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Wer sich via Internet weiterbildet, kann Zeit und Geld sparen. Vorausgesetzt, er lernt diszipliniert. K-Spezial sagt, worauf Sie bei E-Learning achten müssen.
Eine neue Frage erscheint. Konzentriert starrt Ronny Fuchs auf den Bildschirm. «Was besagt die goldene Bankregel?» Fuchs liest die vorgegebenen Lösungen, denkt einen Moment nach und klickt Antwort drei an.
Bis zu vier Stunden pro Woche sitzt der 19-jährige KV-Lehrling am PC und füllt Testbogen aus. Fuchs repetiert via Internet den Schulstoff für die KV-Abschlussprüfung in der Branchenkunde Bank.
Beantwortet er zu viele Fragen falsch, winkt der virtuelle Mahnfinger: «Sie wissen noch sehr wenig über Hypotheken. Wir empfehlen Ihnen, das ganze Lernheft zum Thema zu bearbeiten. Sie werden bestimmt ein besseres Resultat erzielen.»
Die Bank bietet E-Learning als Ergänzung zum klassischen Unterricht an. Das digitale Lernen ist aber nicht nur beim KV angesagt. Auch an Universitäten, Fachhochschulen und Privatschulen ist es Trumpf.
«Diese Form des Lernens hat eine grosse Zukunft», sagt Oliver Bendel, Leiter des Kompetenzzentrums E-Learning an der Universität St. Gallen, «denn es ermöglicht flexibles Lernen.» Und dies auf zwei Arten:
- Beim klassischen E-Learning lernt man unabhängig vom Internet über Programme auf Disketten oder CD-ROM. Beliebt sind Kurse zu Anwenderprogrammen wie Word und Excel, Lehrgänge für Fremdsprachen, Rechnungswesen oder Management. Mit einigen Programmen kann man sogar üben, wie man sich zu Tisch richtig verhält oder sich für bestimmte Gelegenheiten korrekt anzieht. Solche Disketten kosten im Handel je nach Kurs ab 80 Franken.
- Bei der neueren Form des E-Learnings holt man den Schulstoff wie Ronny Fuchs aus dem Internet. Die Lernenden haben so unabhängig von Zeit und Ort Zugriff auf Lernmaterialien.
Gemäss einer Erhebung des Bundesamtes für Statistik setzt heute bereits ein Fünftel der Schweizer Bevölkerung den Computer auf die eine oder andere Art zum Lernen ein. 1996 waren es noch acht Prozent. Das Bundesamt geht davon aus, dass der Markt weiterhin stark wachsen wird.
Auch die Zahl der Angebote hat stark zugenommen, obwohl es bislang kaum vergleichbare Kurse gibt. In der Migros etwa kostet eine Fortbildung in Geschäftsenglisch samt Eintrittstest und Betreuung rund 1500 Franken (www.klubschule.ch). Bei www.onken.ch zahlt man für den computergestützten Kurs «Multimedia English» mit Online-Betreuung rund 400 Franken.
E-Learning ist meist nur Teil des Kurses
Um ein E-Learning-Student wie Ronny Fuchs zu werden, braucht es einen handelsüblichen Computer mit einem Internet-Anschluss und ein E-Mail-Konto. Fortgeschrittene Kenntnisse im Umgang mit Computer und Internet sind nicht notwendig. Oliver Bendel von der Uni St. Gallen: «Lernprogramme stellen oft eine einfache Art dar, sich mit dem Computer vertraut zu machen.»
Bevor Kursteilnehmer die Maus in die Hand nehmen, treffen sie sich mit dem Lehrer, um die Lernplattform kennen zu lernen. Je nach Kurs müssen sie einen Einstufungstest machen. Normalerweise bleibt es nicht bei der einen Zusammenkunft. Denn E-Learning ist meist nur Teil einer Aus- oder Weiterbildung - und wird durch periodischen Präsenzunterricht ergänzt.
Ausserhalb dieser Fixzeiten liegt es in der Hand jedes einzelnen, die Lektionen zu Hause zu lernen. Ohne Lehrer gehts aber auch in der virtuellen Schulstube nicht. Der Schulmeister von einst heisst in der Online-Welt etwa Tutor, Trainer oder Telecoach. Er ist mit den Schülern via Internet durch Kommunikationsmittel wie Chat, Forum und E-Mail verbunden. Je nachdem sind Klasse und Lehrer zeitgleich im Netz oder sie kommunizieren zeitverschoben. Die Kursteilnehmer können die Plattform auch benutzen, um miteinander zu diskutieren oder in Gruppen zusammen zu arbeiten.
Die Vorteile des E-Learnings sind offensichtlich: Schulweg und Reisekosten entfallen. Man kann vom Arbeitsplatz aus, auf der Geschäftsreise oder von zu Hause aus büffeln.
Das Lernen ist nicht an einen Stundenplan gebunden und nicht auf festgelegte Lektionen beschränkt. Der Lerninhalt ist in abgeschlossene Einheiten aufgeteilt. So kann Ronny Fuchs zum Beispiel die Reihenfolge der Unterrichtsmodule selber wählen und individuell Schritt für Schritt durchlaufen. Er kann Lerntempo und -tiefe selber bestimmen.
Zudem vereinfacht die multimediale Aufbereitung des Lernstoffs das Pauken: Er kann den Stoff als Text lesen, dazu Grafiken, Bilder oder Filmchen abrufen und zur Vertiefung Tests und Übungen machen.
Diese Vielfalt macht das E-Learning zu einer effizienten Methode.
In einem Pilotprojekt an der Hochschule für Heilpädagogik Zürich wurden klassische und E-Learning-Weiterbildungsstudiengänge verglichen: Im Schlussbericht fasst Leiter René Albertin zusammen: «Die Leistungen und die Zufriedenheit der Studierenden gegenüber den regulären Studiengängen an der Hochschule sind absolut gleichwertig.»
Professor Conrad Meyer vom Institut für Rechnungswesen und Controlling an der Uni Zürich geht noch weiter. «Die ersten Erfahrungen beim E-Learning haben gezeigt, dass der Lernnutzen sogar höher ist als im klassischen Präsenzunterricht.» Deshalb ist an seinem Institut das digitale Lernen seit diesem Herbst fester Bestandteil des Studiums.
Doch lange nicht alle sind so begeistert von dieser neuen Lernkultur. Zu den häufigsten Einwänden gehört, dass der menschliche Kontakt verloren geht. Und dass bei dieser Methode viel Disziplin und Eigeninitiative gefragt sind, was Ronny Fuchs nur bestätigen kann: «Wer sich bei Problemen ablenken lässt, klickt sinnlos herum und verliert sich.»
Fuchs schätzt vor allem die Tests. Bei der Frage nach der goldenen Bankregel hat er Antwort drei angeklickt: «Langfristige Ausleihungen müssen mit langfristigen Passivgeldern finanziert werden.» Blitzschnell ist ein grünes Häkchen erschienen: richtig. Vor kurzem hat er die KV-Abschlussprüfung abgelegt und - dank E-Learning, wie er selber sagt -, mit Bravour abgeschlossen.
So prüfen Sie die Qualität des Angebots
Wer einen E-Learning-Kurs belegen möchte, sollte das Angebot vor Vertragsunterzeichnung genau prüfen. Halten Sie sich an die Tipps im Artikel auf Seite 27. Laut Oliver Bendel von der Uni St. Gallen sollten Sie zusätzlich folgende Fragen klären:
- Bietet der Anbieter einen kostenlosen Schnupperkurs an? Das ist bei seriösen Lehrgängen oft so. Längerfristige oder kostspielige Lehrgänge sollte man nur buchen, wenn Kurs und Lernplattform einem zusagen.
- Gibt es einen persönlichen Betreuer/Lehrer?
- Gibt es die Möglichkeit, gemeinsam mit andern zu lernen?
- Wird das E-Learning durch klassischen Präsenzunterricht begleitet? Allerdings: Es gibt seriöse Institute, die Fernunterricht ohne klassische Unterrichtseinheiten anbieten.
Stephan Pfäffli
Internet-Adressen
- www.w-a-b.ch - allgemeine Angebote
- www.e-bildung.ch - allgemeine Angebote
- www.learningcenter.unisg.ch - Links zu E-Learning-Plattformen
- www.fernuni-haben.de - für Fernuni-Studenten
- www.edutech.ch - für Hochschulaus- und -weiterbildung
- www.onken.ch - für Erwachsenenbildung
- www.fernfachhochschule.ch - für Erwachsenenbildung
- www.addy.ch - für Kinder
01. September 2002
