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Anbieter für Behindertenhilfsmittel kassieren in der Schweiz fette Margen. Krankenkassen und die hoch defizitäre Invalidenversicherung bezahlen die Zeche.
Was soll an diesem Plastiklöffel 78 Franken wert sein?», ärgert sich Betty Künzi. Sie pflegt ihren hirnverletzten, gelähmten Mann seit sieben Jahren. Tag für Tag braucht sie Hilfsmittel wie den Plastiklöffel mit dickem Griff, und sie weiss, wie teuer solche Produkte sind.
Betty Künzi lud Kassensturz zu sich nach Hause ein und präsentierte ein Beispiel nach dem andern: Eine Stütze für den Unterarm - bestehend aus etwas Draht, Leder und Klettverschluss - kostet 1000 Franken. Eine Waschschüssel für Patienten: 80 Franken. Die gleiche Schüssel fand Künzi in der Haushaltabteilung eines Grossverteilers. Dort kostete sie 20 Franken.
Völlig überteuert sind auch die Ersatzteile von Rollstühlen. Für einen Abduktionskeil, der den Sitzkomfort des Patienten erhöht, verrechnet der Rollstuhlanbieter 248 Franken. Kassensturz liess das Ersatzteil bei einem Polsterer in Handarbeit anfertigen und musste dafür nur 120 Franken bezahlen - weniger als die Hälfte.
Bundesverträge: Lizenz zum Abkassieren
Wenn sich Betty Künzi beim Händler über die hohen Preise beschwert, bekommt sie immer die gleiche Antwort: Sie müsse die Rechnung ja nicht selber bezahlen, dafür seien die Versicherungen da.
Im Fall von Betty Künzis Mann ist das die gut betuchte Militärversicherung. Eine Ausnahme. Normalerweise kommt die Krankenkasse für medizinische Hilfen wie Prothesen oder Inkontinenzmaterial auf. Und die Invalidenversicherung (IV) bezahlt für Hilfsmittel wie Rollstühle. Und die gehören in der Schweiz zu den teuersten weltweit. Für einen Standard-Elektrorollstuhl bezahlt die Kasse in Deutschland 7000 Franken, in der Schweiz kostet er aber zwischen 15 000 und 20 000 Franken.
Die IV bezahlt die fetten Margen anstandslos, obwohl sie hoch verschuldet ist. Allein aus dem vergangenen Jahr resultiert ein Defizit von einer Milliarde Franken. Und die finanziellen Prognosen sind düster: Neben dem starken Anstieg der Ausgaben diskutiert der Ständerat in der laufenden Herbstsession über einen Ausbau der Leistungen zu Gunsten der Behinderten.
Hilfsmittelanbieter verteidigen die überhöhten Preise
Trotzdem liest sich der Vertrag, den die Rollstuhlanbieter 2001 mit dem Bundesamt für Sozialversicherung ausgehandelt haben, wie eine Lizenz zum Abkassieren: In Rechnung gestellt werden aktuelle Marktpreise. Das heisst: Die grossen Rollstuhlanbieter diktieren den Preis. Die Hilfsmittelanbieter geben zu, dass einzelne Produkte unanständig teuer seien. Hermann Messerli von der Bimeda, einem der Anbieter, weist auf den Beratungsaufwand hin, der im Preis einkalkuliert sein müsse. «Zudem fallen auch hohe Lagerkosten an, da viele Produkte nur in kleinen Stückzahlen umgesetzt werden», betont er.
Die IV bestätigt die Recherche von Kassensturz. Leiterin Beatrice Breitenmoser verteidigt sich: «Für harte Verhandlungen braucht es enormes Fachwissen.» Dieses müsse sich die IV zuerst aneignen.
Daniel Mennig
Günstigere Konditionen
Santésuisse, der Verband der Schweizer Krankenkassen, hat mit einigen Anbietern auf dem Hilfsmittelmarkt (Inkontinenz- und Sauerstoffgeräte) Verträge abgeschlossen. Die Lieferanten verpflichten sich darin, ihre Produkte zu tieferen Preisen abzugeben. Mit weiteren Anbietern seien die Verhandlungen am Laufen, sagt Terry Spillmann von Santésuisse.
Insgesamt rechnet man mit einem Sparpotenzial von 200 bis 400 Millionen Franken auf dem Hilfsmittelmarkt. Santésuisse will zudem alle günstigen Lieferanten und Abgabestellen auf einer Internetseite veröffentlichen. Patienten sollen sich informieren können, wo sie ihr gewünschtes Produkt zu günstigen Konditionen kaufen können. Die Homepage soll ab November auf dem Netz sein.
Organisation für Angehörige von Hirnverletzten
Betty Künzi pflegt ihren hirnverletzten Mann seit sieben Jahren zu Hause. Auch weil es noch keine Langzeiteinrichtung für schwere Fälle gibt. Ihr Ziel ist es, ein Kompetenzzentrum für Hirnverletzte und -erkrankte aufzubauen. Dazu hat sie folgende Selbsthilfeorganisation gegründet:
SSS, Selbsthilfe Schweizer, Schädelhirnpatienten, Villa Alfi, Via Bedéa, 6986 Novaggio, Telefon 091 606 27 68, Fax 091 606 22 76
25. September 2002
