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Artikel | Gesundheits-Tipp 8/2002

Medizin im Frühstück

Das Bundesamt für Gesundheit will Brot mit Folsäure versetzen lassen. Experten kritisieren die Aktion und befürchten, dass bestimmte Krankheiten zunehmen.

Thomas Grether thgrether@pulstipp.ch

Der Plan ist umstritten: Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) will der gesamten Bevölkerung künstliche Folsäure verabreichen. Und zwar per Gesetz. Bäcker müssten ihre Brote mit Mehl backen, das mit Folsäure angereichert ist. Ziel der Aktion sind vor allem Schwangere. Aber auch Kleinkinder, Jugendliche und Männer würden das Brot auf den Teller kriegen.

Folsäure soll Spina Bifida verhindern, einen Geburtsdefekt, den etwa 20 Babys pro Jahr haben. Das heisst: Die Kampagne würde vielleicht 10 dieser offenen Rücken verhindern. Aber dafür müssten in der Schweiz über sechs Millionen Menschen erhöhte Mengen Folsäure zu sich nehmen. Das macht wenig Sinn. Deshalb hat das BAG die Taktik geändert und verkündet neuerdings, dass Folsäure allen nütze, weil sie auch gegen Herz-Kreislauf-Krankheiten wirke.


Bei ausgewogener Ernährung isst man genug Folsäure

Doch nicht nur Ernährungsspezialisten und Ärzte stellten die Folsäurepläne des BAG in Frage (Puls-Tipp 9/2001). Jetzt äussern sich dazu erstmals auch die Grossverteiler Coop und Migros kritisch. Coop ist gegen eine gesetzliche Verordnung von Folsäure. «Dies wäre eine Zwangsverabreichung, die wir nicht unterstützen», sagt Edith Koch, Leiterin der Abteilung Ernährung von Coop. «Die Konsumenten sind schliesslich mündig und wollen selbst entscheiden, ob sie zusätzlich Folsäure essen wollen oder nicht.»

Auch bei der Migros heisst es, die Kunden müssten «in jedem Fall» die Wahl haben, Brot mit oder ohne Folsäure zu essen. Ausserdem nehme man bei ausgewogener Ernährung mit Früchten und Gemüse genügend Folsäure zu sich.

Was ist aber, wenn Folsäure der Gesundheit mehr schadet als nützt? Auch Udo Pollmer, Leiter des unabhängigen Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften, kann das nicht ausschliessen. «Es ist verantwortungslos, die gesamte Bevölkerung zum Essen von Folsäure zu zwingen», sagt Pollmer.

«Niemand weiss, wie sich erhöhte Folsäuredosen längerfristig auf den Organismus auswirken.» Jeder Mensch verwerte Folsäure anders. «Folsäure kann epileptische Anfälle verstärken. Es erschwert zudem die Diagnose einer Perniziösen Anämie, einer Blutkrankheit, die tödlich enden kann.» Pollmer befürchtet, dass bestimmte Krankheiten zunehmen könnten, was unzureichend untersucht sei.


Auch gegen die Jod-Aktion werden Stimmen laut

Das BAG will zu diesen Vorwürfen nicht Stellung nehmen. Es hält an seinem Vorgehen fest, das an die künstliche Jodierung erinnert, welche die Behörden Anfang der 20er Jahre durchsetzten. Darüber schrieb der Zürcher Arzt und Jod-Befürworter Hansjakob Wespi-Eggenberger 1942: «Es hat sich immer wieder gezeigt, dass es am besten ist, wenn die Einführung des jodierten Kochsalzes stumm erfolgt. Das heisst ohne Propaganda und grosse Volksaufklärung.» Wespi damals wörtlich: «Man vermeidet damit am leichtesten neurotische Reaktionen bei überängstlichen Individuen.» Heute leiden manche Menschen unter der Jodierung.

Warnende Stimmen, wie etwa die des verstorbenen Schweizer Arztes Alfred Vogel, überhörten die Behörden. Vogel damals: «Der Genuss von Jod-Salz wirkt sich bei all den Vielen aus, die zu einer Überfunktion der Schilddrüse neigen.» Und weiter: «Es ist nicht begreiflich, dass die Einführung eines solchen Salzes für die Allgemeinheit gutgeheissen wird.»

Heute zeigt sich: Künstliches Jod im Essen hat zwar den meist harmlosen Kropf beseitigt, macht jedoch immer mehr Menschen krank - sie leiden an Problemen mit der Schilddrüse, Herzstolpern, Akne und Depressionen. Das BAG streitet dies ab, während Ärzte im In- und Ausland einen sofortigen Stopp der behördlichen Jod-Aktion fordern (Puls-Tipp 5/2002).

Kommt das BAG mit seinen Plänen durch, stecken im Brot künstliches Jod und künstliche Folsäure - ein jahrtausendealtes Grundnahrungsmittel wäre zu einem Medikamenten-Cocktail geworden.

01. August 2002


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