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Artikel | saldo 20/2002

Trend zu starkem Stoff

Der illegale Anbau und Konsum von Cannabis in der Schweiz boomt. Doch der Trend zu immer stärkerem Kraut birgt auch Risiken.

Ssowohl der Handel wie auch der Konsum von Cannabis sind in der Schweiz nach wie vor nicht legal. Trotzdem konsumieren rund 500 000 Schweizer das berauschende Kraut. Nur die wenigsten wissen aber, was genau sie rauchen oder in Guetzliteige mischen. Der Gehalt am psychoaktiven Stoff Tetrahydrocannabinol (THC) kann von Pflanze zu Pflanze stark variieren. Kassensturz und A Bon Entendeur wollten es genau wissen: Sie haben in der ganzen Schweiz Hanf eingekauft und ins Labor gebracht, um den THC-Gehalt zu messen.


Indoor-Anbau: Beste Bedingungen für das Wachstum

Das alarmierende Resultat des rechtsmedizinischen Instituts der Universiät Bern: Cannabis-Produkte werden immer stärker. Selbst Gerichtschemiker Werner Bernhard war überrascht. «Noch vor wenigen Jahren hatten wir in der Schweiz nur Hanf mit einem THC-Gehalt zwischen 1,5 und 6 Prozent.» In den Kassensturz-Proben fand der Gerichtschemiker in jeder fünften Probe einen THC-Gehalt von über 20 Prozent. In 35 Proben stellte er einen THC-Gehalt zwischen 10 und 20 Prozent fest.

In den letzten Jahren haben vor allem Schweizer Produzenten immer stärkere Sorten gezüchtet. Die stärksten Sorten, das zeigt die Untersuchung, stammen aus dem so genannten Indoor-Anbau. In Kellern oder Fabrikhallen treiben Produzenten den illegalen Hanfanbau auf die Spitze: Licht, Wasser und Luft werden so gesteuert, dass der Hanf optimal wächst. Das Geschäft ist lukrativ. Ein Kilo Hanf geht für 10 000 Franken und mehr über den Ladentisch.

Die Folgen des starken Indoor-Hanfs machen vielen Experten Sorgen. «Je höher das THC, desto stärker die Rauschwirkung. Nicht alle Konsumenten können damit umgehen», warnt Rudolf Brenneisen, Pharmazieprofessor der Universität Bern. Der Vorteil des stärkeren Krautes: «Für die gleiche Rauschwirkung muss weniger geraucht werden, dadurch inhaliert man weniger schädliche Stoffe des Tabaks», sagt Brenneisen.

Doch nur geübte Raucher können gut dosieren. Für andere birgt der Power-Hanf grosse Risiken: «Ich sehe vor allem für ungeübte und junge Konsumenten eine Gefahr», sagt Ruedi Stohler, leitender Arzt bei den sozialpsychiatrischen Diensten in Zürich. Seit mehr als einem Jahr hat er pro Monat im Schnitt drei Cannabis-Patienten. «Vorher hatte ich jahrelang keinen

Patienten aufgrund von Cannabis-Einnahmen.» Er führt das nicht nur auf den starken Indoor-Stoff, sondern auch generell auf die Ausweitung des Konsums zurück.

Experten warnen vor der Einnahme von Hanf mit hohem THC in Lebensmitteln. Power-Hanf-Konsumenten klagen über Angstzustände und Gedächtnisstörungen. «Man merkt die Wirkung erst verzögert und umso stärker», erklärt Stohler. Der Arzt musste einmal eine junge Frau behandeln, die nach dem Essen eines Haschisch-Guetzlis beim Autofahren im Tunnel eine Panikattacke hatte und von der Polizei abgeholt werden musste.


Die Hanfbranche fordert einen transparenten Verkauf

Die Hanfbranche selber will das Problem mit einer verbesserten Deklaration in den Griff bekommen. «Wir wollen einen kontrollierten und transparenten Verkauf mit genauer Deklaration, dann kann jeder Konsument selber entscheiden, ob er lieber etwas Schwaches oder Starkes will», sagt François Reusser, der mit der «Koordination Schweizer Hanf» die Interessen der Hanfläden und Hanfproduzenten vertritt. Doch das wird - wenn überhaupt - erst in Zukunft möglich sein. Vorderhand bleiben der Konsum und der Verkauf von Drogenhanf illegal.



Bis 1898 das beliebteste Schmerzmittel

Hanf ist eine der ältesten bekannten Nutzpflanzen. In China wurde sie 6000 vor Christus zu Nahrung, Fasern, Ölen und Medikamenten verarbeitet. Über den Mittleren Osten gelangten Pflanzen und Hanfprodukte nach Europa und Afrika. Bevor 1898 Aspirin auf den Markt kam, waren Cannabis-Produkte das am häufigsten benutzte Schmerzmittel.

In der Schweiz waren bis 1951 Hanfpräparate in Apotheken frei erhältlich. Danach wurde der Anbau von Hanf verboten. Seit 1975 ist der Konsum von Cannabis zudem strafbar. 2001 verabschiedete der Bundesrat die Revisionsvorlage, die den Cannabis-Konsum legalisieren soll. Der Nationalrat befindet voraussichtlich im Frühjahr darüber.

04. Dezember 2002 | Pasquale Ferrara


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