Hypothek reduzieren. Allerdings nur dann, wenn in absehbarer Zeit kein Liquiditätsbedarf besteht.»

Gerade bei Rentnern oder Familien mit Kindern könnte das Abzahlen der Hypothek ungewollt zu einem finanziellen Engpass führen, wenn keine anderen Mittel verfügbar sind. Denn es könnten plötzlich grössere Ausgaben für Gesundheit oder Hausrenovation anstehen oder bei den Kindern höhere Ausbildungskosten anfallen. Wer seine Hypothek in einem solchen Fall wieder aufstocken möchte, muss erneut eine umfassende Kreditprüfung über sich ergehen lassen.

Bei Rentnern, die weniger Geld als früher zur Verfügung haben, oder Familien, die aus irgendeinem Grund neu mit weniger Einkommen auskommen müssen, scheitert diese Prüfung unter Umständen an der fehlenden Tragbarkeit. Das ist der Fall, wenn der Wohnkostenanteil mehr als einen Drittel des Bruttoeinkommens auffrisst.

Wer auf diese liquiden Mittel angewiesen ist, scheut auch häufig das Risiko von Aktienanlagen. In dieser Situation ist das Geld aus einem Verkauf von Aktienanlagen auf einem gut verzinsten Sparkonto gut aufgehoben, beispielsweise auf dem übers Internet verwalteten E-Depositenkonto der Post mit 2,25 Prozent oder in kurz laufenden Obligationen. Kurz laufend deshalb, weil bei diesen das Kursschwankungsrisiko viel kleiner ist. Weiterer Vorteil: Man hat so jederzeit die Möglichkeit, zu einem günstigen Zeitpunkt wieder in Aktien zu investieren.

Wer aber seinen Aktienbesitz aufgibt und seine Hypothek reduziert und sie eines Tages wieder aufstockt, um erneut in der Börse zu investieren, muss mit steuerlichen Konsequenzen rechnen. «Finanziert man Aktienkäufe nur mit Fremdkapital, besteht das Risiko, dass man steuerrechtlich als Wertschriftenhändler qualifiziert wird», erklärt Hans Ulrich Meuter von der Steuerbehörde des Kantons Zürich. Dann zahlt der Anleger nicht nur Steuern auf Zinsen und Dividenden, sondern auch auf die Kursgewinne.

Zumindest Hypothek wechseln. Unabhängig davon, ob man sich nun zum Reduzieren von Hypotheken entscheidet, empfiehlt Peter Bannwart allen Hypothekarschuldnern, die Zinsbelastung durch einen Wechsel der Hypothek zu senken. «Jetzt haben wir einen günstigen Zeitpunkt dafür. Eine 5-jährige Festhypothek kriegt man heute für 3,1 Prozent und eine Libor-Hypothek bereits ab 1,9 Prozent.»

01. Dezember 2002 | Rita Kornfeld


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