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Artikel | Gesundheits-Tipp 11/2002

Abenteuerreise in die Psychose

Malaria endet oft tödlich. Wer in die Tropen reist, erhält von seinem Arzt deshalb vorbeugende Medikamente - meist Lariam. Jetzt steht das bekannte Mittel im Verdacht, für Suizide verantwortlich zu sein.

Helft mir! Ich glaube, ich bin blind!» Es ist stockdunkel in dem kleinen Zelt mitten in Kenias Wildnis. Die Hilferufe von Karin Müller aus Zürich lassen ihre beiden Freundinnen hochschrecken. Eilig schalten sie die Taschenlampe ein und finden die 35-Jährige mit vor Schreck aufgerissenen Augen in ihrem Schlafsack. Jetzt merkt sie: Es war eine Panikattacke. Sie kann doch sehen.

Schlimmer wird es am nächsten Tag. Beim Besuch in einem Eingeborenendorf kann sich Karin Müller plötzlich nicht mehr auf den Beinen halten. Ein Weinkrampf schüttelt sie. «Ich habe das noch nie erlebt», erzählt sie später. «Plötzlich strömten Wellen von Panik durch meinen Körper.» Eine der Freundinnen, mit denen die Redaktorin auf Safari ist, hat die Idee. «Lass doch mal das Lariam weg», rät sie. Und tatsächlich: Die Panikattacken verschwinden.

Ärzte empfehlen vielen Touristen, die in die Tropen reisen, Lariam vorbeugend gegen Malaria einzunehmen. Das Mittel ist vergleichsweise billig, weil man nur wenige Tabletten braucht. Und es schützt gut vor der Malaria, die pro Jahr zwei bis drei Millionen Menschen tötet.

Wegen seiner Nebenwirkungen gerät Lariam aber immer wieder in die Schlagzeilen. Jüngstes Beispiel: Eine Serie von Familientragödien im amerikanischen Ort Fort Bragg. Innerhalb von sechs Wochen brachten dort drei Soldaten, Angehörige einer Spezialeinheit mit vielen Auslandseinsätzen, ihre Frauen um. Zwei begingen anschliessend Selbstmord.

Das war im vergangenen Sommer. Angehörige und einige Experten meinen: Lariam war dafür verantwortlich. Denn alle drei Soldaten nahmen das Medikament regelmässig, teilweise bereits seit zehn Jahren. Alle drei benahmen sich in den Wochen vor der Bluttat plötzlich auffällig. Und keiner von ihnen war zuvor gegen seine Frau gewalttätig geworden.

Lariam enthält den Wirkstoff Mefloquin, den die US-Armee in den Fünfzigerjahren entwickelte. Die Lizenz für den Vertrieb liegt beim Schweizer Pharmakonzern Roche. Bereits im Juli, kurz nach der Tragödie von Fort Bragg, änderte Roche in den USA die Packungsbeilage.


Roche hat in den USA 12 000 Ärzte gewarnt

Dort heisst es jetzt im Abschnitt «Warnungen»: Der Wirkstoff Mefloquin «kann bei einigen Patienten psychiatrische Symptome wie Angstzustände, Depressionen oder Verwirrtheit hervorrufen. Es gibt Berichte, dass diese Symptome gelegentlich andauern, lange nachdem das Medikament abgesetzt wurde.» Und weiter: «Es gibt seltene Berichte über Suizidgedanken und Suizide, wobei eine Verbindung zum Medikament nicht bewiesen ist.» In den USA wies Roche zudem 12 000 Ärzte auf die Gefahren hin.

Unter Tropenexperten ist unumstritten: Bis zu einem Drittel der Bezüger von Mefloquin-Medikamenten leiden unter Nebenwirkungen. «Bis vor fünf Jahren hat man das Problem unterschätzt», sagt der Zürcher Tropenarzt Kurt Markwalder. «Dann haben wir gesehen, dass wir viel genauer hinschauen müssen.»

Auf den Beipackzetteln in der Schweiz zählt Roche psychische Störungen und Suizid-Gedanken unter «weniger häufige Nebenwirkungen» auf. Und die Gefahr, dass diese Störungen lange anhalten können, auch wenn das Medikament abgesetzt ist, erwähnt das Unternehmen nicht.

Doch auch die Heilmittelbehörde Swissmedic hat seit 1990 über 100 Meldungen zum Wirkstoff Mefloquin erhalten. Darunter waren auch einzelne Berichte über Suizidversuche. «Bei einem so häufig gebrauchten Medikament beunruhigt uns das nicht», sagt Rudolf Stoller von der Swissmedic. Seiner Ansicht nach enthält das in der Schweiz vertriebene Lariam ausführliche Warnhinweise. Die Behörde werde aber prüfen, ob es aufgrund der neuen Informationen aus den USA Änderungen geben muss.

Roche sieht in der Schweiz keinen Anlass, die Information anzupassen. Es gebe «generell keinen Zusammenhang» zwischen Lariam, psychischen Störungen und Suizidgedanken, behauptet Pressesprecher Alexander Klauser. Er beruft sich auf einen «internen, nicht für die Öffentlichkeit bestimmten» Expertenbericht.


Seit fünf Jahren gibt es eine Alternative zu Lariam

Die Alternativen zu Lariam sind spärlich gesät. Ältere Malaria-Medikamente wirken oft nicht mehr, weil der Erreger dagegen resistent ist. Mit Malarone von Glaxo Wellcome gibt es seit 1997 ein Medikament, das man überall auf der Welt anstelle von Lariam einnehmen kann.

Die Swissmedic verzeichnet keine psychischen Nebenwirkungen. Doch das Mittel ist noch neu. «Bei Lariam kannten wir nach fünf Jahren auch noch nicht alle Probleme», sagt Tropenarzt Markwalder.

Malarone muss man jeden Reisetag einnehmen. Deshalb ist das Medikament deutlich teurer. Zwölf Tabletten für zwölf Tage kosten 63 Franken. Bei Lariam hat der Reisende nach dieser Zeit drei Tabletten für 18 Franken verbraucht.

Auch aus diesem Grund geben Unternehmen wie die Fluggesellschaft Swiss ihren Angestellten vorbeugend Lariam. Malarone verwendet die Swiss nur in Ausnahmefällen. «Wir müssen auf die Kosten achten», rechtfertigt Swiss- Flugärztin Rosmarie Wyss die Haltung ihres Unternehmens. Die Swiss rät ihren Angestellten, bei «Nebenwirkungen, vor allem ungewöhnlichen psychischen Reaktionen», Lariam abzusetzen.

Jacques Renk, Projektleiter bei der Christoffel-Blindenmission, hat bei seinen Reisen nach Afrika Lariam auch dabei. «Allerdings nur für Notfälle, wenn ich mich fiebrig fühle», sagt er. Auch Renk kennt Kollegen, die mit Lariam Angstzustände bekommen haben. «Wer nicht als Tourist kommt, sondern länger in Afrika lebt, muss sich anders schützen. Denn sonst wird man von den Medikamenten krank.»



So können Sie sich vor Malaria schützen

Vorbeugende Medikamente gegen Malaria braucht man vor allem in Afrika, Indien und einigen Regionen Brasiliens. In weitere tropische Gebiete sollte man zur Sicherheit ein Malaria-Mittel mitnehmen, falls Fieber ausbricht. So sorgen Sie vor:


Vor der Reise

- Gehen Sie einige Wochen vor der Reise zum Tropenarzt.

- Kaufen Sie genügend Malaria-Medikamente.

- Nehmen Sie genügend tropentauglichen Insektenspray auf die Reise mit. Tropische Mücken können ausser Malaria noch andere Krankheiten übertragen.


Während der Reise

- Tragen Sie lange Hosen und Hemden.

- Sprühen Sie den Schlafraum, das Bett sowie mehrmals am Tag den Körper mit Insektenspray ein.

- Meiden Sie stehende Gewässer, besonders in der Dämmerung.

Weitere Informationen:

- www.safetravel.ch

06. November 2002 | Claudia Peter cpeter@pulstipp.ch


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