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Immer mehr junge Menschen werden magersüchtig. Betroffen sind überwiegend Mädchen im Alter zwischen 11 und 18 Jahren.
Ständig war ich auf der Suche nach dem ultimativen Nahrungsmittel: Es sollte keine Kalorien haben und doch sättigen.» Sabrina Gehrig ist 17 Jahre alt und 1,75 Meter gross. Gesund wog sie 55 Kilogramm - nicht gerade viel, schon damals. Als sie im März ins Spital kam, hatte sie noch 39 Kilogramm. Es war erschütternd: Ihr Gesicht war das einer alten Frau, grau und eingefallen. Der Körper war nur noch ein ausgemergeltes Knochengerüst.
«Tu doch nicht so, iss einfach was», bekommen Betroffene oft zu hören. Doch Magersucht (Anorexie) ist eine lebensbedrohende Krankheit, aus der es ohne therapeutische Hilfe oft keinen Ausstieg gibt. Zehn Prozent der Magersüchtigen sterben an den Folgen der Unterernährung oder nehmen sich das Leben.
Mindestens eines von 100 Mädchen wird magersüchtig, wobei die Zahl der nicht erfassten Fälle wahrscheinlich höher liegt. Sie kommen meist aus der gehobenen Mittelschicht, sind sehr intelligent, ehrgeizig und differenziert.
Viele junge Frauen haben ein gestörtes Essverhalten
Die Krankheit tritt fast ausschliesslich in den westlichen Industriestaaten auf, wo der Körperkult auf die Spitze getrieben wird, wo fast jede Frau mit ihrem Körper hadert. «Kennen Sie eine junge Frau, deren Essverhalten nicht gestört ist?», fragt die Zürcher Kinder- und Jugendärztin Bettina Zuppinger. Hinter einer Magersucht aber steckt nicht in erster Linie Schönheitswahn, sondern tiefe Not.
So auch bei Sabrina. Sie fühlte sich ausgeschlossen von ihren Klassenkameraden, und ihre vorher so guten Noten waren plötzlich nur noch mittelmässig. Darüber reden konnte sie nicht. «Ich habe immer die Starke rausgehängt. Vor anderen weinen und zeigen, dass es mir schlecht ging, konnte ich nicht.» Das lebendige Mädchen zog sich immer mehr zurück. Bis sie im Sommer vor einem Jahr bewusst beschloss, weniger zu essen: «Ich dachte, wenn ich immer mehr abnehme, werden sich alle Sorgen machen, dann sehen sie, dass es mich auch gibt, dann steh ich auch mal im Mittelpunkt. Und wenn sich dann alle genug Sorgen gemacht haben, fange ich einfach wieder an zu essen. Aber das ging dann nicht mehr.»
Oft bemerken Eltern die Krankheit lange Zeit nicht
Sabrinas Eltern haben nichts von ihrer Krankheit bemerkt. Im Gegenteil: Ihre Schulleistungen wurden wieder sehr gut. Sie hat im Haushalt geholfen, hat ihrer Mutter Emmy Gehrig «regelrecht die Arbeiten aus der Hand genommen. Sie war eine Tochter, wie man sie sich wünscht. Das habe ich genossen. Dabei hätte ich mich fragen müssen, warum sie nicht rebelliert.»
Zu Beginn ihrer Anorexie wollen sich die Mädchen oft nur noch gesund und vegetarisch ernähren. So auch Sabrina: Sie hörte auf Fleisch zu essen und nahm ab. «Aber wenn man jemanden jeden Tag sieht, fällt einem das nicht so auf», erinnert sich ihr Vater Urs Gehrig. «Im Nachhinein ist man klüger. Heute sage ich ganz klar: Wenn ein Kind sein Essverhalten plötzlich ändert, muss man unbedingt nachhaken.»
Magersucht lässt die Entwicklung stagnieren
Magersüchtige haben nicht gelernt, auf ihre eigene Befindlichkeit zu achten und ihre Gefühle angemessen auszudrücken, sie sind extrem leistungsorientiert. Oft stecke auch die Angst vor der Veränderung des Körpers dahinter, sagt Bettina Zuppinger. «Der Busen wächst, der Körper bekommt rundlichere Formen. Das kann als Bedrohung empfunden werden.» Durch die Magersucht hört die Produktion der Sexualhormone auf, die Periode bleibt aus, die Entwicklung stagniert. Auch bei Sabrina: «Man geht auf das Niveau einer Zehnjährigen zurück. Da mag man nichts mehr wissen von Jungs und Sexualität. Am Schluss hat mich das sogar richtig angeekelt.»
Anorektische Mädchen nehmen ihren Körper anders wahr. Sie empfinden sich nicht als untergewichtig oder krank. Dennoch wird die kleinste Menge Essen wie ein Schluck Orangensaft oder ein Stückchen Brot zur bedrohlichen Kalorienbombe.
Sabrina lebt seit März in der Wohngruppe für Anorektiker in der Kinder- und Jugendklinik des Triemli-Spitals Zürich. In vielen Therapiestunden hat sie gelernt, dass sie ernsthaft krank ist - und weshalb es so weit kam. Ihre Depression ist geheilt, ihre Haare fallen nicht mehr aus, und ihre Gedanken sind «nur noch zu 50 Prozent aufs Essen» fixiert. Aber sie hat noch immer Durchblutungsstörungen, und die Periode bleibt aus. Dennoch denkt sie manchmal: «So wie ich jetzt bin, fühl ich mich wohl, ich will nicht dicker sein.»
Sabrina wiegt jetzt 49 Kilo, noch 5 Kilo mehr, und sie darf nach Hause. Sie hofft, es bis Weihnachten zu schaffen. Etwas Angst hat sie, dass sie das Gewicht nicht wird halten können. Aber die Vorfreude überwiegt: «Dann komme ich wieder unter die Leute, dann fängt mein Leben wieder an.»
Lilo Wicki
Das sind die Warnsignale
Begriffe
5 bis 10 Prozent der Jugendlichen mit Essstörungen sind Jungen. Man unterscheidet:
- Anorexie: Essensverweigerung
- Bulimie: Ess-Brech-Sucht
- Orthorexie: Zwanghafte gesunde Ernährung
Kennzeichen der Anorexie
- Fixierung auf alles, was mit Nahrung und der Vermeidung von Kalorienaufnahme zu tun hat
- Zwangserscheinungen wie etwa Penibilität («Tüpflischisser»-Symptom) oder Waschzwang
- Gestörte Körperwahrnehmung
- Übermässig grosser Ehrgeiz in schulischen Fragen
- Depressive Verstimmung, oft begleitet von Suizidgedanken
- Abkapselung: Rückzug von der Aussenwelt
Gesundheitliche Folgen
Bei Anorexie ist eine medizinische Abklärung unbedingt notwendig - vor allem, um andere Krankheiten auszuschliessen. Dies sind typische Symptome der psychosomatischen Erkrankung:
- Abnehmende Knochendichte (Osteoporose)
- Gestörter Hormonhaushalt: Ausbleiben der Periode
- Stillstand des Wachstums (Kleinwüchsigkeit)
- Verminderte Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit
- Durchblutungsstörungen (eiskalte Hände und Füsse)
- Zahnverfall, Schädigung des Zahnfleisches
- Vermehrter Haarausfall
- Brüchige Nägel, trockene Haut
Anlaufstellen
Für Rat und Abklärungen wenden sich Eltern und Jugendliche an:
- den Kinderarzt oder Hausarzt
- Jugend- und Familienberatungsstellen
- Schulpsychologische Dienste
- Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste
- Erziehungsberatungsstellen
- Sozialdienste
Links zum
Thema Magersucht:
- www.medizinfo.de/ernaehrung/anorexie.htm
- www.magersucht-online. de/info.htm
06. November 2002
